Migration im internationalen Vergleich

Ähnlich wie Deutschland sind auch die meisten der anderen europäischen Gesellschaften bis zum Ende des 19. Jahrhunderts eher als Auswanderungsländer zu bezeichnen. Vor allem aus Irland zogen viele Menschen im 19. Jahrhundert aufgrund einer anhaltenden unzureichenden Ernährungslage in Folge eines Bevölkerungsanstiegs und zahlreichen Missernten fort. Aber auch aus Süditalien, aus Spanien und Portugal wanderten viele Menschen im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts aus zumeist nach Nordund Südamerika. Bis in die 1970er Jahre ließen sich aus den Mittelmeerregionen zahlreiche Auswanderungen beobachten. Zumeist wanderten die Menschen von dort ab den 1950er Jahren als Arbeitsmigranten nach Westdeutschland und Frankreich aus.

Nachdem Irland und Portugal seit den 1980er Jahren nicht mehr als Auswanderungsländer klassifiziert werden können, müssen ab den 1990er Jahren alle Mitgliedsstaaten der Europäischen Union eher als Zuwanderungsländer bezeichnet werden. Im europäischen Vergleich war von 1985 bis 1994 die Zuwanderung nach Deutschland am größten. In diesem Zeitraum ist die Zahl der Migranten, die nach Deutschland zogen, sogar größer als die gesamte Zuwanderung in die übrigen EULänder. Der Anteil Deutschlands an allen Netto-Zuwanderungen in die EU-Länder ging jedoch in den 1990er Jahren sehr stark zurück. Gleichzeitig stieg der Anteil der anderen EU-Staaten merklich an. So nahmen zum Beispiel im Jahr 2000 nach Abzug der Auswanderungen Italien 200.000, Großbritannien 140.000 und die Niederlande 52.000 Zuwanderer auf (Statistisches Bundesamt 2001a, S. 209). Zwischen 2005 und 2010 wanderten nach Abzug der Auswanderungen die meisten Zuwanderer nach Spanien, Italien und Großbritannien ein (Abb. 3.12).

Abb. 3.12 Zuund Fortzüge über die Außengrenzen der EU-Staaten 2005–2010 (in 1000). (Quelle: United Nations, Department of Economic and Social Affairs, Population Division 2011b: World Population Prospects; eigene Zusammenstellung und Darstellung)

Seit der Gründung der Europäischen Union darf zwar jeder Bürger eines EULandes im Prinzip in jedem anderen Land der Europäischen Union leben und arbeiten. Die Binnenmigration innerhalb der Europäischen Union, also die Zahl der Umzüge von EU-Bürgern in andere EU-Länder, ist jedoch vergleichsweise gering. Eine grobe Richtlinie besagt, dass Menschen über Sprachund Kulturgrenzen hinaus erst dann auswandern, wenn der Lebensstandard in der Zielregion mehr als doppelt so hoch ist wie im eigenen Land (Miegel 2002, S. 33). Die bestehenden beträchtlichen Ungleichheiten des Lebensstandards und der Arbeitsmarktchancen zwischen den einzelnen Ländern der Europäischen Union reichen aber offensichtlich nicht aus, um die möglicherweise aufzuwendenden „Kosten“ wie etwa finanzielle Aufwendungen, sprachliche Umstellungen, Verlust von Freunden und Bekannten zu decken. Eine Ausnahme hiervon sind zum Beispiel die Zuwanderungen aus Bulgarien und Rumänien, die seit 2008 kontinuierlich ansteigen und mittlerweile das Gros der Zuwanderung aus der EU nach Deutschland ausmachen. Während beispielsweise die Zahl der Zuwanderer im Jahr 2008, also ein Jahr nach den EU-Beitritten der beiden Länder, aus Bulgarien 23.627 und aus Rumänien 47.014 betrug, stieg die Zahl der Zuwanderer im Jahr 2011 aus Bulgarien auf 51.319 und aus Rumänien auf 94.706 an (Statistisches Bundesamt 2012c, 2013f, S. 77). Im Jahr 2013 wanderten schließlich aus Bulgarien 58.950 Menschen, aus Rumänien 134.494 Menschen und aus Ungarn 58.068 Menschen nach Deutschland ein (Statistisches Bundesamt 2015, S. 76).

Im weltweiten Vergleich zeigt sich, dass trotz erheblicher Zunahmen in den letzten Jahrzehnten mehr als 95 % der Menschen nicht über Ländergrenzen migrierten. Von den etwas weniger als 6 Mrd. Menschen im Jahr 2000 lebten nur in etwa 150 Mio. Menschen außerhalb des Landes, in dem sie geboren wurden oder dessen Staatsangehörigkeit sie besaßen. Davon lebten ungefähr 70 Mio. Menschen in modernen Industrieländern und etwa 80 Mio. in weniger entwickelten Gesellschaften (Martin und Widgren 2002, S. 3, Tab. 3.4).

Die primären Ziele von Migranten auf der Welt sind seit mehreren Jahren Nordamerika, Europa, die arabischen Golfstaaten sowie Australien. Hinzu kommen zahlreiche Flüchtlinge, die aus Krisengebieten in zumeist unmittelbar angrenzte Nachbarländer fliehen. Die USA sind seit vielen Jahrzehnten, das Land, das weltweit die meisten Zuwanderer aufnimmt. Zwischen 2005 und 2010 betrug die Zahl der Zuwanderer, die in die USA migrieren, 4.955.000. Das ist etwas mehr als die Hälfte der Zuwanderer, die in die europäischen Gesellschaften einwanderten. Im Vergleich dazu migrierten in die Vereinigten Arabischen Emirate 3.077.000, nach Spanien 2.250.000, nach Italien 1.999.000 und in die Russische Föderation 1.136.000 Menschen. Ähnlich hohe Zahlen von Zuwandern wie die Russische Föderation fanden sich in Großbritannien, Saudi Arabien, Kanada und Australien. Die höchste Anzahl an Einwandern in Afrika wiesen zwischen 2005 und 2010 schließlich Südafrika mit 700.000 und Liberia mit ca. 300.000 Migranten auf (United Nations, Department of Economic and Social Affairs, Population Division 2011b). Diese absoluten Zahlen von Migranten beziehen sich aber auf unterschiedlich große Bevölkerungen. Im Verhältnis zu der Bevölkerungsgröße macht der Anteil der Migranten in die USA nur 1,6 % aus. Das ist in etwa der gleiche Anteil wie für Südafrika. Der Anteil der Migranten zwischen 2005 und 2010 an der Bevölkerung der Russischen Förderation war sogar nur knapp 0,8 %. Demgegenüber liegen die Anteile der Migranten an den Bevölkerungen von Italien und Spanien bei etwa 3,3 % beziehungsweise 4,9 %. Einen relativ hohen Anteilswert bei einer geringen Zahl von absoluten Zuwanderern hat hingegen Liberia. Dort ist der Anteilwert von Zuwanderern an der Bevölkerung 7,5 %. Im Vergleich zu den knapp 3 Mio. Zuwandern in die Vereinigten Arabischen Emirate, die in eine Bevölkerung von etwa 7,5 Mio. integriert werden müssen und damit einen Anteil von etwa 40 % ausmachen, sind die Anteilswerte der anderen Länder aber sehr gering. Diese hohe Zahl an Zuwanderern führt schließlich dazu, dass die Bevölkerung der Vereinigten Arabischen Emiraten zu den am schnellsten wachsenden Bevölkerungen zählen, die zudem einen Ausländeranteil von über 80 % besitzt.

Die folgende Abbildung veranschaulicht zusammenfassend die wichtigsten globalen Migrationsbewegungen. Insgesamt waren zwischen 2005 und 2010 die wichtigsten Auswanderungsländer der Welt mit jeweils mehr als 1 Mio. Auswanderern Bangladesh, China, Indien, Indonesien, Mexiko, Pakistan und Philippinen (United Nations, Department of Economic and Social Affairs, Population Division

Tab. 3.4 Saldo der Zuund Fortzüge von Migranten (in tausend) in verschiedenen Regionen der Welt, 1950–2050. (Quelle: United Nations, Department of Economic and Social Affairs, Population Division 2011a, S. 26; eigene Darstellung)

Major Area

1950–1960

1960–1970

1970–1980

1980–1990

1990–2000

2000–2010

2010–2020

2020–2030

2030–2040

2040–2050

More developed regions

− 14

714

1220

1308

2572

3401

2454

2249

2071

1928

Less developed regions

14

− 714

− 1220

− 1308

− 2572

− 3401

− 2454

− 2249

− 2071

− 1928

Least developed countries

− 97

− 153

− 917

− 930

− 50

− 891

− 407

− 491

− 464

− 444

Other less developed countries

111

− 561

− 302

− 378

− 2522

− 2510

− 2046

− 1757

− 1607

− 1484

Africa

− 132

− 223

− 335

− 349

− 410

− 625

− 496

− 451

− 439

− 439

Asia

162

− 2

− 405

− 285

− 1321

− 1603

− 1202

− 1189

− 1099

− 1001

Europe

− 486

95

393

404

990

1836

1082

986

837

726

Latin America and the Caribbean

− 53

− 378

− 418

− 702

− 778

− 1122

− 692

− 546

− 471

− 427

Nothern America

418

398

710

831

1435

1333

1165

1091

1089

1084

Oceania

90

110

56

102

84

180

143

109

84

58

68 3 Die Bevölkerung

Abb. 3.13 Die wichtigsten globalen Migrationsbewegungen Anfang des 21. Jahrhunderts. (Quelle: Martin und Widgren 2002, S. 9)

2011b). Zu berücksichtigen ist aber, dass die angegebenen absoluten Zahlen von Migranten sich auf Länder mit sehr unterschiedlicher Größe beziehen. Daher können in Ländern mit geringeren Zahlen von Zuwandern unter Umständen prozentual sehr viel mehr Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit leben als in Ländern, in die sehr viele Menschen migrieren (Abb. 3.13).

 
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