Die„Messlatte“ des Vergleichs: Modernisierungstheorien und ein modernisierungstheoretisches Modell der Sozialstrukturentwicklung

Für den Vergleich von Gesellschaften innerhalb der genannten Sozialstrukturdimensionen soll eine sehr einfache „Messlatte“ verwendet werden. Es soll modellhaft angenommen werden, dass sich alle Gesellschaften der Welt modernisieren. Sie entwickeln sich also früher oder später, schneller oder langsamer in jene Richtung, die Modernisierungstheorien als „Modernisierung“ kennzeichnen (Kap. 2.2.1). Damit wird weiterhin modellhaft unterstellt, dass auch die Sozialstrukturen der Gesellschaften sich modernisieren werden. Was dies bedeutet, wird in drei Modelle zusammengefasst (Kap. 2.2.2). Sie skizzieren vereinfachend den Stand der Sozialstrukturentwicklung in drei Phasen der Modernisierung. Es geht also um die typische Sozialstruktur von Agrargesellschaften, von Industriegesellschaften und von postindustriellen Dienstleistungsgesellschaften. Im Folgenden soll mithilfe dieser drei Modelle gemessen werden, „wie weit“ die Modernisierung der einzelnen Gesellschaften innerhalb der voranstehend angegebenen Sozialstrukturdimensionen fortgeschritten ist. Zudem kann mithilfe der drei Phasen-Modelle auch überprüft werden, ob sich bisher ein typischer Verlauf ergeben hat oder ob die zu beobachtende Sozialstrukturentwicklung einen untypischen Verlauf nimmt. Schließlich werden bei den nachstehenden Vergleichen vereinfachend Gesellschaften weitgehend mit Staaten gleichgesetzt, auch wenn es durchaus berechtigte Kritik an einem Gesellschaftsbegriff gibt, der auf Staaten beschränkt bleibt und das dahinterstehende Container-Modell vor allem im Zuge von Transnationaliersungsprozessen immer weniger Sinn macht (vgl. etwa Heidenreich 2006; Smith 1998).

Wie einleitend erwähnt, wurden die herkömmlichen Modernisierungstheorien nicht deswegen als Grundlage des Vergleichsmaßstabs gewählt, weil sie und die darauf aufbauenden Modelle der Sozialstrukturentwicklung in jeder Hinsicht zutreffen. Im Gegenteil wird sich zeigen, dass die angeführten Kritiken an den Modernisierungstheorien im Wesentlichen zutreffend sind. Vielmehr sollen diese Theorien und die darauf aufbauenden Modelle als heuristische Vergleichsmaßstäbe dienen, um bei der Vielzahl von Gegenüberstellungen nicht den Überblick zu verlieren. Erst vor dem Hintergrund solcher Modellvorstellungen lassen sich nationale und regionale Unterschiede einordnen. Sei es, dass gewisse Gesellschaften oder sozialstrukturelle Bestandteile aus modernisierungstheoretischer Sicht „fortschrittlicher“ oder „rückständiger“ als andere sind. Sei es, dass bestimmte Länder in mancher Hinsicht einen anderen als in dem Modell der Sozialstrukturentwicklung vorgesehenen Weg zurücklegen oder gelegt haben. Wenn beispielsweise Spanien keine Industriegesellschaft war, wohl aber Anfang des 21. Jahrhunderts eine Dienstleistungsgesellschaft ist, kann dies aus der Perspektive der Modernisierungstheorien und dem Modell der Sozialstrukturentwicklung als alternativer Verlauf im Vergleich zu dem idealtypischen vorgesehenen qualifiziert werden. Aber erst vor dem Hintergrund eines an Modernisierungstheorien ausgerichteten Modells einer als typisch definierten Entwicklung wird die Besonderheit des Verlaufs deutlich. Sie bedarf dann einer eigenen Erklärung, zumal wenn sich andere als die modernisierungstheoretisch modellierten Entwicklungen vermehrt beobachten lassen. Die Nichterklärung von alternativen Entwicklungsverläufen ist schließlich nicht als ein Nachteil des Modells anzusehen, da grundlegend keine Theorie alles erklären kann und Theorien stets von empirischen Befunden abstrahieren müssen. Vielmehr sind die nicht dem Modell entsprechenden Verläufe insofern als ein Vorteil anzusehen, da sie dazu zwingen, nicht nur die vorgelegte Theorie zu revidieren, sondern auch nach anderen Erklärungen der jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklung zu suchen.

 
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