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1 Settlement-Work und Nachbarschaftsheime

Die ersten Anhaltspunkte, die auf die Entwicklung hinweisen, die Städte und Quartiere zu einem Handlungsfeld der Sozialen Arbeit zu machen, reichen zurück bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, die Entstehungszeit der professionellen Sozialen Arbeit. Damals entstanden in England und vor allem in den USA unter der Bezeichnung Community Work, Community Organization und Community Development konzeptionell-methodische Ansätze, die als eine methodische Reaktion Sozialer Arbeit auf die sozialen Probleme im Zuge der Industrialisierung in den Grossstädten bzw. die Bildung neuer (demokratischer) Gemeinschaften in frisch besiedelten Gebieten verstanden werden können (Vogel/Oel 1966). Ausschlaggebend waren die wachsende Armut und die schlechte Versorgungslage in bestimmten Quartieren sowie die Identifizierung der Notwendigkeit einer besseren Bildung der dort lebenden Menschen. Vor diesem Hintergrund entstanden in den Arbeiterund Armutsquartieren grösserer englischer, amerikanischer und deutscher Städte durch das Engagement gut situierter philanthropischer und an der Demokratisierung der Stadtgesellschaft interessierter Bürgerinnen und Bürger verschiedene Initiativen: Die „Settlers“, die Pioniere der stadtteilbezogenen Sozialarbeit, zogen „in die proletarischen Wohngebiete der grossen Städte, um dort durch soziale, erzieherische und volksbildnerische Tätigkeit die Lage der Bewohner zu verbessern und Selbsthilfeinitiativen zu unterstützen“ (Buck 1982, S. 116). Damit beabsichtigten sie sozialreformerisch – und nicht revolutionär oder repressiv – auf die Forderungen der politischen Arbeiterbewegungen nach einer Umwälzung der Gesellschaft zu antworten, andererseits aber auch die Kluft zwischen den sozialen Klassen zu überwinden. Zudem wollten sie ihr Bemühen um einen sozialreformerischen Ausbau der kommunalen Versorgung und der staatlichen Sozialgesetzgebung nicht nur abstrakt vermitteln, sondern auf den empirischen Boden einer genauen Kenntnis der (Lebens-)Bedingungen und des sozialen Elends stellen.

Jane Addams gründete 1889 in Chicago das bekannte Settlement Hull House, dessen Aktivitäten zur Entwicklung der Stadt beitrugen. Das vordringliche Ziel der Settler war es, die Menschen (insbesondere die einwandernden Bevölkerungsgruppen) in den Elendsquartieren zu unterstützen sowie die sozialen Missstände mithilfe von Sozialund Stadtforschung sichtbar und öffentlich zu machen, um sozialgesetzliche Reformen auf unterschiedlichen Ebenen zu erwirken. Die praktischen Tätigkeiten im Hull House umfassten ein äusserst breites Spektrum, das von Antworten auf existenzielle Überlebensbedürfnisse (Essensund Kleiderverteilung, Unterbringung von geflohenen Prostituierten, Hilfe bei Geburten) sowie Hilfen beim Bau öffentlicher Bäder und bei der Organisation der Müllabfuhr über Bildungsund Kulturveranstaltungen (Koch-, Näh-, Erziehungsund Einbürgerungskurse, Selbsthilfegruppen, Ausstellungen, Theater etc.), die Gründung von Genossenschaften und Gewerkschaften, verschiedene Beratungsund Treffpunktangebote sowie Universitätskurse bis hin zu verschiedenen sozialpolitischen Vorstössen und politischen Initiativen auf lokaler bis nationaler und internationaler Ebene reichte, all dies gestützt auch auf eigene Forschungstätigkeit (Buck 1982, S. 126 f.; Schüler 2004, S. 112 ff.; Staub-Bernasconi 2007, S. 63 ff.).

Verbindungen zur Stadtentwicklung lagen einerseits im Einsatz für die Verbesserung der Infrastruktur, wie z.B. Wasserleitungen oder die Müllabfuhr, andererseits lagen sie in der Nachbarschaftsforschung („friendly research“) und der damit verbundenen Problematisierung der die sichtbaren sozialen Probleme rahmenden gesellschaftlich-strukturellen Ursachen. Daher verschob sich der Fokus der Aufmerksamkeit im Laufe der Zeit von der Nachbarschaft und der praktischen Quartierentwicklung im engeren Sinne immer mehr hin zur Öffentlichkeitsarbeit und einer über das Quartier hinausgehenden Stadtund Sozialpolitik.

Zeitlich etwas verzögert wurde der Settlement-Gedanke auch im deutschsprachigen Raum aufgegriffen. Zu nennen sind etwa das 1901 vom evangelischen Theologen Walther Claussen und dem Senator und Industriellen Heinrich Traun gegründete „Hamburger Volksheim“ oder die 1911 vom evangelischen Pfarrer Friedrich Siegmund-Schulze in Berlin gegründete „Soziale Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost“ (SAG), in deren Zentrum neben der „Versöhnung“ der Klassen auch die tatsächliche Verbesserung der Lebensverhältnisse der Bevölkerung stand (Ross 2012, S. 402). An die Ideen der Settlements knüpfte auch Herta Kraus an (welche von 1919 bis 1920 in der SAG Berlin Ost mitgearbeitet hatte), die ab 1926 in Köln die Grundlagen zur Entstehung der „Riehler Heimstätten“ schaffte, ein Projekt, in dem Altenfürsorge und Nachbarschaftshilfe miteinander kombiniert wurden (Schirrmacher 2002, S. 105 ff.). Im Unterschied zu den eng- lischen und amerikanischen Settlements signalisierte die deutsche Nachbarschaftsheim-Bewegung jedoch deutlicher eine (partei-)politische Neutralität: Eine klare Parteinahme für die vom sich entfaltenden Kapitalismus gebeutelten Proletarier blieb aus und sie wirkte damit, geprägt durch ihre religiöspazifistische Grundhaltung, einer klassenbewussten Politisierung eher entgegen (Boulet/Krauss/Oelschlägel 1980, S. 36; Buck 1982, S. 157 f.). So blieb die Mehrzahl der Nachbarschaftsheime auch während der zunehmenden politischen, sozialen und kulturellen Polarisierung in der Weimarer Republik und nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 bei ihrer „typisch bürgerlich romantischen Ausrichtung (…), sie bildeten Inseln, oft religiös geprägt, wo man nach wie vor Kochkurse, Sprachkurse, Geselligkeit u.a.m. fand“ (Boulet/Krauss/ Oelschlägel 1980, S. 38).

 
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