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6 Quartiersaufbau

Das von Konrad Maier und Peter Sommerfeld 2005 vorgelegte Konzept „Quartiersaufbau“ mit dem Fokus auf die „Inszenierung des Sozialen im Wohnquartier“ versteht sich als eine professionelle soziale Begleitung zum Aufbau einer tragfähigen sozialen Alltagskultur (vgl. Maier/Sommerfeld 2005, S. 327 ff.). Mit dem Ansatz „Quartiersaufbau als professionelles Verfahren“ verfolgen sie den Anspruch,

„ein [begleitendes] professionelles Verfahren zu entwickeln, mit dem Soziale Arbeit dazu beitragen kann, dass sich bereits in der Aufbauphase ein intaktes städtisches Quartier entwickelt, in dem sich Kommunikation und wechselseitige Hilfe im Alltag vollzieht, welches in der Stadt Heimat und Nachbarschaft bietet, in dem auch sozial Schwächere bzw. Menschen in schwierigen Lebenslagen mitgetragen werden und in dem die Bewohner die Gestaltung des sozialen und kulturellen Lebens weithin selbst in die Hand nehmen.“ (Maier/Sommerfeld 2005, S. 327)

Von herausragender Bedeutung beim Aufbau einer tragfähigen Alltagskultur ist für Professionelle aus der Sozialen Arbeit dabei die Methode „Inszenierung des Sozialen“, die in einem deutlichen „Gegensatz zu einem Grundaxiom der Gemeinwesenarbeit, nämlich der Orientierung an den Bedürfnissen und Themen der Menschen'“ (Maier/Sommerfeld 2005, S. 58) steht. Ein Grund dafür ist, dass der Bedürfnisbegriff oftmals „sehr unreflektiert“ benutzt wird. Z.B. werden Bedürfnisse mit Wünschen gleichgesetzt, oder es herrscht die Meinung, dass Bedürfnisse über einfache Befragungen abrufbar seien (ebd., S. 58). Hierfür bietet das Verfahren der Inszenierung insofern einen Ausweg, als es nicht nur begrifflich zwischen Wunsch und Bedürfnissen differenziert, sondern in der Konsequenz auch methodisch zwischen „professioneller Inszenierung und korrespondierender Reaktion der Bewohner“ (Maier/Sommerfeld 2005, S. 59) Prozesse anregt, mit denen „Bedürfnisse“ zirkulär vermittelt bzw. diskursiv im Austausch zwischen Experten und Betroffenen zu erkennen und formulieren versucht werden.

Maier/Sommerfeld empfehlen, dass die Aufgaben der „‚Inszenierung des Sozialen' sinnvollerweise von einer intermediären Instanz, die im Auftrag der Stadt und von ihr finanziert arbeitet, jedoch innerhalb der Aufgabenstellung eigenständig tätig und an Weisungen nicht gebunden ist“ (Maier/Sommerfeld 2005, S. 60; Hervorhebung im Original) umgesetzt werden. Eine „relative Unabhängigkeit und professionelle Autonomie“ sind in der Praxis eine grundlegende Voraussetzung für die Anerkennung und Glaubwürdigkeit der Professionellen bei den Bewohnern als „Partner“ sowie in ihrer Rolle als Mediatoren (Maier/ Sommerfeld 2005, S. 60). Deshalb schlagen die Autoren einen bewussten Verzicht auf eine „Solidarisierung“ mit den Bewohnern vor. So wird zu erkennen gegeben, dass die professionelle Quartiersarbeit zwar Anstösse und Unterstützung bietet sowie „Anwaltschaft für den Stadtteil übernimmt, aber nicht als dauerhaftes Infrastrukturangebot im Sinne einer konsumierbaren sozialen Ressource einfach zur Verfügung steht“. Die Soziale Arbeit soll auch in diesem Punkt „eine eigene, eben professionelle Position“ haben und diese auch mitteilen. Denn erst von dieser aus kann sie ihre eigenen Entscheidungen fällen und Kooperationen eingehen (Maier/Sommerfeld 2005, S. 60).

Somit knüpfen auch Maier/Sommerfeld bei ihrer Konzeption am Begriff der

„intermediären Instanz“ an, entwickeln und präzisieren diesen jedoch als „Intermediarität der Sozialarbeit“ im Hinblick auf eine feldbezogene Soziale Arbeit weiter, indem sie aus „einer rückblickenden Reflexion (…) die verschiedenen Aktivitäten je unterschiedlichen Funktionen“ zuordnen (Maier/Sommer- feld 2005, S. 331). Diese drei idealtypischen Funktionen/Rolle[1] stellen als „professionelle Paradoxie“ quasi eine Art Schlüsselkategorie professioneller (feldbezogener) Sozialer Arbeit im Konzept Quartiersaufbau dar.

Ausgehend von einem solchen Verständnis Sozialer Arbeit und dem darauf beruhenden dreidimensionalen Arbeitsansatz des Quartiersaufbaus eröffnet sich, so Maier, für die Soziale Arbeit ein weites Arbeitsfeld in verschiedenen Bereichen der Stadtentwicklung, zumal „die Bedeutung einer sozialen Begleitung in Neubauoder Sanierungsmaßnahmen“ zunehmend auch von Akteuren ausserhalb der Sozialen Arbeit (wie z.B. Stadtplanung, Bauwirtschaft) erkannt wird (Maier 2001, o.S.).

  • [1] Diese von Maier/Sommerfeld (2005, S. 331 f.) herausgearbeiteten Aufgaben/Funktionen/Rollen beschreiben sie als „anwaltschaftliche Funktion“, „Dienstleistungsfunktion“ und „Funktion eines professionellen Empowerments“
 
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