Aus aktuellem Anlaß : Salafi Judenhass

Die Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert hat den Formen des Antisemitismus letztlich zwei neue Varianten hinzugefügt, die zumal in Einwanderungsgesellschaften virulent werden:

So klammern sich nationalistische, von der Globalisierung betroffene Rechtsextremisten an den Glauben, dass jene Tat, die den weltanschaulichen Antisemitismus ein für allemal diskreditierte, nämlich der Holocaust, selbst das Ergebnis einer lügenhaften Verschwörung mit keinem anderen Ziel sei, als den Widerstand der Völker gegen globalen Kapitalismus zu brechen (vgl. Lipstadt 1994). Umgekehrt wird – vornehmlich, aber keineswegs aussschließlich – im muslimischen Immigrationsmilieu die Besatzungsund Repressionspolitik der israelischen Regierung gegenüber den Palästinensern zur projektiven Bildfläche der im Einwanderungsland erfahrenen Ungerechtigkeit erklärt. Derlei Einstellungen finden sich freilich – mit Ausnahme Frankreichs und einiger Immigrantenmilieus in den Niederlanden, Belgien und Schweden – weniger in Europa (vgl. Mekhennet 2006; vgl. ebenfalls Kepel/Milleli 2006) als in der islamischen Welt. Von den Islamisten Algeriens im Westen, deren Führer Ali Belhadj "Kreuzfahrer und Zionisten" (Taguieff 2002) mindestens sosehr haßte wie Osama bin Laden bis zum indischen Ozean, wo der längst zurückgetretene malaysische Premier Mahatir (vgl. Anti Defamation League 2003) gegen die palästinensischen Selbstmordattentäter wie zuletzt Adolf Hitler für einen Antisemitismus der Vernunft plädierte, bis zum damaligen iranischen Präsidenten Ahmadinedjad und seinem Schwadronieren vom Verschwinden Israels (vgl. Küntzel 2009). Zudem: In Syrien und Ägypten liefen im staatlich kontrollierten Fernsehen unbeanstandet politische Soaps über die "Protokolle der Weisen von Zion" sowie über jüdische Ritualmorde (vgl. Memri 2010).

Wie im Nationalsozialismus und wie in der stalinistischen Polemik gegen das "Kosmopolitentum" stehen auch hier die Juden als Feindbild fest. Während der Koran selbst im Stil spätantiker Religionspolemik zwischen einer Rhetorik der Verfluchung und des Verzeihens oszilliert, bedient sich der radikale Islamismus dessen negativster antijüdischer Aussagen und verfestigt sie zu einem rassistischen Stereotyp (vgl. Küntzel 2000). Bei alledem war von massenhaften judenfeindlichen Karikaturen in der arabischen Presse, die dem "Stürmer" in keiner Hinsicht nachstehen, ebensowenig die Rede wie von den ans rassistische grenzenden, judenfeindlichen Hetztiraden und Leitartikeln in den Moscheen und Zeitungen Saudi Arabiens und des Gazastreifens (vgl. Memri 2010).

Ein Blick in die ideologischen Gründungsschriften der radikal islamistischen Bewegung (vgl. Kepel/Milelli 2006: 85 f.) in ihren ganz unterschiedlichen Ausformungen, von den Überlegungen des Inders Sayd al Maududi, des Gründers der Moslembrüder Hassan al Banna (vgl. Croitoru 2007: 12–64; vgl. ebenfalls Krämer 2010) bis zu den anspruchsvolleren Schriften des jahrelang in Nassers Gefängnissen eingesperrten und schließlich 1966 aufgehängten Sayd Qutb zeigen bei allen Differenzen ein geschlossenes Bild. Paul Berman hat in seinem Buch "Terror and Liberalism" fair und doch erschreckt das Weltbild Qutbs nachgezeichnet, eines Mannes, der an der Orientierungslosigkeit der säkularen, westlichen Kultur leidet und festen Halt nur noch in einer Weisung sehen kann, die menschlicher Willkür entzogen zu sein scheint: dem Koran, der nicht nur Seligkeit im Jenseits, sondern auch eine gerechte Herrschaftsordnung, die den Kapitalismus in seine Schranken weist, mit absoluter Autorität gebietet (vgl. Berman 2004). Qutbs Interpretation der zentralen koranischen Auseinandersetzung mit Judentum und Christentum, der in sich vieldeutigen Sure 5, "der Tisch", findet, lässt die Juden zum Inbegriff von Heuchlern, Lügnern und Betrügern werden und kommt zu dem Schluss, dass der vom Propheten gegen die Juden begonnene Krieg unter den veränderten Bedingungen der Gegenwart fortzusetzen sei. Tatsächlich heißt es in Sure 5, 65 über die Juden: "Wen Allah verflucht hat und wem er zürnt – und verwandelt hat er einige von ihnen zu Affen und Schweinen …"

Wer all dies für einseitig und alarmistisch hält und davor warnt, die Haltung einzelner Ideologen und Prediger mit der von Bevölkerungsmehrheiten und ihren Regierungen gleichzusetzen und daher mahnt, die ungeheuere Komplexität ganz unterschiedlicher, sich in ergebnisoffenen Modernisierungskrisen befindlicher muslimischer Gesellschaften ernst zu nehmen und sich auf keinen Fall auf das holzschnittartige Bild Samuel Huntingtons vom "Kampf der Kulturen" einzulassen, hat natürlich – wie sollte es anders sein? – auch Recht. Man könnte auch sagen: Was in der beschränkten Welt der Banlieues von Paris der Brandsatz gegen eine Synagoge ist (vgl. Taguieff 2002), ist in den Krisenzonen der globalisierten Welt die "islamische" Bombe oder eben – wie die jüngsten Entwicklungen zeigen – der unvorstellbare Terror der IS. Der radikale Islamismus hat bisher nicht nur – wie in Frankreich – die innenpolitische Stabilität, sondern auch – wie in Pakistan – den Weltfrieden gefährdet und hat mit den Terrormilizen des IS eine tatsächlich neue Qualität erreicht. Der im Herbst 2014 unter der Leitung des US-amerikanischen Präsidenten Obama gefasste Beschluss des Sicherheitsrates der UN, den genozidalen Terror des IS zu bekämpfen, zeugt davon, dass aller sonstigen Gegensätze zum Trotz diese Form einer religiös begründeten Ideologie eine Gefahr für alle Zivilisationen darstellt, wie es sie seit der NS-Herrschaft nicht mehr gegeben hat.

 
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