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3.2.4 Bevölkerungszahl

Die bisher dargestellten drei Bevölkerungsprozesse (Sterbefälle, Geburten und Migration) bestimmen die Anzahl, die Altersstruktur und die ethnische Zusammensetzung einer Bevölkerung. Beginnend mit der Bevölkerungszahl werden abschließend die drei Folgen der drei Bevölkerungsprozesse dargestellt.

In der Geschichte verläuft die Entwicklung der Bevölkerung Deutschlands in Folge der wechselvollen Geburten-, Sterbeund Wanderungsprozesse keineswegs stetig. Bis etwa zum Jahr 1100 wuchs die Bevölkerungszahl in den europäischen Gesellschaften mit Ausnahme der verschiedenen Pestepidemien zwischen 542 und 700, die die Bevölkerung Europas regional zum Teil bis um die Hälfte reduzierte, insgesamt nur langsam an. Unter den späten Karolingern, also etwa um 900, lässt sich die Bevölkerung des Ostfränkischen Reiches auf etwa 2,5 bis 3 Mio. schätzen. Schätzungen der Einwohnerzahl unter den Saliern (1024–1125) belaufen sich schon auf 3 bis 3,5 Mio. Menschen. Dieses langsame Bevölkerungswachstum wurde vom Beginn an des 12. Jahrhunderts abgelöst von einer Phase eines Bevölkerungsanstiegs, der fast bis zum Ende der Stauferzeit (1138–1266) ging. Hieran war einerseits die räumliche Ausdehnung des Deutschen Reichs nach Osten beteiligt. Andererseits führte die zunehmende Städtebildung dazu, dass auf gleicher Fläche im Deutschen Reich mehr Menschen als zuvor lebten. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts begannen die Bevölkerungszahlen zu sinken. Ernährungskrisen wie etwa die europaweiten Hungersnöte von 1315 bis 1317 und verschiedene Seuchen wie die Pest 1348/1349 kosteten wahrscheinlich ein Viertel der Bevölkerung in Deutschland das Leben. In einigen Regionen starben sogar mehr als zwei Drittel der Bevölkerung. In ganz Europa starben aufgrund der Pest im 14. Jahrhundert 25 bis 35 Mio. Menschen (Herden 2007; Lexikon des Mittelalters 2009; Russel 1971). Die Folgen der Pest und der Hungerkrisen waren für die Bevölkerungszahlen erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts überwunden. Um 1500 waren die Bevölkerungszahlen in etwa wieder auf dem gleichen Stand wie am Anfang des 14. Jahrhunderts. Bis zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges (1618) ließ sich ein erneuter Bevölkerungsanstieg nachweisen. Um 1600 lebten in etwa 16 bis 17 Mio. Menschen auf dem Gebiet des Deutschen Reiches. Damit war die Bevölkerung in Deutschland nach Frankreich die zweitgrößte in Europa (Pfister 2007, S. 13). Im Zuge des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) und anschließenden Pestepidemien starb in Europa rund ein Drittel der damaligen Bevölkerung. In Deutschland waren die Bevölkerungsverluste in Folge des Krieges vor allem in den ländlichen Gegenden noch höher. Nach Schätzungen starben zwischen 40 und 60 % der ländlichen, in einigen Gebieten sogar bis zu 80 % und etwa ein Drittel der städtischen Bevölkerung. Nach dem Westfälischen Frieden (1648) wanderten die Menschen in die vom Krieg entleerten Gebiete ein. Vor allem aber verfolgten die merkantilistischen Staaten in der zweiten Hälfte des 17. und im 18. Jahrhundert eine „Peuplierungspolitik“, die darauf ausgerichtet war, die entleerten Gebiete planmäßig mit Menschen aufzufüllen (Mackenroth 1953, S. 112 ff.; vgl. Bolte et al. 1980, S. 38 ff.). Nichtsdestotrotz ist davon auszugehen, dass der deutsche Bevölkerungsstand von 1620 erst 1750 wieder erreicht wurde. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stieg die Bevölkerungszahl weiter an, sodass 1800 ca. 22 Mio. Menschen in Deutschland lebten (Miegel 2002, S. 14; Pfister 2007, S. 10).

Aufgrund sinkender Sterblichkeit und den anhaltenden hohen Geburtenraten wuchs die Bevölkerung in Deutschland im Verlauf des 19. Jahrhunderts rasch an. Auch verschiedene Ernährungskrisen und die zahlreichen Auswanderungen änderten an dem grundlegenden Bevölkerungsanstieg nur wenig. Die Bevölkerungszahl Deutschlands erhöhte sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts auf ca. 56 Mio. Menschen (Ehmer 2004, S. 17; Miegel 2002, S. 14). Auf dem Gebiet der späteren westdeutschen Bundesländer lebten nach den Napoleonischen Kriegen 1816 in etwa 13,7 Mio., zum Zeitpunkt der Reichsgründung 1871 20,4 Mio. und im Jahr 1900 schon fast 30 Mio. Menschen (Statistisches Bundesamt 2001b, S. 44).

Zwischen den beiden Weltkriegen wuchs die Bevölkerung insgesamt nur langsam. Zum einen ist der langsame Bevölkerungsanstieg auf die bis in die 1930er Jahre rückläufigen und anschließend wechselvollen Geburtenraten und zum anderen auf die steigende Lebenserwartung zurückzuführen. Hinzu kamen in den 1930er Jahren zahlreiche Auswanderungen und die planmäßige Ermordung bestimmter Bevölkerungsgruppen. 1920 lebten ungefähr 62 Mio., 1930 ca. 65 Mio. und 1940 70 Mio. Menschen in Deutschland (Ehmer 2004, S. 17). Die Auswirkungen der geburtenfördernden Maßnahmen der nationalsozialistischen Politik sind somit als weitgehend wirkungslos einzuschätzen. Und auch die nationalsozialistische Behauptung hinsichtlich eines „Volks ohne Raum“ ist demographisch unbegründet.

Die Entwicklung der Bevölkerungszahl der Bundesrepublik Deutschland zerfällt in drei unterschiedliche Phasen. Bis Mitte der 1960er Jahre sorgten hohe Geburtenraten und umfangreiche Zuwanderungen für einen rapiden Bevölkerungsanstieg. 1946 lebten in Westdeutschland ungefähr 46 Mio. Menschen. 1966 sind es insgesamt 59 Mio. Einwohner. Anschließend wuchs die Bevölkerung bis Ende der 1980er Jahre nur noch langsam. Ohne Zuwanderungen etwa aufgrund der Arbeitsmigration und ohne Anstieg der Lebenserwartung hätten die seit den 1970er Jahren niedrigen Geburtenzahlen die Bevölkerung schrumpfen lassen.1988 wurden in Westdeutschland etwa 61 Mio. Menschen gezählt. In den 1990er Jahren ist nach einem Anstieg der Zuwanderungen ein etwas schnelleres Bevölkerungswachstum festzustellen, sodass 1999 fast 67 Mio. Menschen in Westdeutschland lebten (Statistisches Bundesamt 2012d, S. 10).

Die Deutsche Demokratische Republik verliert Zeit ihres Bestehens kontinuierlich an Einwohnern. Die wenigen Zeiträume wie etwa Anfang der 1960er Jahre, in denen ein geringes Bevölkerungswachstum zu registrieren war, ändern an der grundlegenden kontinuierlichen Abnahme nur wenig. 1950 gab es in etwa 18,4 Mio. und 1989 nur noch 16,4 Mio. Einwohner in der DDR. Seit den 1990er Jahren stieg die Einwohnerzahl für Gesamtdeutschland von knapp 80 Mio. Einwohner auf ca. 82 Mio. im Jahr 2002 an. Ab 2003 sinkt die Bevölkerungszahl geringfügig, sodass 2010 die Bevölkerung in Deutschland knapp 82 Mio. Bewohner umfasste (Statistisches Bundesamt 2012d, S. 10, Abb. 3.14).

Ohne ausreichende Zahl von Zuwanderungen würde die Einwohnerzahl in Deutschland seit mehr als 40 Jahren sinken. Denn seit 1972 sterben in jedem Jahr mehr Menschen als geboren werden (Statistisches Bundesamt 2012a, S. 26). So starben beispielsweise in Deutschland im Jahr 1999 etwa 850.000 Menschen und ungefähr 770.000 Kinder wurden geboren. 1975 war Differenz zwischen Gebur-

Abb. 3.14 Die Entwicklung der Bevölkerungszahl in Deutschland, 1500–2000. (Quelle: Ehmer 2004; Pfister 2007; Statistisches Bundesamt 2012d; eigene Darstellung)

tenzahlen und Sterbefälle mit etwa 780.000 Geburten und 990.000 Todesfällen bisher am ausgeprägtesten. Zwischen den Jahren 1988 und 1990 waren die Geburtenund Sterbezahlen fast ausgeglichen. Allerdings halten sich die Geburtendefizite in Deutschland in den letzten Jahrzehnten noch in Grenzen. An der Gesamtzahl der Sterbefälle gemessen fehlte für einen Ausgleich in den letzten Jahren nur etwa ein Zehntel bis zu einem Fünftel der Geburten. Dies ist auf den ersten Blick nicht damit zu vereinbaren, dass seit Mitte der 1970er Jahre die zusammengefasste Geburtenziffer von 1,3 bis 1,4 Kinder pro Frau in Westdeutschland etwa ein Drittel unter dem Bestanderhaltungsniveau von ungefähr 2,1 Kinder pro Frau bleibt.

Warum werden in Deutschland trotz einer so niedrigen zusammengefassten Geburtenziffer absolut so viele Kinder geboren? Die Frage lässt sich vor allem mit der Altersstruktur der Bevölkerung beantworten. In den 1980er und 1990er Jahren waren die geburtenstarken Jahrgänge im „Elternalter“. Im Vergleich zu anderen Altersgruppen gab es also viele Eltern. Diese große Anzahl der Eltern glich damit weitgehend die geringe Anzahl der Geburten pro Frau aus. Der Effekt der Altersstruktur kompensierte damit zum Großteil den Verhaltenseffekt.

Derzeit kommen aber die geburtenschwachen Jahrgänge in das „Elternalter“. Im Vergleich zu anderen Altersgruppen bedeutet dies, dass seit einigen Jahren und auch in den nächsten Jahren es in Deutschland relativ wenig potenzielle Eltern gibt und geben wird. Unter der Voraussetzung, dass die zusammengefasste Geburtenziffer in etwa bei 1,4 Kinder je Frau bleibt, wird der Effekt der Altersstruktur den

Abb. 3.15 Geburten und Sterbefälle, 1841–2010. (Quelle: Statistisches Bundesamt 2012a, S. 12)

Verhaltenseffekt nicht mehr kompensieren, sondern vielmehr verstärken. Selbst wenn die zusammengefasste Geburtenziffer leicht ansteigen würde, werden die absoluten Geburtenzahlen weiter zurückgehen. Die Zahl der Sterbefälle wird demgegenüber trotz steigender Lebenserwartung zunehmen, da die geburtenstarken Jahrgänge in die hohen Altersgruppen gelangen. Bei Fortsetzung der demographischen Entwicklung sinkt dementsprechend die Einwohnerzahl nach Vorausberechnungen der amtlichen Statistik von ca. 82 Mio. auf ungefähr 65 bis 70 Mio. im Jahr 2060 (Statistisches Bundesamt 2009, Abb. 3.15).

Wie stark die Bevölkerungszahl in Folge der zu erwarteten fehlenden Geburtenzahlen im Bezug zu den Sterbefällen zurückgeht, ist letztlich nicht nur von den Geburtenzahlen und Todesfällen abhängig, sondern auch von der Anzahl der Einund Auswanderungen. Den amtlichen Vorausberechnungen liegen zwei unterschiedliche Annahmen zugrunde, die entweder von einem jährlichen Zuzug von 100.000 oder von 200.000 Menschen ausgehen. Damit würden von 2009 bis 2060 zwischen knapp 5 Mio. und knapp 9,5 Mio. Menschen zuwandern (Statistisches Bundesamt 2009, S. 34). Insgesamt ist somit davon auszugehen, dass sich der seit 2003 zu beobachtende geringe Bevölkerungsrückgang auch in Zukunft mehr oder minder fortsetzen wird.

 
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