George Ritzer: Die globale McDonaldisierung

Der Großteil der bisher genannten Theorien, auch die zu Beginn des Buches aufgeführten Theorien der postindustriellen Gesellschaft oder Postmoderne, kamen zum Schluss, dass sich die Kulturmuster und Lebensweisen der Menschen zunehmend ausdifferenzieren. Im Gegensatz dazu und analog zu der funktionalistischen Modernisierungstheorie vertritt George Ritzer (1995, 2000) die Auffassung, dass die Kulturen der Welt immer homogener werden. In seinem Buch „Die McDonaldisierung der Gesellschaft“ zieht er die Restaurants der Firma Mc Donalds als Modell für einen weitreichenden Prozess heran, „durch den die Prinzipien der Fast-Food-Restaurants immer mehr Gesellschaftsbereiche in Amerika und auf der ganzen Welt beherrschen“ (Ritzer 1995, S. 15). Fast alle Sektoren moderner Gesellschaften wie Ausbildung, Sport, Politik, Religion, Arbeitswelt, Reisen, Freizeitgestaltung, Ernährung und Familie seien heute von den Prinzipien der FastFood-Kette durchdrungen.

Hinter allen Erscheinungsformen der McDonaldisierung stehen nach Ritzer die Prinzipien der Rationalisierung. Sie sei ein unumkehrbarer Prozess, der unentrinnbar und zwangsläufig einer zwiespältigen Zukunft entgegenführt. Man kann das mit Max Weber auch als „ehernes Gehäuse“ bezeichnen (Ritzer 1995, S. 245). Im Kern zeichnet sich der Prozess der McDonaldisierung durch vier Merkmale aus: Effizienz, Berechenbarkeit, Vorhersagbarkeit und Kontrolle. Diese Faktoren haben durchaus positive Auswirkungen. Sie bieten zum Beispiel Kunden die Möglichkeit, sehr schnell ein Essen von voraussehbarer Art in gewohntem Rahmen für wenig Geld und geringen Aufwand zu erhalten. Diese effiziente Art der Bedürfnisbefriedigung, die sich nicht nur in Fast-Food-Restaurants findet, sondern auch in Bürokratien, Supermärkten oder bei Pauschalreisen, schließt aber auch die Kontrolle der Menschen ein. Sie können kaum noch selbst nach dem bestmöglichen Weg zur Erreichung eines Ziels suchen, sondern müssen auf vorgegebene Standardwege zurückgreifen. Ihr Handeln wird wie etwa an einer Kasse auf maschinenartige Tätigkeiten reduziert und selbst Effizienzkriterien unterworfen. So wird in Fast-FoodRestaurants versucht, durch unbequeme Stühle und eine begrenzte Speisekarte einem langen Aufenthalt entgegen zu wirken. Auch die Bürokratie kontrolliert die Menschen, und zwar sowohl die Bürokraten selbst als auch die Klienten, mit ihren „nichtmenschlichen Strukturen mit unzähligen Regeln, Vorschriften, Richtlinien, Positionen, Befehlswegen und hierarchischen Ebenen“ (Ritzer 1995, S. 30).

Zu den zwiespältigen Auswirkungen der McDonaldisierung gehört auch, dass sie wie alle rationalisierten Systeme zwangsläufig irrationale Konsequenzen hat (Ritzer 1995, S. 205). „Genauer gesagt, bedeutet Irrationalität, dass rationale Systeme vernunftwidrig sind: Sie dienen dazu, das grundlegend Menschliche zu leugnen, die Vernunft der Menschen, die in ihnen arbeiten oder ihre Leistung in Anspruch nehmen“ (Ritzer 1995, S. 206). Die Menschen werden in der Erwerbsarbeit mit niedrigen Qualifikationsanforderungen und fließbandähnlichen Tätigkeiten konfrontiert und entfremden sich ihrer Arbeit. Kinder werden immer häufiger zur Verrichtung von unbezahlten Arbeiten eingesetzt, sodass die Frage entsteht, für wen rationalisierte Systeme eigentlich effizient sind. Zwischenmenschliche Beziehungen und Kommunikationsweisen werden auf ein Mindestmaß reduziert. Gesundheitsgefährdungen und Umweltschädigungen sind weitere Beispiele für irrationale Auswirkungen. Die McDonaldisierung von Gesellschaften und der Welt bringt so schließlich Ineffizienz, Unvorhersagbarkeit, Unberechenbarkeit und Verlust von Kontrolle mit sich.

In letzter Konsequenz wird nach Ritzer aufgrund der McDonaldisierung die kulturelle Vielfalt vermindert oder sogar beseitigt. Die amerikanische Kultur des Massenkonsums ergreift immer größere Teile der Welt und macht auch vor den entlegensten Plätzen keinen Halt. Die amerikanische Kultur beeinflusst nicht nur, was konsumiert wird, sondern auch, wie es konsumiert wird. Es kommt zu einer Vereinheitlichung und Amerikanisierung von Lebensstilen und Verhaltensweisen. Nach Ritzer ist der Prozess der McDonaldisierung nicht aufzuhalten. Erstens wird der Prozess von materiellen Interessen begünstigt insbesondere von wirtschaftlichen Zielen und Bestrebungen. Zweitens ist die McDonaldisierung inzwischen selbst ein erstrebenswertes Ziel. Effizienz, Berechenbarkeit, Vorhersagbarkeit und Kontrolle sind zu gesellschaftlichen Werten geworden. „Wir suchen sogar dann nach einer effizienten Handlungsweise, wenn sie wirtschaftlich nicht besonders sinnvoll ist“ (Ritzer 1995, S. 248). Und drittens wird die McDonaldisierung von langfristigen gesellschaftlichen Entwicklungen gefördert. Zum einen sind in Folge von Differenzierungsprozessen, Arbeitsteilung und subjektiv empfundener Zeitknappheit viele Menschen auf effiziente Dienstleistungen angewiesen. Zum anderen wachsen gesellschaftliche Mobilität, der Einfluss von Massenmedien und der technische Fortschritt an. Vor allem die Verbreitung von Informationstechnolo-

gien wie etwa Computer begünstigen die McDonaldisierung.

 
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