Seit dem 18. Jahrhundert: Politische und normative Modernisierung

Seit der Aufklärung beschränkt sich die Modernisierung nicht mehr ausschließlich auf die Denksysteme und Schriften einzelner bedeutender Menschen. Vielmehr wird mittlerweile öffentlich gefordert, wichtige Grundgedanken der Modernisierung mit Anspruch auf Allgemeingültigkeit politisch durchzusetzen. Besonders einflussund folgenreich sind die Schriften und Reden der französischen Aufklärer, die zunehmende Verbreitung auch außerhalb von Frankreich finden wie etwa von Charles de Montequieu (1689–1755), Denis Diderot (1713–1784), François Marie Voltaire (1694–1778), Jean-Baptiste le Rond d'Alembert (1717–1783). Neben den prominenten Werken der französischen Aufklärung finden sich die Ideen und Forderung der Aufklärung auch in anderen europäischen Regionen wie in England bei David Hume (1711–1776), im deutschsprachigen Raum bei Immanuel Kant (1724–1804), Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) und Christian von Wolff (1679–1754) oder etwa bei dem aus Genf stammenden Jean Jacques Rousseau (1712–1778).

Wirkungen erzielten die in der Aufklärung formulierten Forderungen zunächst vor allem bei den gesellschaftlichen Eliten und politischen Machthabern. Beispielhaft zu erwähnen ist etwa der „Aufgeklärte Absolutismus“ (Roscher 1847) von König Friedrich II. von Preußen (1712–1786), der Zarin Katharina der Großen von Russland (1729–1796) und des Kaisers Joseph II. von Österreich (1741–1790). Hinzu kommen aufklärerische Postulate, die unter anderem in Folge des Einflusses gesellschaftlich-bürgerlicher Eliten Eingang in die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 und vor allem in die Erklärung der Menschenund Bürgerrechte im Zuge der Französischen Revolution von 1789 gefunden haben. In verschiedenen europäischen Regionen lassen sich als Folge der Forderung auch weiterführende gesellschaftliche Umbrüche feststellen. Gesellschaftliche und politische Realität wurden etwa konstitutionelle Monarchien, die die absolutistischen Staatsorganisationen ablösen, die Säkularisierung weiter Teile der Gesellschaft sowie die zunehmende Verbreitung des politischen und wirtschaftlichen Liberalismus. Die Forderungen der Aufklärung stellen schließlich in wesentlichen Teilen den Versuch dar, Grundgedanken der Modernisierung zu konkretisieren und allgemein verbindlich durchzusetzen. Dies zeigt sich unter anderem an folgenden Postulaten und Forderungen:

1. Alle Menschen sind von Natur aus gleich, zur Vernunft fähig und entsprechend

zu behandeln.

2. Nur die Rationalität und die Vernunft stellen die Grundlage menschlichen Zusammenlebens und allgemein verbindlicher Entscheidungsprozesse dar.

3. Die Herrschaft über Menschen bedarf stets einer Begründung und Legitimierung durch die Vernunft.

4. Menschen sind vor allem durch Belehrung von äußeren Zwängen zu befreien und zur Autonomie zu führen.

5. Staat und Gesellschaft, Öffentlichkeit und Privatheit sind zu trennen.

6. Der Staat ist nach naturrechtlichen Grundsätzen aufzubauen. Grundlagen sind ein Gesellschaftsvertrag und eine Gewaltenteilung.

7. Ungleichheit im Sinne von gesellschaftlich geschaffenen Vorund Nachteilen zwischen Menschen kann nur auf ungleichen individuellen Beiträgen zum gemeinsamen Wohl beruhen.

8. Gesetze sind für alle Menschen gleichermaßen gültig.

 
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