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7 Das (Fach-)Konzept Sozialraumorientierung

In das Fachkonzept „Sozialraumorientierung“, wie es massgeblich von Wolfgang Hinte geprägt wurde, flossen ebenfalls viele Theoriebestände und Erfahrungen aus der GWA mit ein. Formuliert wurde diese jedoch jetzt mit Blick auf die Erfordernisse im Kontext institutioneller sozialer Arbeit allgemein und für den Bereich der Kinderund Jugendhilfe im Besonderen (vgl. Hinte/Tress 2007).

Mit dieser (neuen) Bestimmung von sozialräumlichem Arbeiten bzw. Sozialraumorientierung als ein Fachkonzept zur Reorganisation Sozialer Arbeit kam es gleichsam zu einer Verdrängung des ursprünglich emanzipatorisch-utopischen Gehalts von Sozialraumorientierung (vgl. Drilling/Oehler/Schnur 2015). Trotzdem wird im Kern mit dem Fachkonzept Sozialraumorientierung – das von der Intention her ganz verschiedenen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit als fachliche Grundlage dienen kann – im Vergleich zur stadtteilbezogenen Sozialen Arbeit (SSA) von den Grundgedanken her kaum Neues gesagt (deshalb, und auch weil dieses Konzept von „Sozialraumorientierung“ für den Bereich Stadtentwicklung von eher geringerer Bedeutung ist, wird auf diesen Ansatz hier nicht weiter eingegangen).

8 Das (Forschungs-)Programm Sozialraumarbeit: sozialraumsensible bzw. reflexive räumliche Haltung

Christian Reutlinger und Annegret Wigger (2010 S. 13 ff.) identifizieren im Rahmen eines Forschungsprojekts zum Thema Sozialraumorientierung drei Ty-pen oder Hauptlinien der Sozialraumorientierung: „Gestaltung von Orten“, „Gestaltung struktureller Steuerungsprozesse“ und „Arbeit mit Personen (Einzelnen/Gruppen) an konkreten Orten“, die ungeachtet dieser Ausprägungen auch über gewisse Gemeinsamkeiten verfügen. Mit dem Label „Sozialraumorientierung“ werden ein gewisser „Gestaltungsoptimismus“ und „erweiterte Möglichkeiten des professionellen Handelns“ (ebd., S. 22) verbunden. Gleichzeitig stellen die Autoren aber auch fest, dass unter dem Paradigma der Sozialraumorientierung oftmals zu wenig ausgelotet wird, „ob mit dem jeweiligen Zugang die anstehenden Entwicklungsthemen oder Problemstellungen tatsächlich bearbeitet werden können“ (ebd. S. 48) und ob „die Einflussnahme über die drei identifizierten Zugänge das komplexe Zusammenspiel innerhalb eines jeweiligen Sozialraumes bisher zu wenig berücksichtigt“ (ebd. S 49). Um jedoch die geeigneten „Ansatzpunkte für die Gestaltung der jeweiligen Themen identifizieren und die entsprechenden Interventionsarten und nötigen Mittel definieren“ (S. 50) zu können, braucht es eine (vorgängige) Analyse, welche die sozialräumlichen Gestaltungsverhältnisse aufzeigt „und die dahinter liegenden Interessen, Absichten oder auch Nichtabsichten“ (S. 49) benennt bzw. entsprechende „Machtund Abhängigkeitsverhältnisse“ (S. 50) sichtbar macht.

„Erst, wenn ein solch reflexiver Prozess eingeleitet wird, die Ziele unter Einbezug realer Machtverhältnisse transparent und die Fragen des Zugangs geklärt sind, kann unseres Erachtens von Sozialraumarbeit im eigentlichen Sinn gesprochen werden“ (ebd., S. 50, Hervorhebung P.O./M.D.).

Das bedeutet, dass der Begriff „Sozialraumarbeit“ zugleich eine theoretischkonzeptionelle Entwicklungsperspektive und „Denkfigur“ sozialräumlichen oder raumbezogenen Arbeitens markiert, zusätzlich aber auch eine Differenz zur „Sozialraumorientierung“.

Die geforderte „Sozialraumsensibilität“ mündet in das Konzept der Sozialraumarbeit. Dieser Begriff soll, in Abgrenzung zum Begriff Sozialraumorientierung, verdeutlichen, dass eine so verstandene raumbezogene Soziale Arbeit sich eben

„nicht nur als stadtteiloder quartiersbezogene, sondern immer als (sozial)politische Aktivität versteht. Sozialraumarbeit begreift den Bezug auf soziale Räume insofern immer im Bourdieu'schen Sinne als Bezug auf die eingeschriebenen Machtund Herrschaftsverhältnisse, in die sie eingewoben ist und die sie damit unweigerlich mit formt.“ (Kessl/Reutlinger 2010, S. 126).

Daraus ergibt sich auf Seiten der Fachkräfte die Aufgabe der „Ausbildung einer reflexiven räumlichen Haltung als Realisierung einer reflexiven Professionalität im Fall raumbezogener Vorgehensweisen“ (ebd.). Im Kern geht es bei der Sozialraumarbeit, als handlungsleitende Perspektive, um eine gesellschaftskritische, mit raum-, macht-, diskurs-, hegemonieund re-artikulationstheoretischen Beiträgen angereicherte Bestimmung sozialräumlicher Sozialer Arbeit als sich fachlich ausdifferenzierende und positionierende „Grenzgängerin“ (Kessl/ Maurer 2005). Einem selbstreflexiven Anspruch folgend, ist aber auch diese (trans)disziplinäre Zugangsweise der Sozialraumarbeit nicht davon entlastet, den eigenen normativen Rahmen und die eigenen Setzungen immer wieder einer Reflexion zu unterziehen; gerade weil damit an bestehenden Machtund Herrschaftsverhältnissen gearbeitet wird und dies einer Legitimation bedarf (Reutlinger/Wigger 2010, S. 51; vgl. dazu auch Fritsche/Wigger in diesem Band).

 
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