Theorien der Modernisierung

Unter „sozialem Wandel“ versteht man die Gesamtheit der relativ nachhaltigen und verbreiteten, jedoch nicht notwendigerweise in eine bestimmte Richtung verlaufenden Veränderungen gesellschaftlicher Strukturen. Darin eingeschlossen ist auch der Wandel der Sozialstruktur. „Soziale Entwicklung“ wird derjenige soziale Wandel genannt, der in einer vorgedachten Richtung verläuft wie etwa Fortschritt oder gesellschaftliche Zerfallsprozesse. Dies beinhaltet auch verschiedene Kreisoder Phasenmodelle wie etwa von Arnold J. Toynbee (2009) oder Oswald Spengler (1963), nach denen Gesellschaften erst entstehen, sich auf ein höchst Niveau zu bewegen und anschließend untergehen. Als „Modernisierung“ wird schließlich eine bestimmte, im Folgenden ausführlicher dargestellte Form „sozialer Entwicklung“ bezeichnet (vgl. etwa Zapf 2002). Modernisierung besteht also in der Entwicklung bestimmter Eigenschaften von Gesellschaften.

In den ersten, zumeist funktionalistischen Modernisierungstheorien, die vor allem in den 1950er und 1960er Jahren unter anderem auf Anfrage der US-amerikanischen Politik ausgearbeitet wurden, werden diese Veränderungen überwiegend positiv bewertet (Hoselitz 1957; Lerner 1965; Levy 1952; Parsons 1964, 1969; vgl auch Knöbl 2001; Zapf 1969). Modernisierung wird dort als eine Form der gesellschaftlichen Entwicklung hin zum Besseren verstanden. Viele soziologische Klassiker wie etwa Emile Durkheim (1858–1917), Herbert Spencer (1820–1903) oder Max Weber (1864–1920), aber auch viele neuere Modernisierungstheoretiker wie Zygumt Baumann, Ulrich Beck, Shmuel N. Eisenstadt, Samuel P. Huntington bewerten den Prozess hin zu einer modernen Gesellschaft hingegen nicht ausschließlich positiv. Vielmehr weisen sie neben den Vorauch auf die Nachteile von Modernisierungsprozessen hin.

Die Frage nach den Ursachen der Modernisierung wird in den verschiedenen Modernisierungstheorien recht unterschiedlich gesehen. Funktionalistische Integrationstheorien erklären das Zustandekommen und die Durchsetzung der Modernisierung aus einem besseren „Funktionieren“ sowie einer höheren Effizienz und Effektivität moderner Gesellschaften. So erklärt etwa Talcott Parsons (1964) den Strukturwandel anschaulich über eine Stufenabfolge, in der auf bestimmten Entwicklungsstufen bestimmte Strukturen wie etwa Geld und Marktwirtschaft oder ein Schichtungssystem sich durchsetzen und darüber eine bessere Anpassung an die Umwelt ermöglichen. Nach Parsons setzen sich deshalb moderne Gesellschaften beziehungsweise Gesellschaften auf höheren Entwicklungsstufen in der Konkurrenz der verschiedenartigen Gesellschaften eher durch. Gleichzeitig verdrängen sie die weniger modernen Gesellschaften oder zwingen sie zur Anpassung beziehungsweise zur Modernisierung. Neben den prominenten funktionalistischen Modernisierungstheorien sind Theorien der Modernisierung zuweilen auch konflikttheoretisch angelegt. Diese erklären die Entwicklung moderner Gesellschaften zumeist durch innergesellschaftliche Konflikte und durch die Herrschaft jener gesellschaftlicher Gruppierungen, die die Modernisierung gesellschaftlicher Strukturen in ihrem eigenen Interesse anstreben. Vor allem im Anschluss an die Theorie von Karl Marx und Friedrich Engels (1990), die die Entwicklung von Gesellschaften unter anderem über die Entwicklung der Produktivkräfte und der konflikthaft angelegten weitgehend starren Produktionsverhältnisse erklären, finden sich zahlreiche, nicht nur marxistisch ausgerichtete Theorieentwürfe, die sich auf gesellschaftliche Konfliktstrukturen konzentrieren, um Modernisierung zu erklären (Coser 1967; Dahrendorf 1957, 1969). Wie die Unterscheidung von funktionalistisch und konflikttheoretisch ausformulierten Modernisierungstheorien schon aufzeigt, analysieren Modernisierungstheorien die Ursache der Modernisierung nicht nur auf der Makroebene von Gesellschaften und gesellschaftlichen Subsystemen, sondern ebenso auf der Mikroebene der Akteure sowie auf der Mesoebene von Institutionen und Organisationen. Was letztlich als Auslöser für Modernisierung gewertet wird, kann von Theorien der Modernisierung sehr unterschiedlich gesehen werden. Beispiele sind etwa Eliten, technische und andere Innovationen, soziokultureller Wandel, soziale Klassen (Zapf 1996, S. 74).

Was zeichnet nun aber Modernisierung aus? Welche Erscheinungsformen von Gesellschaften werden durch die angeführten Theorien erklärt? Im Folgenden werden die wichtigsten Aussagen von Modernisierungstheorien systematisch zusammengestellt. Die soziologische Erklärung der gesellschaftlichen Modernisierung wird hier vor allem auf Grundlage der Aussagen funktionalistischer Integrationstheorien zusammengefasst, auch wenn es durchaus alternative Erklärungen gibt und andere empirische Verläufe etwa in Asien oder Südamerika zu beobachten sind (vgl. etwa Knöbl 2007). Modernisierung wird nachstehend als ein historischer Prozess verstanden, der sich ausgehend von Ideen und Gedankenwelten über politische Forderungen zunehmend verbreitet hat und letztlich die gesamte Gesellschaft prägt. Die umfassende gesellschaftliche Modernisierung, die die Soziologie vor allem interessiert, stellt hierbei die letzte Stufe der Verbreitung dar. Die historischen Grundlagen der Moderne bilden sich dementsprechend aber weitaus früher aus.

 
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