Von der aktivierend-katalytischen Gemeinwesenarbeit zur stadtteilbezogenen Sozialen Arbeit

Der sehr stark im Hinblick auf die Praktikerinnen und Praktiker der GWA und deren praktisches Handeln formulierte Ansatz der „katalytisch-aktivierenden Gemeinwesenarbeit“ stellt konzeptionell die Aktivierung von Betroffenen sowie deren Partizipation an der Gestaltung und Verbesserung ihres Lebensumfelds ins Zentrum – verbunden mit der langfristigen Vision einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Der wesentliche Kurswechsel gegenüber den in den späten 1960erund frühen 1970er-Jahren formulierten konfliktorientierten und aggressiven Ansätzen besteht darin, dass es in der GWA jetzt darum geht, „innerhalb bestehender gesellschaftlicher Strukturen Veränderungen voranzutreiben“ (Karas/Hinte 1978, S. 47, Hervorhebung P.O./M.D.). Die Perspektive einer Sozialarbeit/GWA, welche – mit einem explizit politischen Selbstverständnis – auf eine Veränderung der die sozialen Probleme verursachenden gesellschaftlichen Strukturen hinarbeitet, rückte mit dieser ausschliesslich am augenblicklich Machbaren orientierten Konzeption in den Hintergrund. Der Fokus liegt auf kleinen, konkreten Verbesserungen im Alltag der Menschen.

Karas und Hinte (1978) entwickelten ihr Konzept von Gemeinwesenarbeit in Anlehnung an die von Hauser & Hauser in „Die kommende Gesellschaft“ (1971) formulierten Prinzipien katalytischer Sozialarbeit. Katalyse meint in der Chemie(!) einen „Fremdkörper“, der „als Katalysator in eine chemische Substanz gebracht, Veränderungen und beschleunigte Reaktionen bewirkt, ohne sich selbst zu verändern“ (Hinte/Karas 1989, S. 23). Analog zu diesem chemischen Prozess sehen sie die Aufgabe der Gemeinwesenarbeit darin, bei den Stadtbewohnern Prozesse anzuregen, „in deren Verlauf sie sich ihrer Situation bewusst werden und ihre Bedingungen entsprechend ihren Interessen ändern sollten. Der Professionelle sollte dabei lediglich anregen und bei Bedarf Unterstützung leisten.“ (Hinte/Karas 1989, S. 23). Dementsprechend wird GWA als eine Methode definiert (Karas/Hinte 1978, S. 30 f.; Hinte/Karas 1989, S. 23 f.).

Die leitenden Ideale hinter dem Konzept der aktivierend-katalytischen GWA sind die Gruppenselbsthilfe und die Bildung neuer Basisstrukturen durch Selbsthilfegruppen – der freiwillige Zusammenschluss von Menschen mit ähnlichen Problemen zur gegenseitigen Unterstützung und gemeinsamen Arbeit an den Ursachen ihrer Schwierigkeiten. Weiter setzt sich dieser „antipaternalistische Ansatz“ auch für eine stärkere politische Partizipation der Stadtteilbewohner innerhalb der gegebenen Strukturen ein. Dazu werden in Stadtteilen Anlaufstellen (Bürgerläden etc.) eingerichtet, an welche sich die Menschen aus dem Stadtteil wenden können (Karas/Hinte 1978, S. 49 ff. und Hinte/Karas 1989, S. 24 f.).

Aktivierende GWA beginnt Partizipation in kleinen, wenig risikoreichen Bereichen, um positive Lernerfahrungen mit Selbstbestimmung zu ermöglichen und so die Bereitschaft zur Selbstund Mitbestimmung langsam zu stärken.

„Neben der subjektiven Bereitschaft des einzelnen zur Selbstund Mitbestimmung bedarf es aber auch rechtlich verbriefter Möglichkeiten zur Partizipation bei politischen Prozessen. Gemeinwesenarbeit wird hier verstanden als ein Instrument zur Schaffung dieser Möglichkeiten wie auch als Lernfeld für selbstbestimmtes Handeln. Strategisch plädiert aktivierende Gemeinwesenarbeit für‚Koalitionen auf Zeit' auf der Grundlage kleinster gemeinsamer Nenner“ (Hinte/Karas 1989, S. 25). Um den graswurzeldemokratischen Anspruch auch angesichts bestehender Machtverhältnisse verwirklichen zu können, setzt aktivierende GWA zugleich bei den Individuen und den Verhältnissen an. Eine Umverteilung von Macht soll jedoch nur erfolgen, wenn diese von den Betroffenen auch selbst erkämpft wurde. Der Ansatz setzt konsequent bei den Betroffenen an. Die müssen selber darüber bestimmen, welche Aktionen und Projekte Vorrang haben. Weiter sollen Konflikte nur dann riskiert werden, wenn sie in der Sache angebracht und die Menschen dazu bereit sind, sie durchzustehen. Auch soll vermieden werden, Politiker, Verwaltungsbeamte und Funktionäre vorschnell in Feindrollen hineinzumanövrieren. In Abgrenzung zu einem „radikalen“ und aggressiven GWA-Ansatz, könnte dieser Ansatz als „gemässigt konfliktorientiert“ bezeichnet werden (Karas/Hinte 1978, S. 66 f.; Hinte/Karas 1989, S. 26 f.). Wie in die „katalytisch-aktivierende GWA“ fliessen ebenso in die nachfolgende „stadtteilbezogene Soziale Arbeit“ mehrere Diskussionslinien und Erkenntnisse aus der Gemeinwesenarbeit ein und werden im Rahmen der Ausformulierung dieses Konzepts präzisiert, ergänzt und erweitert. Die eigentliche Neuerung der Stadtteilbezogenen Sozialen Arbeit gegenüber der „katalytischaktivierenden GWA“ besteht, ausser in der Abwendung vom Begriff GWA, darin, dass das gemeinwesenorientierte Handeln jetzt explizit bzw. „gleichzeitig in den Bezugsrahmen institutioneller (Regel-)Arbeit“ (Hinte/Karas 1989, S. 33) gestellt wird. Herkömmliche Formen (kommunaler) Sozialer Arbeit sollen durch die „stadtteilbezogene Soziale Arbeit sinnvoll ergänzt, unterstützt und effektiver werden“ (ebd.).

Mit der stadtteilbezogenen Sozialarbeit kommt es zu einer Akzentuierung der Kooperation mit und zwischen sozialen Einrichtungen und Diensten auf der Stadtteilebene. Ämter der Verwaltung und andere Akteure sollen für eine Kooperation gewonnen werden. Deshalb vertritt die stadtteilbezogene Sozialarbeit gegenüber den Ämtern eine Strategie des Einbezugs und nicht der Abgrenzung.

Von der Kooperation sollen letztlich alle Beteiligten profitieren, vor allem aber die Bewohner des Stadtteils (Mohrlock et al. 1993, S. 56 f.).

Zudem formuliert die stadtteilbezogene Sozialarbeit den Anspruch, einen ergänzenden handlungsleitenden Beitrag für die Professionellen und ihren Umgang mit den BürgerInnen zu leisten, der in dem Begriff der „reflektierten Parteilichkeit“ seinen Ausdruck findet. Das professionelle Handeln unterliegt nicht (mehr) primär einer pädagogisch-methodischen Intention, sondern dient dazu, eine nichtrepressive Kontaktaufnahme und -gestaltung zwischen Professionellen und Stadtteilbewohnerinnen zu ermöglichen (Hinte 1985, S. 28). Dieses Konzept beinhaltet eine Kritik an einer Sozialen Arbeit/GWA, die methodisch-pädagogisch vorgeht und damit systematisch, teilweise manipulativ, versucht, das Denken und Handeln der Menschen in eine bestimmte Richtung zu verändern, die von Professionellen vordefiniert wird. Dagegen setzt das Konzept der stadtteilbezogenen Sozialarbeit, orientiert an der Antipädagogik bzw. der nondirektiven Pädagogik, „auf einen authentischen Kontakt des/der Professionellen mit den BürgerInnen“ (Mohrlock et al. 1993, S. 57). Die Haltung der Professionellen im Kontakt mit den Bürgern wird damit zu einem zentralen Abgrenzungsmerkmal der stadtteilbezogenen Sozialen Arbeit zu anderen GWA-Konzepten. Die stadtteilbezogene Soziale Arbeit will

„soziale Räume verändern und nicht psychische Strukturen von Menschen. Wir akzeptieren, dass es unendlich viele Lebensstile gibt, mit denen Menschen zufrieden sein können. Der soziale Raum ist unser Adressat, nicht die Menschen. Menschen sind Akteure in ihrer Lebenswelt, und die ist eben für viele Menschen ihr Stadtteil.“ (Hinte 2001, S. 77, Hervorhebung P.O./M.D.).

 
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