Theorien der postindustriellen Gesellschaft

Theorien postindustrieller Gesellschaften gehen demgegenüber davon aus, dass Technisierung und Industrialisierung, also „die Maschine“ und „die Fabrik“, nicht länger die auslösenden Faktoren für gesellschaftliche Veränderungen sind. Vielmehr ist das theoretische Wissen als axiales Prinzip gesellschaftlicher Entwicklungen aufgerückt. Mit Hilfe von Wissen erfolgen Planungen, Entscheidungsorganisationen und die Lenkung sozialen Wandels. „Die Universität“ als Produktionseinrichtung von Wissen löst gewissermaßen „die Fabrik“ als zentrale und symbolträchtige Kerneinrichtung ab. Erkennbar ist der Übergang zur postindustriellen Gesellschaft vor allem an der Zunahme von Wissensbeständen, von hochqualifizierten Arbeitskräften und von Dienstleistungen in der Erwerbstätigkeit, um die sich neue Gesellschaftsund Sozialstrukturen gruppieren (Bell 1975, S. 32 ff.; Touraine 1972). Die Standardisierung wird durch eine Pluralisierung etwa von Lebensformen oder Arbeitsbedingungen, die Zentralisierung und Maximierung werden durch eine Regionalisierung, Partizipation und Individualisierung und die Synchronisierung wird schließlich durch eine Flexibilisierung etwa von Arbeitszeiten oder Karrieren als gesellschaftsstrukturierendes Prinzip abgelöst (Toffler 1980).

Das modernisierungstheoretische Modell der Sozialstrukturentwicklung

Theorien und Konzepte der Modernisierung, der Industriegesellschaft und der postindustriellen Gesellschaft beinhalten vielfältige Beschreibungen der jeweiligen Sozialstruktur. In der folgenden Tabelle wurde der Kürze halber und als Überblick stichwortartig zusammengestellt, welche Sozialstruktur im Zuge der Herausbildung einer typischen Industriegesellschaft und welche Sozialstruktur innerhalb einer typischen postindustriellen Gesellschaft zu erwarten ist. Weiterhin sind in die Tabelle auch die Aussagen hinsichtlich der Sozialstruktur einer typischen und in der Regel als vormodern bezeichnenden Agrargesellschaft aufgenommen. Die Stichworte der Tabelle werden jeweils zu Beginn der nachstehenden Kapitel erläutert. Dies beinhaltet auch die Ursachen der Entstehung dieser typischen sozialstrukturellen Muster. So wird zum Beispiel zu Beginn des nächsten Kapitels dargestellt, was mit dem Begriff „demografischer Übergang“ gemeint ist und warum nach Auffassung der Modernisierungstheorien ein „demografischer Übergang“ im Zuge der Industriegesellschaft entsteht.

Die in der rechten Spalte der Tab. 2.1 aufgeführte Typisierung einer postindustriellen Sozialstruktur stellt eine neue Phase der Modernisierung dar. Sie verbleibt aber im Rahmen des skizzierten Modernisierungsprozesses, da die aufgeführten typischen Elemente der Sozialstruktur den Grundzügen der Moderne entsprechen. So lassen sich zum Beispiel die Pluralisierung der Lebensformen, die Herausbildung komplexer sozialer Strukturen und die zunehmende Individualisierung ohne Weiteres mit den generellen Merkmalen moderner Gesellschaften wie funktionale Differenzierung, Zweckrationalität, Anpassungsfähigkeit und Universalisierung in Einklang bringen. Allerdings wird seit den 1980er Jahren zunehmend darüber nachgedacht, ob einige gesellschaftliche und sozialstrukturelle Entwicklungen nicht viel weiter gehen und bereits eine Abkehr von der Modernisierung bedeuten. Sollten diese Diagnosen zutreffen, die von „postmodernen“ Sozialstrukturen oder gar „postmodernen“ Gesellschaften ausgehen, so würde mit der Modernisierung eine Epoche zu Ende gehen, die seit ca. 500 Jahren im Gange ist und nicht nur eine Industriegesellschaft, die erst seit ca. 150 Jahren zu erkennen ist.

Tab. 2.1 Ein Modell der Sozialstrukturmodernisierung

Vormoderne Agrargesellschaft

Moderne Industriegesellschaft

Moderne postindustrielle Dienstleistungsgesellschaft

Bevölkerung

Heiratsbeschränkungen; maximale Anzahl von Geburten in Ehen, hohe Sterblichkeit, geringe Bevölkerungsvermehrung

Erster demographischer Übergang: wenige Geburten, längere Lebenserwartung, sporadische Auswanderungen, geringe Bevölkerungsvermehrung

Zweiter demographischer Übergang, Geburtendefizit, Alterung, systematische Zuwanderung

Haushalte

Das „ganze“ Haus dominiert, Arbeiten und Wohnen am gleichen Ort

Zwei-Generationen-Kernfamilie dominiert, Trennung von Arbeit und Wohnen, Männer erwerbstätig, Frauen im Haushalt

Weniger und spätere Heirat, spätere Geburten, geringere Stabilität von Ehen, mehr Frauen erwerbstätig, Pluralisierung von Lebensformen

Bildung

Grundbildung nur für Teile der Bevölkerung, Bildungschancen formell von Standeszugehörigkeit abhängig

Massenbildung für alle, formale Chancengleichheit zur Erlangung von Bildungsabschlüssen, soziale Stellung immer mehr an Bildungsgrad gebunden

a) Bildungsexpansion, weiterführende Bildung für viele, systematische Weiterbildung b) organisatorische Ausdifferenzierung des Bildungssystems, c) mehr faktische Chancengleichheit

Erwerbstätigkeit

Landwirtschaft dominiert, Arbeit und Freizeit sind wenig getrennt

Landwirtschaftssektor schrumpft, der Produktionssektor dominiert. Beruf ist die Schlüsselstellung der Menschen, Spezialisierung und Maschinenbedienung setzen sich durch, Lohnabhängigkeit dominiert, Trennung von Arbeit und Freizeit, standardisierte Arbeitsverhältnisse in arbeitsteiligen Großunternehmen (Fabriken)

a) zunehmende Erwerbstätigkeit vor allem von Frauen, sinkende Arbeitslosigkeit, b) Landwirtschaftsund Produktionssektor schrumpfen. Dienstleistungssektor dominiert (Tertiarisierung), Höherqualifizierung der Arbeitenden, Flexibilisierung von Karrieren, Arbeitsverhältnissen und Arbeitsbedingungen, c) steigende Wirtschaftsleistung und wachsender Wohlstand

Tab. 2.1 (Fortsetzung)

Vormoderne Agrargesellschaft

Moderne Industriegesellschaft

Moderne postindustrielle Dienstleistungsgesellschaft

Ungleichheit

Geburt prägt die Stellung der Menschen im

Ungleichheitsgefüge, Ständegesellschaft, Mobilität kaum möglich

Erst Besitz, dann Beruf prägen Stellung im Ungleichheitsgefüge, erst entstehen Klassen, dann Schichten. Zuerst viel, dann immer weniger Verteilungsund Chancenungleichheit, Mittelschicht wächst, mehr Mobilität

Außerberufliche Determinanten und Dimensionen sozialer Ungleichheit gewinnen an Bedeutung, Beruf bleib wichtig, Klassen und Schichten fächern sich auf, immer bessere Ressourcenausstattung, noch gleichere Verteilung innerhalb und zwischen den Gesellschaften, noch mehr Chancengleichheit

Soziale Sicherung

Absicherung durch die Familie und den Zusammenhang des „ganzen“ Hauses

Großorganisationen zur sozialen Sicherung gegen Standardrisiken (Alter, Krankheit, Unfall, Arbeitslosigkeit)

Großorganisationen werden zu teuer und lösen neue Sicherungsprobleme nicht, ein „welfaremix“ entsteht

Lebensweisen, Massenkultur

Zahlreiche lokale, religiöse Kulturen

Einebnung lokaler, religiöser Sonderkulturen durch Arbeits-, Klassenund Schichtkulturen sowie nationalstaatliche Kulturen

Wertewandel, Individualisierung, soziokulturelle Differenzierung (Milieus, Lebensstile, ethnische Kulturen), kulturelle Verflechtung der Länder, weniger Arbeits-, mehr Freizeitund Konsumgeprägte Orientierungen

 
< Zurück   INHALT   Weiter >