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Einleitung

Soziale Arbeit, Gemeinwesenarbeit und Stadtentwicklung Eine theoriegeschichtliche Spurensuche

Patrick Oehler und Matthias Drilling

„Moderieren und Managen ist die eine Sache, den Interessen unterprivilegierter Bevölkerungsgruppen in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen und diese dazu zu befähigen, ihre berechtigten Anliegen eigenständig zu vertreten, ist die andere. Das beste Stadtteilentwicklungskonzept bleibt notgedrungen unzulänglich, wenn nicht gleichzeitig auch die gesellschaftliche Teilhabe aller Menschen im Wohngebiet induziert wird, was wiederum parallel dazu den Abbau von sozialer Benachteiligung und Ausgrenzung voraussetzt. Letzteres ist aber eine originäre Aufgabe der Gemeinwesenarbeit (…) wie auch der Sozialen Arbeit allgemein. Diese Aufgabenstellung anderen Berufsgruppen (Stadtplanern, Architekten usw.) zu überlassen, wäre gleichbedeutend mit der Aufgabe des eigenen Berufsstandes. Geholfen wäre damit niemandem.“ (Lothar Stock 2004, S. 197 f.)

Die „Wiederentdeckung des Raums“ – die „räumliche Wende“ (spatial turn) – in den Kulturund Sozialwissenschaften (vgl. Döring/Thielmann 2008) sowie der viele Städte betreffende „Zurück in die Stadt“-Trend haben innerhalb der Disziplin und Profession der Sozialen Arbeit zu einer Re-Thematisierung von (Sozial-) Raum, Gemeinwesenarbeit (GWA) und Stadtentwicklung geführt. Im Fokus der Fachöffentlichkeit stehen bis anhin allerdings die Auseinandersetzung mit dem Sozialraum an sich bzw. mit sozialräumlichen Konzepten, Methoden und Arbeitsfeldern Sozialer Arbeit (vgl. Kessl et al. 2005). Der Anspruch der Sozialen Arbeit auf eine professionsspezifische Mitwirkung an „Stadtentwicklung“ mit einem besonderen Fokus auf die Planung ist erst ansatzweise erkennbar. Die Entwicklung der letzten Jahre zeigte jedoch, dass genau dieses Handlungsfeld zunehmend zu einer bedeutenden Aufgabenstellung der Sozialen Arbeit[1] wird (vgl. Drilling/Oehler 2011; Drilling/Oehler 2013; Oehler/Weiss 2012). Parallel zum entstehenden theoretischen Fachdiskurs ist auch in der Praxis der Fachbasis der Sozialen Arbeit ein erstarktes Interesse an der Stadtentwicklung feststellbar. Interesse bedeutet, wie John Dewey das formuliert hat, „dass man von den in den Dingen liegenden Möglichkeiten in Mitleidenschaft gezogen wird, dass man darum danach ausschaut, was sie einem wohl bringen werden, und dass man auf der Grundlage dieser Voraussicht bemüht ist, ihnen eine bestimmte Wendung zu geben. Interesse und Ziel, Anteilnahme und Zweck sind notwendig miteinander verbunden.“ (Dewey 1993, S. 169) Das beobachtbare Handlungsspektrum reicht dabei von der Mitorganisation von liegenschaftsbezogenen oder gruppenspezifischen Protestaktionen über Vermittlungsarbeiten zwischen verschiedenen Akteuren bis hin zur Mitarbeit als Expertin an Wettbewerbsausschüssen und projektbezogenen Planungsgremien. In verschiedenen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit (vor allem im Bereich der offenen Kinderund Jugendarbeit, der Quartiersarbeit, der aufsuchenden Arbeit und im Selbsthilfebereich) wird auf unterschiedlichen Ebenen und zu verschiedenen Themen (günstiger Wohnraum, keine Verdrängung/Wegweisung aus öffentlichen Räumen, kinderund jugendgerechte Platzgestaltung etc.) nach Wegen der Einflussnahme gesucht; auch von städtischer Seite bzw. mit städtischer Unterstützung werden – als (intermediäre) Brückeninstanz zwischen Verwaltung und Quartierbevölkerung – Quartier(entwicklungs)büros, Quartierkoordinationsstellen und Stadtteilsekretariate geschaffen und die entsprechenden Arbeitsstellen mit Fachkräften aus der Sozialen Arbeit besetzt. Die Funktion wird meist mit Stichwörtern wie „intermediäre Instanz“, Koordination, Beratung, Information(svermittlung) und Übersetzung, Kontaktund Anlaufstelle, Moderation und Mediation umschrieben.

Diese hier skizzierte Aktualität von „Sozialer Arbeit und Stadtentwicklung“ wirft eine Reihe von Fragen auf: Aus welchem Selbstund Rollenverständnis Sozialer Arbeit kann und soll in diesem Handlungsfeld eigentlich professionell gearbeitet werden? Auf welchen Fundus an Theorien und Konzepten bzw. auf welche Handlungtraditionen und welches Erfahrungswissen kann sich die Soziale Arbeit für diesen Arbeitskontext beziehen? Worin liegen die besonderen Herausforderungen und welche Gebiete gilt es, im Hinblick auf ein professionelles Handeln Sozialer Arbeit in diesem Bereich zu erforschen und theoretischkonzeptionell weiterzuentwickeln? Eine Möglichkeit, auf diese Fragen zu antworten ist, im Sinne einer historischen Spurensuche, die eigene Fachgeschichte und -diskussion Sozialer Arbeit hinsichtlich Stadtentwicklung zu rekonstruieren. So können Entwicklungen und „mentale Modelle“, die den Blick auf das Handlungsfeld Stadtentwicklung geprägt haben oder immer noch prägen[2], deutlich gemacht und in Erinnerung gerufen werden – als Ausgangspunkt für die weitere Theoriebildung in der Gegenwart.

Ein Blick in die Theoriegeschichte der Sozialen Arbeit zeigt, dass „der Ruf nach Beteiligung von Sozialarbeitern und Sozialexperten an und die Berücksich-tigung von ‚sozialen Gesichtspunkten' bei der ‚physischen', d.h. räumlicharchitektonischen Gestaltung der Stadt (…) so alt wie die Profession Social Work“ selbst ist (Nimmermann 1973, S. 101). Zudem sind Stadtplanung und Sozialarbeit über ein gemeinsames Erbe der sozialreformerischen Bürgerschaftsaktivitäten des späten 19. Jahrhunderts als Reaktion auf die besorgniserregende Lage in den Grossstädten miteinander verbunden. Der Sozialen Arbeit ist es zwar gelungen, sich im Laufe der Geschichte immer wieder im Feld der Stadtentwicklung zu positionieren, stadtplanerische Fragen werden hingegen noch zu wenig systematisch thematisiert und bedürfen einer theoretischen Fundierung aus der eigenen Diszipin (siehe Tabelle 1 am Ende dieses Beitrags).

  • [1] An erster Stelle sind hier die Arbeitskontexte aus Gemeinwesenund Quartierarbeit, Quartierskoordination und -entwicklung, Politikund Projektberatung gemeint, aber auch in gruppenspezifischen Arbeitskontexten wie z.B. der (offenen) Kinderund Jugendarbeit, der Strassensozialarbeit und der Sozialen Arbeit mit älteren Menschen wird dieses Handlungsfeld immer wichtiger
  • [2] Denn die Erfahrungen und Modelle bestimmen nicht nur massgeblich mit, „wie wir die Welt interpretieren, sondern auch, wie wir handeln“ (Senge 1999, S. 214)
 
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