Ronald Inglehart: Wertewandeltheorie

Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Ronald Inglehart geht davon aus, dass die Werte der Menschen davon abhängen, inwieweit sie im Wohlstand aufwachsen (vgl. zum Folgenden Inglehart 1977). Er weist darauf hin, dass die Generation, die im und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde und ihre Jugend verbrachte, in dürftigen materiellen Umständen aufwuchs. Diese Menschen entwickeln materielle Werteinstellungen. Sie vertreten Pflichtwerte. Sie streben nach Besitz und Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. Jene Generation, die in den späten 1960er und 1970er ihre Kindheit und Jugend verbrachte, wuchs dagegen im Wohlstand auf. Die Werte dieser Menschen, die in Anlehnung an eine Definition von Clyde Kluckhohn (1951, S. 395) als Vorstellungen vom Wünschenswerten bezeichnet werden können, konzentrieren sich nach Inglehart auf ihre eigene Selbstverwirklichung und ihre persönliche Selbstentfaltung. In der Gesellschaft ergibt sich also in der Generationenfolge ein Wertewandel weg von materiellen Pflichtund Besitzwerten hin zu den von Inglehart so genannten postmateriellen Werten der Selbstverwirklichung und Kommunikation. Nach Inglehart äußern sie sich auch im Verhalten der Menschen. Die Einzelnen werden jene Berufe, Lebensformen (vgl. Kap. 4) und Lebensstile (vgl. Kap. 9.2.2) wählen, die jeweils den eigenen Vorstellungen von persönlicher Selbstverwirklichung am ehesten entsprechen. Handlungstheoretisch sind Werte demnach verinnerlichte Orientierungsoder Bewertungsmuster, die es Menschen ermöglichen, relativ schnell eine Entscheidung zwischen Handlungsalternativen zu treffen. Werte sind damit neben Persönlichkeitsmerkmalen eine grundlegende Größe, die die Präferenzen von Menschen ordnen.

Hinter diesen theoretischen Annahmen stehen zwei Hypothesen. Inglehart geht erstens davon aus, dass Menschen das am höchsten schätzen und begehren, was in ihrer Umwelt beziehungsweise Umgebung relativ knapp ist (Mangelhypothese). Hierbei ergeben sich mehrere Stufen. Wenn wenig vorhanden ist, stellen die Menschen zunächst materielle Werte obenan und wollen ihre äußeren Lebensbedingungen etwa Wohnbedingungen, Arbeitsbedingungen oder Einkommen verbessern. Erst nach Erfüllung dieser Ziele dominieren dann die „höheren“ sozialen und individuell-psychischen Werte wie jene der Selbstverwirklichung. Hierbei lehnt sich Inglehart an die von Maslow (1981) über klinische Studien in den 1950er Jahren herausgearbeitete Bedürfnispyramide an. Zweitens nimmt Inglehart an, dass die persönlichen Werte eines Menschen zum größten Teil in seiner Kindheit und Jugend, der sogenannten formativen Phase geprägt werden (Sozialisationshypothese). Im Laufe des weiteren Lebens verändern sich die ausgebildeten Werte der Einzelnen schließlich kaum noch. Als Folge der Wohlstandsentwicklung nimmt die Zahl der Menschen, die postmaterialistische Werte aufweisen, immer weiter zu. Die ältere Generation derjenigen, die materialistische Werte verfolgen, wird zurückgehen und dereinst aussterben. Die Verdrängung materieller Werte wird sich im Zuge der Modernisierung und Wohlstandssteigerung schließlich weltweit nachweisen lassen (Inglehart 1989, 1998).

Die Theorie von Inglehart wurde in den Sozialwissenschaften ausführlich diskutiert und empirisch überprüft. Dabei stellte sich heraus, dass die empirischen Befunde die These eines Wertewandels im Großen und Ganzen bestätigen. Ferner hat die Verbreitung von Selbstverwirklichungswerten allen Anschein nach weitreichende Auswirkungen etwa auf die Geburtenrate, auf die Pluralisierung von Lebensformen, auf die Emanzipation von Frauen oder auf die Herausbildung von sozialen Bewegungen. Weiterhin hat die Theorie erhebliche praktische Konsequenzen. Sie macht unter anderem verständlich, wieso es sich empfiehlt, junge Menschen durch Überzeugungen zu motivieren und nicht länger durch Appelle an das Pflichtgefühl. Der Wertewandel geht auch nicht notwendigerweise mit einem Werteverfall, mit wachsendem Egoismus und/oder mit sinkender Leistungsbereitschaft einher. Menschen, die nach Selbstverwirklichung streben, können sich mit großer Hingabe für bestimmte Aufgaben einsetzen, auch für Aufgaben, die vor allem anderen nutzen und gemeinschaftsorientiert sind wie Bürgerinitiativen und Umweltbewegungen.

Dennoch zeigte die Überprüfung auch einige Probleme auf. Erstens stellen die Pole des Materialismus und des Postmaterialismus wohl kein eindimensionales Gegenüber dar. Der Wertewandel vollzieht sich offenbar in unterschiedlichen Dimensionen wie zum Beispiel Hedonismus und Pflichtbewusstsein unabhängig voneinander und in unterschiedlicher Geschwindigkeit (Gensicke 1998; Klages 1996, 2001). Damit einher geht zweitens die Frage, inwieweit Menschen eine Präferenzskala von Werten bilden können, die methodisch in Ranking-Skalen abgebildet werden können, im Unterschied zu der Ausbildung von Wertsynthesen, die mit Rating-Skalen abgefragt werden und davon ausgehen, dass verschiedene Werte für die Befragten gleich wichtig sein können (vgl. hierzu etwa Klein und Arzheimer 1999). Drittens stimmt die Sozialisationshypothese wohl nur eingeschränkt. Menschen verfolgen nicht notwendigerweise ihr Leben lang die gleichen Werte. So ist es durchaus plausibel, dass, wenn die wirtschaftliche Lage sich verschlechtert, es auch wieder ein zurück zu materiellen Wertvorstellungen gibt. Viertens reagieren auch die Werte, und zwar im Unterschied zu der Annahme Ingleharts, auf Moden, Konjunkturen und den jeweiligen „Zeitgeist“. Es sind also auch Moden, die einen Wertewandel zu Stande bringen können. Und fünftens zeigen einige Studien (vgl. für einen Überblick Welzel 2009) nicht nur einen Geburtskohorteneffekt, sondern auch einen Alterseffekt.

 
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