Empirische Befunde

Grundlage der nachstehenden empirischen Befunde zu Zahl und Entwicklung der Bevölkerung, über Geburtenzahlen und Sterbefälle sind verschiedene, mehr oder weniger gute Datenquellen. Für Aussagen über historische Bevölkerungsentwicklungen werden in der Regel die bis in das 16. Jahrhundert zurückreichenden Kirchenbücher verwendet, die als kirchliche Register die Taufen, Heiraten und Begräbnisse verzeichnen. Da aber in den Kirchenbüchern die Anzahl der Taufen und Begräbnisse gelistet sind und eben nicht die Geburten und Sterbefälle, sind die genauen Zahlen zumeist unterschätzt. Hinzu kommen verschiedene weitere historische Quellen wie etwa fiskalische Erhebungen, Leibund Bürgerbücher oder Versorgungserhebungen, die, zumeist auf einzelne Gebiete beschränkt, Auskunft über die Einwohner beziehungsweise Steuerträger ermöglichen (Pfister 2007, S. 4 ff.; siehe hierzu auch die Arbeiten von Foucault (2004), der die Erhebungen als Regierungstechnologie interpretiert). Im Zuge der Einführung von Zivilstandsregistern in den napoleonischen besetzten Gebieten Anfang des 19. Jahrhunderts, die sich aus Geburts-, Heiratsund Sterberegister zusammensetzen, verbesserte sich erheblich die Datenlage. Diese Zivilstandsregister wurden gegen Ende des 19.

Jahrhunderts (1874 in Preußen; 1876 in den übrigen Teilen des Deutschen Reiches) schließlich durch von Standesbeamten geführte Standesamtsregister oder Personenstandsregister ersetzt. Ergänzt werden diese amtlichen Statistiken durch Volkszählungen (1950, 1961, 1970, 1981 (nicht ausgeführt), 1987, 2011) sowie seit 1957 dem Mikrozensus. In Folge der zum Teil unzureichenden Datenlage beruhen die Aussagen über historische Bevölkerungszahlen und –entwicklungen daher auf Schätzungen. Aber auch heutige Angaben über Bevölkerungszahlen geben keine exakte Wirklichkeitsbeschreibung wieder. Vielmehr nähern sie sich ähnlich wie Theorien nur der Wirklichkeit an. So ist trotz der verschiedenen Erhebungen der statistischen Ämter sowie den gesetzlichen Voraussetzungen im Personenstandsgesetz, die etwa eine Anzeige einer Geburt erforderlich machen, unklar, wie groß etwa die Bevölkerung in Deutschland 1980, 2010 oder 2011 tatsächlich war.

Lebenserwartung

[1]

In den vorindustriellen, agrarisch geprägten Gesellschaften Europas war die Lebenserwartung der Menschen kurz. Noch um 1700 betrug die Lebenserwartung von Neugeborenen weniger als 30 Jahre. Das heißt nicht, dass niemand älter als 30 Jahre alt wurde. Vielmehr reduzierte die hohe Kindersterblichkeit die durchschnittliche gesamtgesellschaftliche Lebenserwartung. Die hohe allgemeine Sterblichkeit im Mittelalter und der Frühen Neuzeit lässt sich vor allem auf drei Gründe zurückführen (Bolte et al. 1980). Erstens waren die Ernährungsverhältnisse schlecht. Die zahlreichen Missernten gingen in der Regel mit Hungersnöten und zum Teil auch dem Verhungern einher, da die Lagerung und der Transport von Lebensmittel nur unzureichend ausgebildet waren. Ein Rückgriff auf Lagerbestände oder der Transport von Vorräten war bei fehlender Nahrungsversorgung daher weitgehend ausgeschlossen. Zweitens waren die hygienischen Verhältnisse nach heutigen Kriterien unzureichend. Eine unzureichende Versorgung mit Trinkwasser, keine Fäkalienund Schmutzentsorgung, eine nach heutigen Maßstäben unzureichende Körperhygiene und verdorbene Lebensmittel waren unter anderem die Ursache für zahlreiche Infektionen und Krankheiten. Drittens war auch die medizinische Versorgung nur unzureichend. Zahlreiche Infektionen und Erregern konnten weder wirksam bekämpft werden, noch waren die Ansteckungswege in der Regel umfassend bekannt. Besonders prominent belegt dies wohl die bis in das 18. Jahrhundert verbreitete Theorie der Miasmen, die über in der Luft vorhandene unsichtbare Partikel die Ansteckung verschiedenster Krankheiten erklärte (Corbin 1984; Frey 1997).

Allerdings lassen sich je nach Region und Zeit große Schwankungen der Lebenserwartungen in europäischen Gesellschaften der Frühen Neuzeit nachweisen. Lang anhaltende Hungerkrisen, Kriege oder Seuchen ließen die Lebenserwartung unter Umständen noch unter den angegebenen Durchschnittswert sinken, während gute Ernten und Frieden zu einem Anstieg des Durchschnittwertes führten.

Erst etwa um 1750 begann in Deutschland die Sterblichkeit langsam zu sinken. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts sorgten eine verbesserte Ernährungslage und Fortschritte in der medizinischen Versorgung wie etwa die Entdeckung von Bakterien und verschiedenen Krankheitserregern sowie die Einführung von Impfungen für einen Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung (Frey 1997; HudemannSimon 2000, S. 170 ff.). Aber noch um das Jahr 1875 ließ sich im Deutschen Reich für Männer eine Lebenserwartung von nur ca. 35 Jahren und für Frauen von 38 Jahren beobachten. Im weiteren Verlauf ging dann vor allem die Kindersterblichkeit zurück, sodass nicht nur die durchschnittliche Lebenserwartung anstieg, sondern sich auch eine Verjüngung der Gesellschaft ergab. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sank schließlich mit der Verbesserung der allgemeinen Lebensund Arbeitsbedingungen sowie mit weiteren Verbesserungen der medizinischen Versorgung vor allem im Bereich der Infektionskrankheiten die Sterblichkeit in den mittleren Altersgruppen. Die Sterblichkeit im höheren Lebensalter reduzierte sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidend. So starb etwa Max Weber 1920 noch im Alter von 56 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung. Die Fortschritte in der aufwendigen Altersmedizin und die stark verbesserte finanzielle Ausstattung im Alter waren zwei der wesentlichen Gründe für die Reduzierung der Sterblichkeit in den höheren Altersgruppen (Höhn 1997, S. 78 f.). Das Sinken der Alterssterblichkeit trug schließlich zu einer Alterung der Gesellschaft bei, insbesondere dann, wenn, wie in den europäischen Gesellschaften der letzten Jahrzehnte, die Geburtenrate relativ gering war (Höhn 1996, S. 173).

Aufgrund der angeführten gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen stieg die Lebenserwartung in Deutschland schon vor dem Ersten Weltkrieg auf ca. 45 Jahre für Männer und 48 Jahre für Frauen an. Vor dem Zweiten Weltkrieg ist die durchschnitt-

Abb. 3.3 Die Lebenserwartung Neugeborener in Deutschland 1871 bis 2010. Die Werte sind für folgende Gebietsstände aufgeführt: 1871/1881 bis 1932/1934 Deutsches Reich, jeweiliger Gebietsstand; 1949/1951 bis 1986/1988 früheres Bundesgebiet; ab 1991/1993 Deutschland. (Quelle: Statistisches Bundesamt 2012a)

liche Lebenserwartung dann auf etwa 60 Jahre für Männer und 63 Jahre für Frauen und bis zum Jahr 2000 auf ca. 75 (Männer) und 81 Jahre (Frauen) angestiegen. 2009 betrug die Lebenserwartung für Männer etwa 77 Jahre und für Frauen etwa 82 Jahre. Bis zum Jahr 2060 wird mit einem weiteren Anstieg um mindestens 7 Jahre gerechnet (Bolte et al. 1980, S. 150; Statistisches Bundesamt 2009, 2012, Abb. 3.3).

  • [1] Die Lebenserwartung ist die statistisch zu erwartende Zeitspanne, die einem Lebewesen ab einem gegebenen Zeitpunkt bis zu seinem Tod verbleibt. In der Regel wird die Sterbewahrscheinlichkeit mit Hilfe von Sterbetafeln berechnet, die auf empirischen Sterbehäufigkeiten der Vergangenheit und auf Modellannahmen für zukünftige Sterblichkeitsentwicklungen basiert. Hinzu kommt die Sterberate, die auf der Anzahl der Sterbefälle in einem bestimmten Zeitraum in Abhängigkeit der Bevölkerung basiert. Um hieraus eine Sterbewahrscheinlichkeit abzuleiten, muss die Sterberate für die Altersgruppen berechnet werden, da sonst Aussagen über die Gesamtgesellschaft nicht hinreichen. (Ausnahme wäre höchstens eine Gleichverteilung der Altersstruktur, Sterben in Abhängigkeit des Alters folgt einer U-Kurve: relativ hohe Sterblichkeit im ersten Lebensjahr, einem starken Rückgang bis zu den 12jährigen, einen vorübergehenden Anstieg bis zu den 20–23-jährigen (Verkehrsunfälle), ein leichter Rückgang bis zu den 30jährigen und abschließend wiederum ein Anstieg der Sterbewahrscheinlichkeit).
 
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