Weiterentwicklungen von „Community Organizing“ in den USA

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Ein Blick auf die weitere Entwicklung der „Community Organization“ in den USA ist für den deutschsprachigen Fachdiskurs deshalb relevant, weil sich die Theorien und Methoden, die nach dem Zweiten Weltkrieg im Kontext von Wiederbzw. Neuaufbau und „Re-Education“ unter dem Begriff „Gemeinwesenarbeit“ rezipiert wurden, vorwiegend an den Theorieund Methodenentwicklungen der „Community Organization“ in den USA orientierten und kaum an die eigenen Vorkriegstradition anknüpften (vgl. Müller 1992, S. 23 ff.; Kunstreich 2001,S. 5 ff.).

In den 1920erund 1930er-Jahren wurde, angeregt von der Stadtund Gemeindesoziologie, in der amerikanischen Fachöffentlichkeit die Diskussion darüber angestossen, wie das Gemeindeleben in den Städten demokratisch(er) erneuert werden kann.

„Anstelle der Initiativen bürgerlicher Wohltäter und professioneller Sozialpraktiker, die immer nur von aussen in das Gemeindeleben eindringen würden, sollten besser lokale Führungspersönlichkeiten innerhalb der jeweiligen Nachbarschaft selbst rekrutiert und zum Aufbau lokaler Selbsthilfeorganisationen befähigt werden.“ (Buck 1982, S. 127).

Diese Fragestellungen forderten auch die Settlements dazu heraus, ihre theoretisch-methodischen Bezugspunkte weiterzuentwickeln. In den 1920erund 1930er-Jahren dominieren in der Folge z.B. Fragen, wie auf Nachbarschaftsund Gemeindeebene bewusst neue Zusammenschlüsse zur sozialen Integration aufgebaut werden können, „wie die demokratischen Einflussund Mitbestimmungsmöglichkeiten der Bürger bei gemeinsamen lokalen Angelegenheiten gegenüber der wachsenden Fremdbestimmung durch bürokratisierte und zentralisierte gesellschaftliche Institutionen (Staatsverwaltung, Grossunternehmen, soziale Versorgung etc.) gesichert werden könnten“ (Buck 1982, S. 47) und wie die Fähigkeiten der Gemeindebewohner, sich mit den Folgen des industrielltechnischen, wirtschaftlichen und sozialen Wandels auseinanderzusetzen, mittels Erwachsenenbildung gefördert werden können. In der nachfolgenden Periode, die etwa bis Mitte der 1960er-Jahre reicht, rücken wieder mehr die professionellen Community Organizers selbst in den Blick. Wie kann es ihnen gelingen, direkt auf die politisch-administrativen Entscheidungsinstanzen Einfluss zu nehmen, um die „Effektivität und Funktionsfähigkeit einer arbeitsteilig spezialisierten Sozialversorgung auf lokaler Ebene durch integrierte kommunalpolitische Planung“ (Buck 1982, S. 48) zu sichern? Im Mittelpunkt des Interesses stehen hier

„Probleme der Koordination von Raumplanung, Stadtplanung, Industrieansiedlungsplanung, Sozialplanung etc.; Möglichkeiten der Kooperation zwischen Bürgern, Planungsexperten und Planungsinstanzen; Strategien der Aktivierung von Betroffenen zur Planungsbeteiligung; Fragen der Konzeption und Anwendung alternativer Partizipationsverfahren“ (Buck 1982, S. 48).

In den 1950erund 1960er-Jahren kommt es im Rahmen von lokalen Stadtplanungsund Stadtsanierungsmassnahmen zur Förderung von Community Organization-Projekten durch die Bundesverwaltung und zu einer Debatte um Einsatzmöglichkeiten, Ziele und Methodenkonzepte der Community Organization (Buck 1982, S. 160).

Im Vergleich zur bisherigen Stadtsanierungspraxis, die besonders unter sozialen Gesichtspunkten weitgehend konzeptionslos war, stellten die durch die radikalen Basisbewegungen evozierten, staatlich unterstützten, stärker sozialpolitisch orientierten und durch basisdemokratische Elemente ergänzten Stadterneuerungspolitiken einen deutlichen Fortschritt dar. Durch sie wurden grössere Teilnahmechancen eröffnet, längerfristig orientierte Stadtentwicklungspläne aufgestellt, die fachliche Kooperation zwischen unterschiedlichen Verwaltungsinstanzen gefördert, die öffentliche Wohnbauförderung ausgeweitet und die Wohnungsmodernisierung verstärkt. Bei der betroffenen Bevölkerung führte dies zum Teil zu spürbaren Verbesserungen. Eine wichtige Aufgabe von Sozialarbeitern und Gemeinwesenarbeiterinnen innerhalb dieser Programme war, Selbsthilfeinitiativen durch nachbarschaftlich organisierte Aktionsgruppen anzuregen und zu begleiten. Doch blieb dabei die ernüchternde Erkenntnis nicht aus, „dass ökono- mische Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Rassendiskriminierung durch offiziell unterstützte Partizipationsprogramme und durch Selbsthilfeaktionen auf lokaler Ebene allein noch nicht aufhebbar sind“ – was sowohl bei den Betroffenen als auch bei den angestellten Sozialarbeitenden zunehmend zu einer politischen Radikalisierung führte (Buck 1982, S. 164). Daraufhin wechselten die GemeinwesenarbeiterInnen ihren Modus von der pädagogischen Arbeit mit Kleingruppen hin zum Organisieren von Massenprotesten („social actions“). Dies wiederum löste bei den Stadtverwaltungen und bei der bürgerlichen Presse harsche Reaktionen aus, was die realen Machtund Klassenverhältnisse, aber auch die politische Befriedungsfunktion der Demonstrativprogramme nur offensichtlicher zu Tage treten liess. In Politik, Regierung, Verwaltung und Teilen der Gewerkschaften wurde der Unmut gegenüber einer „widerspenstigen“ Klientel und einer politisierten Gemeinwesenarbeit[2] immer grösser, was zu einem Widerstand gegen die Programme führte.In der Folge kam es nicht nur zu einer drastischen Kürzung der Mittel, sondern auch zu einer fortlaufenden Einschränkung der legalen Partizipationsmöglichkeiten. Diese gingen so weit, bis strittige Planungsziele nicht mehr tangiert oder Partizipation auf die schlichte Information der Betroffenen heruntergefahren wurde (Buck 1982, S. 164).

Inspiriert durch Saul D. Alinsky wurde mit dem Ansatz der Community Organization als „radikaldemokratische“ Bewegung versucht, „die Armen durch effektive wirtschaftliche und soziale Selbsthilfe zu einem kommunalpolitischen Machtfaktor zu machen“ (Buck 1982, S. 166.). Alinsky distanzierte sich mit seinem Ansatz ganz bewusst von der wohlfahrtsstaatlichen Sozialarbeit und den staatlichen Förderprogrammen. Diesen warf er vor, die Menschen paternalistisch zu bevormunden und nur zu beruhigen, anstatt wirklich etwas gegen das Elend zu unternehmen. Seine „Anleitung zum Mächtigsein“ (Alinsky 1999) entwickelte er ab 1939 aus Praxiserfahrungen in der „Back of the Yards“Bewegung im Stadtteil Woodlawn/Chicago, wo er einer Reihe von Streiks und Boykotten anleitete, um die Lebensbedingungen in den Slums zu verbessern sowie „Machtlosigkeit“ und Apathie durch den Aufbau von Bürgerorganisation punktuell zu überwinden (Buck 1982, S. 166; Iben 1971, S. 117 ff.). Dabei bedeutete für ihn ein „Radikaler“[3] zu sein, „die Menschen wirklich zu mögen und daran zu glauben, dass alle Menschen den gleichen Wert sowie die Fähigkeit zur Selbstbestimmung besitzen“ (Mohrlock et. al. 1993, S. 37). Um benachteiligten Menschen das Recht auf Selbstbestimmung in der Gesellschaft zu ermöglichen, setzte er auf den Aufbau von Bürgerorganisationen, in denen Menschen zusammengebracht werden und sich organisieren. Dadurch erst können Menschen, über die in der Regel bestimmt wird, mächtig genug werden, um „ihre Interessen gegenüber anderen Akteuren in der Stadt (Verwaltung, Betriebe, Hausbesitzer usw.)“ (Ross 2012, S. 406) unüberhörbar zu vertreten und auch durchzusetzen.

Die Pointe dieses Ansatzes bestand vor allem darin, durch gezielte konfliktorientierte Taktiken und Aktionen zivilen Ungehorsams lokalen politischen Druck zu erzeugen, mit dem Ziel, konkrete einzelne soziale Verbesserungen zu erwirken. Gleichzeitig schärfte dieses Vorgehen bei den Betroffenen aber auch ein politisches Bewusstsein – was im Sinne einer politischen Bildung durchaus als eine Voraussetzung für eine längerfristige gesellschaftliche Veränderung gesehen werden kann. Andererseits waren diese Erfolge in ihrer Reichweite limitiert, da sie als lokale Initiativen in Bezug auf die zentralen massgebenden politischen, ökonomischen und staatlichen Verhältnisse zunächst nur eine sehr begrenzte Wirkung entfalten konnten (Buck 1982, S. 167 ff.).

Damit lassen sich rückblickend zwei hauptsächliche Entwicklungslinien von Community Organizing in den USA nachzeichnen, auf welche in der deutschsprachigen Fachliteratur der Sozialen Arbeit später unter dem Begriff Gemeinwesenarbeit (GWA) Bezug genommen wurde: zum einen die eher „integrativ-partizipativen“ Ansätze im Kontext von staatlichen Programmen und Sozialarbeit, zum anderen die mehr „konfliktorientierten“ Ansätze im Kontext sozialer Bewegungen und der Gewerkschaften.

  • [1] Vgl. dazu neben Buck (1982) auch Iben 1971, Mohrlock et al. 1993 und Vogel/Oel 1996
  • [2] Zum Widerspruch der GWA zwischen Institutionalisierung und Selbstorganisation sowie der „Widerspenstigkeit“ der Klientel vgl. Gerhardinger 1998 S. 151 ff
  • [3] Vgl. dazu auch Alinsky 1999, S. 27 ff
 
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