Bildung

In diesem Kapitel geht es um Bildung. Darunter ist die Vermittlung und der Erwerb von Werthaltungen, Einstellungen, Wissensbeständen und Fertigkeiten zu verstehen, die Menschen benötigen, um ihre sozialen Rollen in einer Gesellschaft auszuüben (Andorka 2001, S. 340). In diesen Begriff der Bildung ist die Ausbildung für spezifische Berufe und Fertigkeiten eingeschlossen. Es geht in dem nachfolgenden Kapitel um Bildung jedoch nur insoweit, als sie in eigens dafür geschaffenen Bildungseinrichtungen wie zum Beispiel Schulen vermittelt wird. Im Vordergrund stehen dabei die formalen Aspekte institutioneller Bildung. Im Zusammenhang mit der Sozialstruktur einer Gesellschaft interessiert weniger, wie viele und welche Bildungsinhalte Schüler und Studierende aufnehmen, sondern welche Bildungsabschlüsse welcher Bildungseinrichtungen erworben werden.

Bildungseinrichtungen und die dort vermittelten Kenntnisse werden im Lauf der Geschichte sowohl für die Einzelnen als auch für die Gesellschaft im Ganzen immer wichtiger. Bildung ist derzeit für viele Menschen das wichtigste „Kapital“, um ihr Leben erfolgreich führen zu können. Das gilt insbesondere für Gesellschaften mit einer marktwirtschaftlichen Ordnung, da der Erwerb von Bildung dort eine Voraussetzung für den Zugang zum Arbeitsmarkt ist. Und für moderne postindustrielle Gesellschaften sind Bildung und das darin vermittelte Wissen so bedeutend geworden, dass sie als „Wissensgesellschaften“ bezeichnet werden. Bildung und Wissen sind der Kern gesellschaftlicher Entwicklung und nicht länger Maschinen und Fabriken wie in der modernen Industriegesellschaft oder gar Grund und Boden wie in der vorindustriellen Agrargesellschaft.

Der Bezugsrahmen

Das sozialstrukturelle Modell und die darin enthaltenden Begriffe

Die Modernisierungstheorie und das Modell der Sozialstrukturmodernisierung sieht folgende Entwicklung der Bildung vor (vgl. Kap. 2.2.2):

Vorindustrielle Gesellschaften

In vorindustriellen Gesellschaften vollzieht sich Bildung weitgehend in der Familie und an der Arbeitsstätte. Die Mehrheit der Bevölkerung kann kaum rechnen und nicht oder nur rudimentär lesen und schreiben. Dies ist für das Berufsund Alltagsleben zumeist auch nicht nötig, vor allem nicht für die Bauern, die den Großteil der Bevölkerung ausmachen. Die wenigen Bildungseinrichtungen wie etwa Klosterschulen oder Universitäten sind nur für eine Minderheit offen. Fast ausschließlich sind sie den bevorrechtigten und statushohen Bevölkerungsgruppen vorbehalten wie etwa dem Adel oder ab der Frühen Neuzeit vermehrt auch bürgerlichen Sozialgruppen. Nur diese Personen können das Wissen, das sie in den Bildungseinrichtungen erworben haben, auch in ihrem Berufsund Alltagsleben verwerten. So sind Kenntnisse im Rechnen sowie im Lesen und Schreiben beispielsweise für Kaufleute wichtig. Für einen geringeren Teil dieser privilegierten Personengruppe besteht zudem die Möglichkeit, sich auf Universitäten eine umfassende Bildung anzueignen.

 
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