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6.1.2 Theorien

Die bisher genannten Modellvorstellungen und die darin enthaltenen Begriffe beschreiben die erwarteten Veränderungen im Laufe der Modernisierung. Nicht beantwortet ist jedoch die Frage, wieso es zu den im Modell vorgesehenen Entwicklungen kommt.

Die Ausbreitung der Erwerbstätigkeit in der Bevölkerung sowie der wachsende Wohlstand moderner Gesellschaften lassen sich aus den eingangs dargestellten funktionalistischen Modernisierungstheorien (vgl. Kap. 2.2.1) ableiten. Diese kennzeichnen Modernisierung als zunehmende funktionale Differenzierung beziehungsweise Spezialisierung und damit als ansteigende Komplexität einer Gesellschaft. Damit werden aber Subsistenzund Tauschwirtschaft immer weniger möglich. Wer eine hoch spezialisierte Tätigkeit ausübt und ein ganz bestimmtes Produkt herstellt, das unter Umständen nur im Zusammenwirken mit anderen Produkten sinnvoll einzusetzen ist, kann sich hieraus weder selbst direkt ernähren noch unmittelbar all das eintauschen, was er zum Leben braucht. Arbeitsund Gütermärkte sowie Geld als Medium wirtschaftlichen Austauschs werden unerlässlich. Immer mehr Tätigkeiten werden so zu entlohnten Erwerbstätigkeiten und immer mehr neue Tätigkeiten entstehen im Verlauf der Modernisierung von vorneherein als Erwerbstätigkeiten. Die wachsende Arbeitsteilung bringt hohe Effizienzgewinne mit sich, die sich nicht zuletzt in Wohlstandssteigerungen der Gesellschaft insgesamt äußern.

Wieso kommt es aber zur Größenverschiebung der drei Wirtschaftssektoren, die als zweite Entwicklung angeführt wurden? Offenkundig ist die Klärung dieser Frage wichtig. Immerhin wird die Entwicklung vom dominierenden Agrarsektor über den vorherrschenden Industriesektor bis hin zum gegenwärtig überragenden Dienstleistungssektor für so wichtig gehalten, dass Soziologen die einzelnen Modernisierungsepochen sogar danach benannt haben und sie begrifflich als Agrargesellschaft, Industriegesellschaft und postindustrielle Dienstleistungsgesellschaft bezeichnet haben.

Die Einteilung des Wirtschaftsgeschehens in einen ersten, den agrarischen, einen zweiten, den industriellen und einen dritten, Dienstleistungssektor geht auf den Ökonom Allan B. G. Fisher. Nach dieser Drei-Sektoren-Theorie aus den 1930er Jahren werden im ersten Sektor die unmittelbar lebensnotwendigen Produkte hervorgebracht, im zweiten Sektor nachrangig notwendige Güter produziert und im dritten Sektor vor allem Luxusbedürfnisse und Bequemlichkeiten befriedigt (Fisher 1939). Darauf aufbauend diagnostizierte Colin Clark (1940), dass sich vor allem in Phasen des ökonomischen Wachstums die Beschäftigung von Sektor zu Sektor verschiebt. Diese sektorale Verschiebung begründete Clark damit, dass nach Wachstumsschüben die Nachfrage nach notwendigeren Gütern befriedigt ist und in der Folge die Bedürfnisse sich in Richtung der weniger notwendigen Güter verschieben.

Über die fachinternen Diskussionen hinaus bekannt wurde die Drei-SektorenTheorie aber erst durch die Veröffentlichung von Jean Fourastiés Buch „Die große Hoffnung des 20. Jahrhunderts“ (frz. 1949, dt. 1954). Er brachte die einzelnen Sektoren nicht nur mit Nachfrageverschiebungen, sondern auch mit den jeweiligen Produktivitätssteigerungen in Verbindung, die der technische Fortschritt dort möglich macht. Nach Fourastié sind im ersten Sektor mittlere Steigerung der Produktivität möglich, im zweiten Sektor besonders hohe, im dritten Sektor dagegen nur sehr begrenzte. Zuerst hat der technische Fortschritt der Theorie zufolge die Nahrungsmittelproduktion gesteigert und die Zahl der dafür notwendigen Arbeitskräfte verringert. Die Sättigung der Bedürfnisse nach Nahrungsmittel führt schließlich dazu, dass sich die Nachfrage auf weniger notwendige, dingliche Produkte verlagert und die auf dem Land überflüssigen Erwerbstätigen in Städte und Fabriken wandern. Im sekundären, industriellen Sektor lassen sich, so Jean Fourastié, daraufhin durch Mechanisierung und Rationalisierung die größten Produktivitätsfortschritte erzielen. Es ist, so schrieb Fourastié Ende der 1940er Jahre, absehbar, dass auch die Nachfrage nach dinglichen Gütern bald (über)erfüllt sein werde. Die Menschen werden daraufhin neue Wünsche nach Dienstleistungen ausbilden wie zum Beispiel nach Freizeitgestaltung, Bildung oder Gesundheitsvorsorge. Viele Erwerbstätige werden nach den Produktivitätsfortschritten im sekundären Sektor und in Folge der Nachfrageverschiebung hin zum Dienstleistungsbereich im industriellen Sektor nicht mehr gebraucht und zwangsläufig in den Dienstleistungssektor überwechseln. Nach Fourastié ist dort ein rationalisierender technischer Fortschritt kaum möglich. Schon die Produktion materieller Güter erfordert immer mehr Vorbereitung, Planung, Beobachtung und Forschung. Zudem geht Fourastié davon aus, dass sich der Geschmack mit zunehmender Sättigung bei Nahrungsmittel und industriellen Gebrauchsgütern verfeinert und individualisiert. Und auch das Bedürfnis der Menschen nach Andersartigkeit und Hervorhebung gegenüber anderen ist unersättlich. Da die Produktivität von Beschäftigten im Dienstleistungssektor kaum mit technischem Fortschritt steigbar wäre und der „Hunger nach Tertiärem“ (Fourastié 1954, S. 274) unstillbar wäre, kann der Dienstleistungssektor immer mehr mehr Beschäftigte aufnehmen.

„Die große Hoffnung des 20. Jahrhunderts“ (Fourastié 1954) ist deswegen eine optimistische Beschreibung der Entwicklung hin zur Dienstleistungsgesellschaft, weil die Lebensumstände der Menschen durch Dienstleistungen bequemer und die Arbeitsbedingungen angenehmer und qualifizierter werden, weil höhere Bedürfnisse befriedigt werden können und weil Arbeitslosigkeit kaum mehr vorhanden ist. Die fortlaufende Expansion des Dienstleistungssektors wird alle jene Arbeitskräfte aufnehmen, die im ersten und zweiten Sektor keine Beschäftigung mehr finden können (Fourastié 1954, S. 247 f.; vgl. Häußermann und Siebel 1995, S. 27 ff.; Offe 1984, S. 291; Pohl 1970).

Der Anstieg der Dienstleistungsarbeit wurde von Jean Fourastié im Kern damit begründet, dass die Menschen immer mehr Dienstleistungen nachfragen und diese viele Arbeitskräfte zu ihrer Ausführung benötigen. Ergänzend lässt sich der Trend zur Dienstleistungsgesellschaft auch durch weitere Argumente erklären. Zum einen bleibt den im Agrarund Produktivitätssektor nicht mehr benötigten Arbeitskräften gar nichts anderes übrig, als in den Dienstleistungssektor überzuwechseln. Zum anderen entsprechenden Dienstleistungstätigkeiten den Neigungen zahlreicher Arbeitenden mehr als Tätigkeiten im Produktivitätssektor oder gar in der Landwirtschaft. Schließlich besagen die eingangs (vgl. Kap. 2.1.2) zugrunde gelegten funktionalistischen Modernisierungstheorien ganz allgemein, dass die wachsende Komplexität und Pluralität moderner Gesellschaften und insbesondere die hoch differenzierten Strukturen der Wirtschaftstätigkeit immer mehr Planung, Koordination, Steuerung und Kontrolle, also Dienstleistungstätigkeiten erfordern (Offe 1984, S. 299 ff.).

Neben der Sektorentheorie und ihrer modernisierungstheoretischen Anwendung sind für eine Sozialstrukturanalyse der Erwerbstätigkeit auch Ansätze der Arbeitsmarktsegmentation aufschlussreich, die vor allem unterschiedliche Beschäftigungsverhältnisse erklären und auf die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts zurückführen. Theorien der Arbeitsmarktsegmentation unterteilen den Arbeitsmarkt in verschiedene Segmente, die quer zu den Wirtschaftssektoren liegen und die in der Regel mit unterschiedlichen Funktionen und Tätigkeitsbereichen einhergehen und zwischen denen individuelle Übergänge kaum möglich sind (Doeringer und Piore 1971; Sengenberger 1987; vgl. Kreckel 2004, S. 194 ff.). So unterscheidet beispielsweise Michael J. Piore (1978) einen primären und einen sekundären Arbeitsmarkt. Während es in dem primären Arbeitsmarkt Tätigkeiten gibt, die relativ gut entlohnt werden und mit guten Arbeitsbedingungen, Aufstiegschancen und Arbeitsplatzsicherheit einhergehen und die gut ausgebildete Arbeitskräfte erfordern, ist der zweite Arbeitsmarkt durch Tätigkeiten gekennzeichnet, die vergleichsweise schlecht entlohnt werden und eine geringe Qualifikation erfordern. Hinzu kommen instabile Beschäftigungsverhältnisse und geringe Mobilitätschancen. Demgegenüber unterscheidet Sengenberger (1987) drei Arbeitsmarktsegmente: einen Jedermannsarbeitsmarkt, einen berufsfachlichen Arbeitsmarkt und einen betriebsspezifischen Arbeitsmarkt. Während der Jedermannsarbeitsmarkt in etwa dem sekundären Arbeitsmarkt und der berufsfachliche Arbeitsmarkt dem primären Arbeitsmarkt entspricht, zeichnet sich der betriebsinterne Arbeitsmarkt durch betriebliche Schließungsprozesse aus, die den Zugang über betriebliche und nicht berufliche Qualifikationen steuern und innerbetriebliche Mobilitätschancen beinhalten, die für externe Einsteiger nicht möglich sind.

Wieso kommt es zu dieser Aufspaltung des Arbeitsmarktes in verschiedene Segmente? Nach Piore (1978) entsteht eine Segmentierung des Arbeitsmarktes als Folge der Unsicherheit kapitalistischer Wirtschaftssysteme und einer KostenNutzen-Rechnung seitens der Arbeitgeber in die Ausbildung der Arbeitnehmer. So haben Arbeitgeber in Folge hoher Fluktuationskosten ein Interesse an einer Kernbelegschaft und investieren somit langfristig in Arbeitskräfte, bilden diese aus und versuchen sie über höhere Löhne, Aufstiegsmöglichkeiten und Ähnliches an sich zu binden. Dies betrifft dementsprechend vor allem Arbeitnehmer mit hohen berufsund betriebsspezifischen Qualifikationen und weniger Arbeitnehmer mit geringen berufsund betriebsspezifischen Qualifikationen oder einem allgemeinen hohem und bereichsübergreifendem Humankapital aufgrund einer tertiären Ausbildung (Giesecke und Groß 2007, S. 85 f.). Aufgrund der Unsicherheiten kapitalistischer Wirtschaftssysteme und Marktlagen sowie Veränderungen der Nachfragestruktur sind Arbeitgeber aber auch an einer flexiblen und kostengünstigen Anpassung ihrer Arbeitskräfte interessiert, sodass zusätzlich zu der Kernbelegschaft ein austauschbares Segment ausgebildet wird, in dem externe Arbeitskräfte kurzoder mittelfristig angeworben und bei Bedarf wieder entlassen werden können.

 
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