Geburten

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Unabhängig von den erheblichen regionalen und zeitlichen Unterschieden lassen sich für das Mittelalter und die Frühe Neuzeit durchschnittlich 4 bis 5 Lebendgeburten pro Frau für Deutschland registrieren. Das sind in etwa dreibis viermal so viele Geburten wie heute. Unter Berücksichtigung der hohen Säuglingsund Kindersterblichkeit ist weiterhin davon auszugehen, dass davon nicht mehr als zwei bis drei Kinder älter als 15 Jahre wurden. Dennoch war die Zahl der Geburten in der Frühen Neuzeit und im Mittelalter weitaus niedriger als unter Berücksichtigung aller Bevölkerungsgruppen zu erwarten wäre. Unter anderem aufgrund zahlreicher Heiratsbeschränkungen und verschiedenster Kontaktschranken waren einige Bevölkerungsgruppen von der Fortpflanzung eher ausgeschlossen. Einer der wesentlichen Gründe liegt wohl daran, dass Geburten weitestgehend nur in Ehen möglich waren. Es wurden aber von den Grundund Gutsherren sowie den Magistraten, Zünften und Gilden in der Regel nur solche Personen zur Heirat und Familiengründung zugelassen, die eine Familie ernähren konnten. Infolge dieser Regelung war ein Teil der Bevölkerung wie etwa Landarbeiter, einfaches Dienstpersonal oder Gesinde von der Heirat ausgeschlossen. Da außerhalb von Ehen nur wenige Kinder geboren wurden, in vielen, aber bei weitem nicht in allen Ehen die maximal mögliche Kinderzahl erreicht wurde, kamen schätzungsweise im Durchschnitt ca. 4 bis 5 Kinder pro Frau zur Welt (Bolte et al. 1980, S. 42; Ehmer et al. 2012, 32 ff., Abb. 3.7).

Während die Sterblichkeit in Deutschland und in den meisten westeuropäischen Gesellschaften im Laufe des 18. Jahrhunderts sukzessive zurückging, blieb die Geburtenrate bis etwa 1875 konstant hoch. Innerhalb von vielen Ehen lässt sich weiterhin beobachten, dass die maximale Anzahl von Kindern geboren wurden unter Berücksichtigung der Gesundheit vor allem der Mutter. Da im Laufe des 19. Jahrhunderts zahlreiche Kontaktbarrieren und Heiratsrestriktionen aufgehoben wurden, erhöhte sich zeitweilig die Geburtenrate, sodass im 19. Jahrhundert ein massiver Anstieg der Bevölkerung zu beobachten war. Erst ab ca. 1875, das heißt

Abb. 3.7 Zusammengefasste Geburtenziffer in Deutschland 1871–2009. * ab 1990 ohne Berlin; ** ab 1990 einschließlich Berlin Da für verschiedene Jahre die Datenlage ungenügend ist, wurden zugunsten einer schematischen Darstellung die Zwischenjahre geschätzt. (Quelle: Schneider und Dorbritz 2011, S. 29)

also lange nach den Sterbezahlen, sanken allmählich die Kinderzahlen in den Familien. Nichts desto trotz lag die Anzahl der Geburten pro Frau um 1875 noch im Durchschnitt bei etwas weniger als 5 Geburten. Der zu beobachtende Rückgang der Geburten war aber gesamtgesellschaftlich nicht gleich verteilt (Knodel 1974). Vielmehr ließen sich die sinkenden Geburten zuerst in der Stadt und in bürgerlichen Familien beobachten. Erst nach dem Ersten Weltkrieg zeigten sich abnehmende Geburten auch auf dem Land und in der Arbeiterschaft. Dieser erste Geburtenrückgang, der einen Tiefpunkt während des Ersten Weltkrieges zu verzeichnen hatte, kam erst um 1934 in Deutschland zu einem Ende. Um 1934 hatte jede Frau im Durchschnitt ca. 1,8 Kinder. Damit kamen schon 1934 weniger Kinder zur Welt als langfristig selbst heute zur Erhaltung der Bevölkerungszahl notwendig wären. Um langfristig eine Bevölkerungszahl weitgehend stabil zu halten, sind in gegenwärtigen europäischen Gesellschaften in etwa 2,1 Kinder pro Fraunötig.[2] Im weiteren Verlauf stiegen die Geburten ein wenig an, wobei die Gründe wahrscheinlich weniger an den familienpolitischen Maßnahmen der nationalsozialistischen Regierung lagen wie zum Beispiel die Verleihung des „Mutterkreuzes“ oder den Finanzbeihilfen (vgl. hierzu Marschalck 1984, S. 79 f.), sondern vielmehr an der Veränderung der gesellschaftlichen Rolle der Frau.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stiegen in Deutschland die Geburtenzahlen an. So stieg in Westdeutschland die zusammengefasste Geburtenziffer von 1952 bis Mitte der 1960er Jahre von 2,1 auf 2,5 Kinder je Frau, während in Ostdeutschland die Geburtenziffer bis Anfang der 1960er Jahre leicht absank und dann bis Mitte der 1960er Jahre ebenso auf ca. 2,5 Kinder je Frau anstieg. Die Gründe für den Anstieg der Geburten nach dem Zweiten Weltkrieg liegen vor allem daran, dass viele Geburten nachgeholt wurden, die aufgrund der Kriegssituation nicht realisiert werden konnten. Weiterhin begünstigten auch die optimistische Grundhaltung jener Zeit sowie das volkswirtschaftliche Wachstum einen Anstieg der Geburtenrate. Von 1965 bis 1976 sank schließlich die zusammengefasste Geburtenziffer von 2,5 auf 1,4 Kinder je Frau. Damit sank die zusammengefasste Geburtenziffer in 10 Jahren in Deutschland trotz günstiger Lebensbedingungen so deutlich und so nachhaltig wie nie zuvor. Die Gründe für das Absinken sind sehr komplex. Ein Grund liegt etwa an den nachgeholten Geburten nach dem Zweiten Weltkrieg, die auf einen „künstlichen“ Anstieg zurückzuführen sind, der ohne die Kriegssituation nicht entstanden wäre. Unter der Annahme, dass ohne äußere Einflüsse wie etwa Kriege die Fertilitätsrate in etwa gleich bleibt, ist es folgerichtig, dass die zusammengefasste Geburtenziffer in der Mitte der 1960er Jahre abfällt, da die nachgeholten Geburten abgeschlossen sind und nur noch die zu erwartenden Geburten übrig bleiben. Neben diesem strukturellen Grund, der einen Teil des Absinkens erklärt, sind sicherlich auch weitere Gründe von Bedeutung wie die Veränderungen der gesellschaftlichen Rolle der Frau, der Sexualität, der Wertund Familienvorstellungen sowie die gesellschaftliche Bedeutung von Kindern. Bis Anfang des

21. Jahrhunderts hat sich an der Geburtenentwicklung nicht mehr viel verändert. Seit fast 4 Jahrzehnten bleiben mittlerweile die relativen Kinderzahlen auf einem niedrigen Niveau von etwa 1,3 bis 1,4 Kindern je Frau. Damit kommen seit Mitte der 1970er Jahre in Westdeutschland nur noch ca. zwei Drittel der Kinder zur Welt, die langfristig für eine konstante Bevölkerungszahl nötig wären.

Bis etwa 1975 gab es keine wesentlichen Unterschiede in der Geburtenentwicklung zwischen Westund Ostdeutschland. So stiegen auch in der DDR die Geburten nach dem Zweiten Weltkrieg bis Mitte der 1960er Jahre an und begannen dann abzusinken. Auch in der DDR wurden um 1975 nur ca. zwei Drittel der für eine langfristige Bestandserhaltung nötigen Kinder geboren. In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre förderte die Regierung der DDR jedoch die Familienbildung durch verschiedene Maßnahmen wie zum Beispiel eine bezahlte Freistellung von Müttern in der Erwerbsarbeit, eine Verbesserung der außerfamiliären Kinderbetreuung oder eine bevorzugte Zuweisung von Wohnungen. In der Folge stiegen die Geburtenzahlen an. Anfang der 1980er Jahre kamen in Ostdeutschland etwa 1,8 Kinder je Frau zur Welt. Danach begann die zusammengefasste Geburtenziffer wieder allmählich abzusinken. Zum Zeitpunkt der politischen Einigung war die zusammengefasste Geburtenziffer in Ostdeutschland fast so niedrig wie in Westdeutschland. Diese allmählich nachlassende Wirkung staatlicher geburtenfördernder Maßnahmen ist für viele Bevölkerungssoziologen ein empirisches Indiz dafür, dass direkte staatliche Maßnahmen zur Geburtenförderung keine zusätzlichen Geburten bewirken, sondern vielmehr das Vorziehen ohnehin geplanter und zu erwartender Geburten.

Nach 1990 kam es in Ostdeutschland zu einem drastischen Rückgang der Geburtenzahlen. Die zusammengefasste Geburtenziffer sank weit unter diejenige von Westdeutschland, wo nach wie vor knapp 1,4 Kinder je Frau geboren wurden. 1993/1994 wurden in Ostdeutschland nur ca. 0,8 Kinder je Frau registriert. Die Gründe hierfür liegen zum einen in den Umbrüchen und Unsicherheiten nach der Vereinigung, als auch dem Ausleben der als neu wahrgenommen Freiheiten sowie in der Anpassung an die spätere Familienbildung in Westdeutschland. Zum anderen liegt der Rückgang auch an den vorgezogenen Geburten in Folge der staatlichen Maßnahmen, die für den Geburtenanstieg ab Mitte der 1970er verantwortlich waren. Seit Mitte der 1990er stieg die zusammengefasste Geburtenziffer in Ostdeutschland wieder leicht an. 2008 war die zusammengefasste Geburtenziffer in Ostdeutschland erstmals seit der deutschen Vereinigung auf ein höheres Niveau angestiegen als in Westdeutschland. Auch 2010 war die Geburtenziffer mit im Durchschnitt 1,46 Kindern je Frau in Ostdeutschland größer als in Westdeutschland, wo ca. 1,39 Kinder je Frau registriert wurden (Statistisches Bundesamt 2012a, S. 30 f.).

  • [1] Ganz allgemein ist die Geburtenrate definiert als Quotient aus der Zahl der Geburten G(t) und der weiblichen Wohnbevölkerung im Jahresmittel bezogen auf ein bestimmtes Gebiet F(t): F (t) = G(t): F(t) × 1000. Die Wahrscheinlichkeit ein Kind zu bekommen, ist aber altersabhängig, sodass der Quotient noch nach Alter gebrochen werden muss. Zusammengefasste Geburtenziffer: Grundlage sind die altersspezifische Geburtenraten/Geburtenziffern. Diese geben an, wie viele Kinder Frauen eines bestimmten Alters im Jahr J geboren haben. Da bei der zusammengefassten Geburtenziffer eines Jahres J die altersspezifischen Geburten von Frauen verschiedener Alterskohorten summiert werden, erhält man ein Maß für die durchschnittliche Kinderzahl einer fiktiven Alterskohorte.
  • [2] Das Bestandserhaltungsniveau errechnet sich aus der zusammengefassten Geburtenziffer dividiert durch die Nettoreproduktionsziffer. Da über die Einbeziehung der Nettoreproduktionsziffer auch die Sterblichkeit in die Berechnung mit eingeht, ändert sich im historischen Verlauf die Anzahl der Kinder, die für den Ersatz der Elterngeneration notwendig wären. So sind um 1870 noch in etwa 3,5 Geburten je Frau nötig. In Folge des Rückgangs der Sterblichkeit sind es um 2010 hingegen nur noch 2,08 Kinder.
 
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