Ein Modell der Sozialstrukturmodernisierung

In Folge der soziologischen Einsicht, dass Menschen einen Handlungsspielraum haben und Handlungen dementsprechend nicht nur grundlegend kontingent, sondern auch gleichzeitig kreativ und reproduzierend sind, sind Gesellschaften stets sozialem Wandel ausgesetzt, in welcher Form und in welchem Ausmaß auch immer. Nach Modernisierungstheorien ist dieser sozialer Wandel vor allem als eine Entwicklung zu verstehen. Um eine Entwicklung nachvollziehen zu können und um den Entwicklungsstand von Gesellschaften bestimmen zu können, sind immer wieder verschiedene Modelle typischer Entwicklungsphasen moderner Gesellschaften ausgearbeitet worden. Da es in der vorliegenden Veröffentlichung primär um die Entwicklung von Sozialstrukturen geht, sind vorrangig nur solche Typisierungen von Interesse, die auch eine Sozialstrukturentwicklung mit einbeziehen. So unterscheidet zum Beispiel Volker Bornschier (1998, S. 11) in westlichen Gesellschaften eine Abfolge eines liberalen, eines klassenpolitischen und eines sozialmarktwirtschaftlichen Gesellschaftsmodells. Nach Bornschier ist diese Unterscheidung von verschiedenen Phasen nicht nur eine modellhafte und analytische Differenz. Auch die reale und empirisch beobachtbare Entwicklung verläuft nach seiner Auffassung phasenweise und eben nicht stetig. Die angeführten Modelle kennzeichnen ihm zufolge daher tatsächliche Entwicklungsphasen. Colin Crouch (1999, S. 34 ff.) hingegen differenziert im Hinblick auf die industriellen und kapitalistisch organisierten und liberalen und demokratischen Gesellschaften Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg „The Mid Century Social Compromise“ (ca. 1960) von „Post Industrial Societies“ (ca. 1990), wobei er zusätzlich in der letzteren eine positiv getönte und eine negative eingefärbte Modellvorstellung unterscheidet. Diese Modellvorstellungen versteht Crouch jedoch nicht realistisch, als empirisch tatsächlich genau so zu beobachtenden Verlauf. Vielmehr ist die Modellvorstellung nach Crouch als nominalistisch zu verstehen, also als eine idealtypisch konstruierte Momentaufnahme innerhalb kontinuierlich verlaufender Gesellschaftsentwicklungen.

Im Folgenden soll als Grundlage für das auszuarbeitende Modell einer Sozialstrukturentwicklung vergleichsweise konventionell eine vormoderne Agrargesellschaft, eine moderne Industriegesellschaft und eine moderne postindustrielle Dienstleistungsgesellschaft mit je einer typischen Ausformung der Sozialstruktur unterschieden werden. Wie die ihnen zugrunde liegenden Modernisierungstheorien sind die typischen Sozialstrukturen primär zu heuristischen Zwecken eingeführte Modellvorstellungen. Nach dem Modell der Sozialstrukturmodernisierung bedeutet dies, dass alle modernen Gesellschaften nach dem Auflösen der argargesellschaftlichen Sozialstruktur in einer ersten Phase die typische Sozialstruktur einer Industriegesellschaft ausbilden und in einer zweiten Phase die typische Sozialstruktur einer postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft aufweisen. Diese Vorstellung über einen idealtypischen Verlauf der Sozialstrukturmodernisierung ist aber nur als Denkmodell zu verstehen. Keineswegs soll mit diesem Phasenverlauf behauptet werden, dass im Laufe des Modernisierungsprozesses tatsächlich alle Gesellschaften das Stadium einer typischen Industriegesellschaft und einer typischen postindustriellen Gesellschaft durchlaufen. In Folge der Vielfalt der empirischen Realitäten können Aussagen über typische Strukturmerkmale niemals der Wirklichkeit vollständig entsprechen. Dementsprechend werden die empirischen Befunde in den folgenden Kapiteln auch aufzeigen, dass einige Sozialstrukturen dem Modell der Sozialstrukturmodernisierung zwar recht nahekommen. Aber nicht alle Entwicklungen von Gesellschaften und ihren Sozialstrukturen folgen dem theoretischen Modell.

Grundlage für das modernisierungstheoretische Modell der Sozialstrukturentwicklung sind neben den Modernisierungstheorien der 1950er und 1960er sowie den daran anschließenden Weiterentwicklungen theoretische Aussagen über vormoderne Agrargesellschaften, moderne Industriegesellschaften sowie postindustrielle Dienstleistungsgesellschaften. Diese lassen sich vereinfachend zu Theorien der modernen Industriegesellschaft, die unter anderem den Wandel von einer Agrargesellschaft zu einer modernen Industriegesellschaft beschreiben, sowie zu Theorien der postindustriellen Gesellschaft zusammenfassen. In der Regel sind Theorien der modernen Industriegesellschaft und der postindustriellen Gesellschaft nicht als Modernisierungstheorien zu verstehen, die etwa die Entwicklung der Gesellschaft über verbesserte Funktionen und eine verbesserte Anpassungsleistung erklären. Nicht desto trotz werden in der folgenden Vorstellung der theoretischen Aussagen diese Theorien unter modernisierungstheoretischen Gesichtspunkten gelesen und, sofern sie dem Grundmodell der Modernisierungstheorien nicht widersprechen, in das Modell der Sozialstrukturmodernisierung eingeordnet. Die nachstehenden Theorien sind somit konkretisierende Abschnittstheorien, die jeweils zu ihren Aussagen über die voranstehend angeführten typischen Gesellschaften und ihren Sozialstrukturen befragt werden und schließlich zu einem modernisierungstheoretischen Modell der Sozialstrukturentwicklung zusammengefügt werden.

 
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