Die Rezeption der GWA als „dritte Methode“ Sozialer Arbeit

In die Fachöffentlichkeit eingeführt wurde „Community Organization“, soweit bekannt, von Herta Kraus (1951) unter der Bezeichnung „Gemeinschaftshilfe“ bzw. „Gemeinschaftsarbeit für das Gemeinwohl“. Der Begriff „Gemeinwesenarbeit“ (GWA) taucht erstmals bei Hermann Lattke (1962) auf; ein eigentlicher theoretischer Bezugspunkt für die GWA wird jedoch erst 1968 mit dem Erscheinen der deutschen Ausgabe des 1955 unter dem Titel „Community Organization“ veröffentlichten Lehrbuchs „Gemeinwesenarbeit“ von Murray G. Ross geschaffen.

Die frühe deutsche Rezeptionsgeschichte der Gemeinwesenarbeit wird oftmals als unvollständig bezeichnet, weil a) nur ein Strang der GWA vorgestellt wurde – nämlich der integrativ-partizipative Strang, der sich gut mit einer sozialstaatlichen Sozialarbeit verbinden liess, während der konfliktorientierte Strang von Alinsky zunächst vorenthalten wurde – und b) konzeptionell nicht an den eigenen historischen Vorläufern der Gemeinwesenarbeit,der „Nachbarschaftshausbewegung“, angeknüpft wurde. Die erste Methoden-Rezeption der GWA erfolgt weitgehend ohne ein „historisches Selbstbewusstsein“ der Beteiligten (Boer/Utermann 1970, S. 204 ff.; Buck 1982, S. 150 f.; Ross 2012, S. 407 f.)

Auf eine erste breite Resonanz stiess die GWA in Deutschland, als auf Initiative der Berliner Senatsverwaltung für Arbeit und Soziales von 1963 bis 1965 auf mehreren Tagungen englische und holländische GWA-Projekte ausgewertet und so Ansatzpunkte für eine deutsche GWA-Praxis ermittelt wurden. In dieser Zeit wuchs das Interesse an der Einführung von GWA als dritter Methode der Sozialarbeit auch in der Praxis der Sozialarbeit deutlich an. Die GWA erschien vor dem Hintergrund der weit geteilten Einschätzung, dass die Institutionen der Kommunalverwaltung zu bürgerfern geworden seien, wie eine Zauberformel für eine „grundlegende Reform des bürokratischen Systems der öffentlichen und freien Träger der Sozialarbeit“ (Buck 1982, S. 151). Mit GWA als „Demokratisierungsund Integrationsstrategie“, so die Hoffnung, könne nicht nur der brüchig gewordene Kontakte zwischen den Bürgern und den offiziellen Gremien erneuert und schlecht funktionierende Verwaltungen reformiert, sondern zudem auch bestehende gesellschaftliche Demokratiedefizite behoben werden. Die defizitären Lebensbedingungen von Bürgerinnen und Bürgern spielten bei dieser Reform-Diskussion allerdings eine eher untergeordnete Rolle. Weshalb die von Professionellen der Sozialen Arbeit geäusserte Kritik an der „bürgerfernen Formaldemokratie“ durchaus auch als eine Professionalisierungsstrategie der Sozialen Arbeit zum Zwecke der Etablierung der eigenen Profession gelesen werden kann. Die Soziale Arbeit positionierte sich nämlich jetzt neu als Integrationsund Vermittlungsexperte in einer hochkomplexen Welt und als „change agent“ für innovative und notwendige Anpassungen in zentralen gesellschaftlichen Institutionen. Damit steht die frühe deutsche GWA für eine Verbesserung der bestehenden demokratischen Ordnung – aber auch für ein professionalistisches, technokratisches und sozialkonservatives GWA-, Demokratieund Fortschrittsverständnis (Buck 1982, S. 152 f. und S. 216 f.).

Die folgenden frühen 1970er-Jahre werden oftmals als „Hochphase“ oder

„Blütezeit“ der Gemeinwesenarbeit in Deutschland bezeichnet. Niedergeschlagen hat sich dieser „Höhenflug“ jedoch vor allem in der steigenden Anzahl von Fachpublikationen zur Gemeinwesenarbeit. Zu nennen sind hier insbesondere folgende Sammelbände und Artikel, mit denen nun nicht nur erstmals auf die anfangs weitgehend ausgeklammerten aggressiv-konfliktorientierten Ansätze der Community Organization im Stile von Alinsky Bezug genommen wird, sondern auch wieder Stadtplanung und Stadtentwicklung als vorrangigeAufgaben der GWA begriffen werden: „Die Rolle der Sozialarbeit in Stadtplanung und Stadtentwicklung“ (Iben 1972), „Stadtplanung und Gemeinwesenarbeit“ (Müller/ Nimmermann 1973) „Konfliktorientierte Gemeinwesenarbeit“ (Bahr/Gronemeyer 1974), „Reader zur Theorie und Strategie von Gemeinwesenarbeit“ (Victor Gollancz-Stiftung 1974). Diese Wiederentdeckung der Stadt – und vor allem auch der in ihr lebenden Menschen! – als Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit durch die Exponenten der GWA nach dem zeitweiligen Abstecher auf die Reform der Sozialverwaltungen hängt zu einem grossen Teil mit der ersten grossen wirtschaftlichen Rezession nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Ende der 1960er-Jahre traten nicht nur die alten bekannten sozialen Probleme wie Obdachlosigkeit wieder stärker auf, sondern es kamen auch neue Schwierigkeiten, welche stark mit der veränderten Wohnstruktur zusammenhingen: „Altbausanierungen und Mietpreiserhöhungen, gepaart mit dem Entstehen von Trabantenstädten, hatten eine Konzentration der lohnabhängigen und sozial belasteten Bevölkerung in Stadtteilen am Rande der Städte zur Folge, die meist weder gewachsene nachbarschaftliche Strukturen noch ausreichende infrastrukturelle Ausstattung aufwiesen“ (Mohrlock et al. 1993, S. 40).

Der in den oben genannten Publikationen (in Abgrenzung zu den integrativkonservativen Konzepten von GWA) erhobene Anspruch an die GWA war nun radikaler. Gefordert wurde jetzt nicht mehr nur eine Verbesserung der Situation innerhalb der gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen, sondern die (verursachenden) Verhältnisse selbst zu verändern. Favorisiert wurde daher das sogenannte „aggressive Konzept von Gemeinwesenarbeit, das auf die Veränderung von Kräfte-Verhältnissen und Macht-Strukturen innerhalb eines Wohnquartiers durch solidarischen Zusammenschluss von Minderheiten abzielt, die unter bestimmten sozialen Bedingungen am fühlbarsten leiden und die deshalb am ehesten für deren Veränderung zu mobilisieren sind“ (Müller 1973, S. 232; Hervorhebung im Original). Diese „Randgruppenstrategie“ war allerdings teilweise hochproblematisch. So wurden zum Beispiel „Leidende“ oder "Betroffene" für „revolutionäre“ Zwecke und Projekte benutzt und eingespannt, auch wenn diese selber die damit verfolgten Ziele und Veränderungen gar nicht teilten und wollten. In diesem Fall wurde ihnen einfach ein „falsches Bewusstsein“ aufgrund ihres Seins unterstellt. Doch selbst wenn diese instumentalisierende Konstellation nicht gegeben war, entstanden aus der Orientierung an aggressiven Ansätzen und konfliktorientierten Strategien der GWA für die institutionalisierte Sozialarbeit/GWA immer noch die Schwierigkeit des „Loyalitätsdilemmas“, in das die Gemeinwesenarbeit geriet, wenn sie sich für die „Betroffenen“ oder die auftraggebende Trägerschaft entscheiden sollte. Rückblickend kann mit dem Hinweis auf eine 1975 von Mesle (1978) durchgeführte Untersuchung letztlich von einer erheblichen Diskrepanz zwischen (radikaler) Theorie und (pragmatischer) Praxis ausgegangen werden. In Wirklichkeit konnten die Vorstellungen einer aggressiven GWA nur selten in die Praxis umgesetzt werden, da sich die hochgesteckten gesellschaftsverändernden bis revolutionären Ziele als fehlleitend erwiesen. Oftmals ging es dabei weniger um die Menschen und ihre unmittelbaren Bedürfnisse im Stadtteil, als um abstrakte Zielsetzungen und Organisationsversuche, die nicht nur an den unmittelbaren Problemen der Betroffenen vorbeigingen, sondern diese auch überforderten. Sie waren nicht darin geübt, mit Verwaltung und politischen Instanzen in eine konfliktorientierte Auseinandersetzung zu gehen. Zudem standen für sie andere bzw. existenziellere Probleme wie ein Dach über dem Kopf oder genügend Einkommen im Vordergrund. Ein weiterer Grund für das Erliegen der aggressiven Ansätze war, dass es in der Theoriebildung versäumt wurde, „ein systematisches Set handlungsleitender Techniken und methodisch-praktikabler Interventionsformen für die Praxis zu entwickeln, das eine effektive Umsetzung der vielen Ideen ermöglicht hätte“ (Mohrlock et. al. 1993, S. 46). So folgte auf die Euphorie für die GWA die Enttäuschung über die GWA, und 1975 wurde sie schliesslich auf einer Tagung über konfliktorientierte GWA kurzzeitig für tot erklärt. Trotz diesem Rückschlag blieben in der Praxis eine Reihe von GWA-Projekten weiter bestehen, die auch vorher nicht dem konfliktorientierten Ansatz gefolgt waren (Mohrlock et. al. 1993, S. 47).

 
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