Theorien der Fertilität

Mikroökonomisch angelegte Theorien der Fertilität (etwa Becker 1960) gehen davon aus, dass in modernen Gesellschaften immer weniger Traditionen und Emotionen dafür verantwortlich sind, ob und gegebenenfalls wie viele Kinder zur Welt gebracht werden. Vielmehr ist die Entscheidung von einer rationalen Kosten-Nutzen-Abwägung abhängig. Übersteigt der zu erwartende Nutzen die aufzuwendenden Kosten, so kommt es der Theorie zu Folge zu Geburten. Übersteigen die zu tätigenden Kosten den zu erwartenden Nutzen, so unterbleiben Geburten. Unter Nutzen wird hierbei jedwede Erreichung der eigenen Ziele verstanden. Diese können sowohl finanzieller Art wie etwa Kinder als Arbeitskraft und materieller Art wie zum Beispiel Kinder als Alterssicherung als auch immaterieller Art sein wie persönliches Glücksempfinden, Wertvorstellungen oder Identitätsverständnis. Kosten sind hingegen Aufwendungen jeder Art zur Erreichung dieser Ziele. Dies können beispielsweise finanzielle und zeitliche Aufwendungen, Schmerzen oder entgangener anderweitiger Nutzen (Opportunitätskosten) sein. Nach den ökonomischen Theorien der Fertilität ist zu erwarten, dass im Zuge der Modernisierung die Kinderzahl bis zu einem gewissen Niveau absinkt. So sinkt zum einen im Laufe der Modernisierung der materielle Nutzen, den Kinder für Eltern haben. Gleichzeitig lässt sich der immaterielle Nutzen zumeist auch mit wenigen Kindern erreichen. Zum anderen steigen die Kosten an etwa infolge der gestiegenen Ansprüche an die Sorgfalt der Kindererziehung und –ausbildung. Zu berücksichtigen ist jedoch, dass mit wachsendem Wohlstand in modernen Gesellschaften auch mehr Ressourcen vorhanden sind, die für Kinder aufgewendet werden können (Andorka 2001, S. 241; Niephaus 2012, S. 60 ff.).

Normund werttheoretische Ansätze (etwa Hoffman und Hoffman 1973; Mackenroth 1953) besagen demgegenüber, dass sich Eltern an den vorherrschenden Werten und Normen einer Gesellschaft orientieren und ihre Kinderzahl hiernach ausrichten. Erscheinen in einer Gesellschaft viele Kinder wünschenswert, so bekommen die meisten Familien viele Kinder. „Wenn aber Familien mit zwei oder mehr Kindern für unverantwortlich, altmodisch oder einfach für dumm gehalten werden, dann sind nur wenige bereit, mehrere Kinder zu bekommen.“ (Andorka 2001, S. 242). Zweifellos gerieten im Zuge der Industrialisierung die zuletzt genannten Wertvorstellungen in den Vordergrund. Damit sagen diese Theorien zunächst den Geburtenrückgang in Industriegesellschaften voraus, den auch das Modell des Demographischen Übergangs vorsieht. Ergänzend kommt jedoch hinzu, dass, wie etwa Gerhard Mackenroth (1953) aufzeigt, die Normen und Wertvorstellungen einer Gesellschaft in den Gruppengefügen sozialer Ungleichheit unterschiedlich ausgeprägt sind. Demnach verändert sich das generative Verhalten zuerst in statushohen Gruppen und erst nach und nach in den anderen Sozialgruppen. Unklar ist indes, was normund werttheoretische Ansätze über die Geburtenhäufigkeit in postindustriellen Gesellschaften voraussagen. Manches spricht dafür, dass in postindustriellen Gesellschaften Werte und Normen sich ausbilden, die wieder etwas kinderreichere Familien nahelegen. Damit würden diese Theorien der Fruchtbarkeit leichte Geburtenvermehrungen voraussagen. Inwieweit sich hieraus ein Bevölkerungsanstieg ableiten lässt, ist letztlich unsicher, da theoretisch ungeklärt ist, ob die erhöhte Geburtenrate die Sterberate übersteigt. Unabhängig hiervon müssen in normund werttheoretische Ansätze der Fruchtbarkeit auch Aussagen darüber enthalten sein, wieso es zu bestimmten Normen und Werten über die wünschenswerte Zahl von Geburten kommt. Steht dahinter die Sicht der Menschen auf ihre ökonomische Zukunft? Wenn ja, führen optimistische ökonomische Erwartungen dann zu Werten und Normen, die Geburtensteigerungen nahelegen (so etwa Andorka 2001, S. 242)? Dies würde allerdings im Widerspruch zu den mikroökonomischen Theorien, zu dem dargestellten Modell der Demographischen Übergänge und zu dem empirisch beobachtbaren Sinken der Geburtenzahlen in den 1960er Jahren in Deutschland stehen. Es sind daher wohl vorwiegend andere Faktoren als die Einschätzungen der ökonomischen Zukunft, die geburtenrelevante gesellschaftliche Werte prägen.

 
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