Entwicklungstendenzen der Einkommensungleichheit im internationalen Vergleich

Im Laufe des 20. Jahrhunderts ging bis in die 1970er Jahre die Einkommensungleichheit in den meisten modernen Ländern zurück (Atkinson und Leigh 2010; Atkinson und Piketty 2007; Kraus 1987, S. 196 ff.). Seit den 1980er Jahren hat sich jedoch die Zahl der Länder erhöht, in denen das Ausmaß der Einkommensungleichheit zugenommen hat. Diese Tendenz ist nicht nur in postindustriellen Dienstleistungsgesellschaften, sondern auch in Industriegesellschaften und in Ländern auf dem Weg zur Industrialisierung zu beobachten. Vor allem in den Vereinigten Staaten sowie in Großbritannien war die Polarisierung der Einkommensverteilung besonders ausgeprägt. Besonders stark zugenommen hat seit den 1980er Jahren das Ausmaß der Einkommensungleichheiten im Vergleich der OECD-Länder in Neuseeland und Schweden (OECD 2012, S. 81). Im Allgemeinen ist der Anstieg zwischen den 1980er Jahre und Mitte der 1990er Jahre im OECD-Vergleich stärker als im Zeitraum Mitte der 1990er Jahre bis Ende der 2000er Jahre. Allerdings finden sich auch zahlreiche Ausnahmen einer zunehmenden Einkommensungleichheit. Zu den Ausnahmen zählt auch etwa Deutschland. Zusammen mit einigen anderen Gesellschaften wie Japan, Finnland und zeitweise den Niederlanden blieb die Einkommensverteilung in Deutschland in den 1980er und 1990er Jahren relativ stabil (Crouch 1999, S. 163 f.; Kanbur und Lustig 2000, S. 293 f.; Ring 2000, S. 127). Seit Mitte der 1990er Jahre lässt sich in Deutschland, aber auch in Finnland hingegen ein Anstieg der Ungleichheiten beobachten. In Frankreich, Griechenland und der Türkei konnte zwischen Mitte der 1980er Jahre und Ende der 2000er Jahre sogar ein Rückgang der Einkommensdisparitäten festgestellt werden (OECD 2012, S. 81).

Die seit den 1980er, den 1990er und bisweilen erst seit den 2000er Jahren wachsende Einkommensungleichheit in verschiedenen Gesellschaften können Modernisierungstheorien aber so nicht ohne Weiteres erklären. Diese gehen im Prinzip ja davon aus, dass im Zuge der Modernisierung die Einkommen immer gleicher werden. Demnach wäre ein anhaltender Trend zur Angleichung der Einkommen eigentlich zu erwarten gewesen. In der Regel wird die wachsende ökonomische Ungleichheit mit der weltweit steigenden Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften und dem sinkenden Bedarf nach unqualifizierten Kräften erklärt. Damit einhergehen drei Faktoren: 1) Der technologische Wandel stellt wachsende Anforderungen an Kenntnisse und Ausbildung. 2) Die Globalisierung steigert die internationale Nachfragekonkurrenz nach qualifiziertem Personal und die internationale Angebotskonkurrenz von unqualifizierten Arbeitskräften. 3) Die De-Industrialisierung mindert die Zahl der Arbeitsplätze für viele unund angelernte, aber auch für qualifizierte Facharbeiter (Levy und Murnane 1992; Nollmann 2006; Snower 1999) (Tab. 7.2).

In Folge dieser Ursachen gehen die Einkommensund Vermögensverhältnisse der Menschen in modernen Gesellschaften auseinander. Dennoch nehmen soziale Ungleichheiten in modernen Gesellschaften nicht zwangsläufig zu. Dies demonstrieren Länder mit relativ gleich bleibender oder gar sinkender Ungleichheit der Einkommen. Die konkrete Entwicklung hängt auch von sozialen Normen, der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und der sektoralen Struktur sowie von der jeweiligen Sozialund Bildungspolitik ab. In Ländern, die das Bildungsniveau

Tab. 7.2 Entwicklung der Einkommensungleichheiten (verfügbares Haushaltseinkommen) seit 1970. (Quelle: Keuschnigg und Groß 2012, S. 204; eigene Darstellung)

Deutschland[1]

Frankreich

Schweden

UK

USA

Russland

Polen

Mexiko

Brasilien

2000er

0,3

0,28

0,25

0,34

0,44

0,44

0,35

0,52

0,58

1990er

0,29

0,29

0,27

0,34

0,42

0,41

0,29

0,54

0,59

1980er

0,30/0,19

0,35

0,26

0,30

0,41

0,26

0,24

0,51

0,59

1970er

0,33/0,20

0,37

0,32

0,29

0,41

0,26

0,24

0,52

0,59

Marokko

Ägypten

Bot-

swana

Kenia

Südafrika

Israel

Iran

China

Indien

2000er

0,41

0,36

0,61

0,43

0,57

0,38

0,45

0,46

0,37

1990er

0,39

0,34

0,54

0,59

0,59

0,35

0,44

0,37

0,32

1980er

0,44

0,32

0,56

0,57

0,47

0,35

0,47

0,30

0,31

1970er

0,57

0,38

0,57

0,62

0,49

0,36

0,56

0,29

0,37

Veränderung der Einkommensungleichheiten über die Veränderung des Ginikoeffizienten

der Bevölkerung stark erhöhen, mindert sich in der Regel die Übernachfrage nach qualifizierten Erwerbstätigen und deren Einkommenssteigerung. Auch in Zeiten wachsender internationaler Konkurrenz verhindert eine Sozialpolitik, die sich wirksam auf Modernisierungsverlierer konzentriert, gravierende Verarmungs-, Verelendungsund Exklusionsprozesse. Obwohl oder gerade weil die weltumfassenden Trends hin zu anspruchsvollen Technologien und zur wachsenden Globalisierung die Einkommen der qualifizierten und der unqualifizierten Erwerbstätigen auseinander treiben, wird politischen Maßnahmen und Sicherungseinrichtungen steigende Bedeutung für die Gestaltung sozialen Wandels und sozialer Ungleichheit zugemessen.

  • [1] Der erste Wert bezieht sich auf die BRD und der zweite Wert auf die DDR
 
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