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Soziale Arbeit und Stadtentwicklung aus einer intermediären Perspektive

Oliver Fehren

1 Einleitung

Diese Ausführungen zu intermediären Ansätzen der Gemeinwesenarbeit (GWA) erfolgen vornehmlich auf Basis meiner Tätigkeit als intermediärer Akteur der GWA im Quartiermanagement in Essen-Katernberg von 2004 bis 2011. Katernberg ist ein typischer benachteiligter ehemaliger Arbeiterstadtteil des Ruhrgebiets, einer von Bergbau und Stahlindustrie und auch vom Niedergang dieser Industriezweige geprägten Metropolregion mit 4,5 Millionen Einwohnern. Den Hintergrund für meine Reflexionen bilden somit Stadtteilentwicklungsprozesse unter den Bedingungen schrumpfender Ressourcen und einer schrumpfenden Bevölkerung. Der Rückgang politischer und finanzieller Handlungsspielräume der Kommunen und die daraus resultierende Finanzund Steuerungskrise macht hier in besonderer Weise kommunales Top-down-„Durchregieren“ zunehmend unwahrscheinlich und bewegt die kommunale Politik und Verwaltung tendenziell zu vermehrter Kooperation mit Bürger/innen und institutionellen lokalen Akteur/innen. Unter diesen Schrumpfungs-Bedingungen kann auch die Stadtplanung in den seltensten Fällen aktiv planen. In aller Regel sind die Haushalte der kommunalen Gebietskörperschaften so prekär, dass nahezu ausschließlich dort entwickelt werden kann, wo private Investoren auftreten, insbesondere bei Leuchtturmprojekten. Und das Interesse dieser privaten Investoren dominiert dann ganz wesentlich das Ergebnis. Stadtplanung und Soziale Arbeit sind daher beide Professionen, die eher reaktiv nachgeordnet als initiativ in der Stadtteilentwicklung agieren. Dieser Umstand mag das überwiegend vertrauensvolle Verhältnis zwischen der GWA und der kommunalen Stadtentwick- lungspolitik und -verwaltung erklären.

2 Essener Modell Quartiermanagement

Eingebettet in den oben skizzierten Kontext wurden in Essen Lernerfahrungen gemacht, die im Ergebnis zur Entwicklung einer sogenannten intermediären

Funktionsebene in das Quartiermanagement geführt haben. Ausgangspunkt dafür war die Überzeugung, dass die Aktivierung von Ressourcen wesentlich ist für die Stadtteilentwicklung: Situationsverbesserungen bzw. -stabilisierungen von Stadtteilen erfordern Ressourcen! Zwei wesentliche Erfahrungen waren von Bedeutung:

1. Nicht nur die Bürger/innen, sondern auch die institutionellen Akteure des Stadtteils halten wichtige Ressourcenpotenziale für das lokale Gemeinwesen bereit. Die GWA muss deshalb die Wechselwirkungen zwischen der „Welt der Institutionen“ und den „Lebenswelten der Bürger“ bearbeiten. Gerade wenn die These der zunehmenden Enträumlichung der Menschen (Ahrens 2001) zutrifft, bilden Institutionen stabilisierende Konstanten in den Stadtteilen. Die in der Sozialen Arbeit in Gestalt der Gemeinwesenarbeit und in jüngster Zeit auch in der den Fall im Feld kontextualisierenden Sozialraumorientierung (Hinte/Treeß 2011) zunehmende Orientierung am lokalen Nahraum wäre „auf einem Auge blind“, wenn sie sich ausschließlich den Lebenswelten der Bürger widmen und die Welt der die Stadtteile prägenden Institutionen unberücksichtigt lassen würde.

2. Ressourcen für die Stadtteilentwicklung können und müssen auch außerhalb des lokalen Gemeinwesens für dieses aktiviert werden. Das lokale Gemeinwesen, seine Bewohner/innen und Institutionen sind immer Teil eines größeren Gemeinwesens. Die gesamtstädtische Administration hat einen nicht unbedeutenden Einfluss auf die Lebensbedingungen im Stadtteil. Die GWA muss daher auch die gesamtstädtische Ebene erreichen und darf mit ihren Handlungsstrategien nicht im Lokalen stehen bleiben.

Basierend auf diesen Erfahrungen wurde neben der klassischen Funktionsebene der Gemeinwesenarbeit auf der Quartiersebene (im Stadtteil Bürger aktivieren, ermutigen, organisieren) und der ämterübergreifenden Vernetzung und Steuerung auf Verwaltungsebene eine weitere dritte Funktionsebene des Quartiersmanagements ausdifferenziert. Das Aufgabenprofil dieser dritten Funktion lässt sich mit dem Begriff „institutionelle Netzwerktechniker“ grob umschreiben. Die professionelle Funktion auf der intermediären Ebene wird in Essen als Stadtteilmoderation bezeichnet, man könnte sie aber auch „GWA II“ nennen, da die Fachkräfte auf der intermediären Ebene berufsbiographisch zumeist der GWA auf Stadtteilebene entstammen.

Abbidung 1: Quartiermanagement. Aufgabenbereiche und Organisation

Manifestiert hat sich die Unterscheidung von drei Funktionsebenen in der Entwicklung eines Organisationsund Steuerungsmodells für Quartiermanagement – dem „Essener Modell Quartiermanagement“ – durch die gemeinsamen Arbei-ten des Instituts für Stadtteilentwicklung, Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung (ISSAB) und des Deutschen Instituts für Urbanistik (DifU) (Franke/Grimm 2002; Grimm et. al. 2004).

Die GWA ist auf der Quartierebene stark der Rationalität der Bewohner/innen verpflichtet, die Funktion des Gebietsbeauftragten (als Vernetzung auf der Ebene der kommunalen Ämter) ist wesentlich der Verwaltungsperspektive verhaftet. Im Vergleich dazu sind die Intermediären „amphibische Wesen“, die sowohl in der Sphäre der Lebenswelten im Stadtteil wie auch in der Sphäre institutionell geprägter Welten (im System) lebensund kommunikationsfähig sind.

Die Funktionsebene der Gemeinwesenarbeit ist als Bestandteil integrierter Stadtteilentwicklungsstrategien so bedeutsam, weil gerade diese als antizyklische Korrekturbewegung dafür sorgt, dass nicht allein ein für das Quartier erlassener Top-down-Programmkatalog bestimmt, was vor Ort diskutiert werden kann und was nicht thematisiert wird. Der spezifische Wert der GWA auf Stadtteilebene liegt darin, dass sie gegenüber kommunaler Politik und Verwaltung auch eine der Administration fremde Logik repräsentiert. Mithilfe von Bewohnerversammlungen, Hinterhofgesprächen, Hausbesuchen, aktivierenden Befragungen, InfoStänden, Arbeitsgruppen, Wochenmarktaktionen, Treppenhausmeetings, Stadtteilfesten usw. kann die GWA die Diskussion für unerwartete und nicht allein am aktuellen Leitbild der Stadtteilentwicklung orientierte Forderungen der Menschen im Stadtteil offenhalten: In wessen Interesse und für welche Bevölkerungsfraktionen soll Stadtteilentwicklung betrieben werden – und für wen nicht? Wer hat die Definitionsmacht, im Stadtteil ein Problem zu benennen? Hat die Verkehrsanbindung Priorität, wie die Einzelhändler oft meinen? Oder wäre eine Verkehrsberuhigung eher sinnvoll, wie die Vertreter/innen der alten Menschen oder der Eltern mit kleinen Kindern meinen? Soll Entwicklung stattfinden für die Menschen, die jetzt hier wohnen? Oder für die, die man in Zukunft gerne hätte (vgl. Preis 2009)?

Die über die klassische GWA hinausreichende Funktion intermediärer Instanzen besteht nun in der Organisation und Verbesserung des Aufeinandertreffens der informell oder weniger formell gebildeten Meinungen im Stadtteil (diese Meinungsbildung erfolgt z.B. beim Seniorenfrühstück im Bürgerladen, auf dem Stadtteilfest oder auf der Bürgervereinssitzung) mit den stark institutionalisierten kommunalen Entscheidungsprozessen in Politik, Verwaltung und Wirtschaft (vgl. Fehren 2006). Gleichzeitig tragen intermediäre Instanzen dazu bei, die mit Stadtteilentwicklungsprozessen verbundenen Planungen und Ressourcen möglichst „passgenau“ im Stadtteil zu implementieren. Während die Funktionen von Gebietsbeauftragten auf Verwaltungsebene und der Gemeinwesenarbeit auf Stadtteilebene eher in horizontalen Vernetzungsleistungen liegen, stehen die Intermediären vornehmlich für die vertikale Vernetzung zwischen Stadtteil und Gesamtstadt. Durch vielfältige Rückkopplungsschleifen zwischen Top-downund Bottom-up-Prozessen wird so der Ansatz der integrierten Stadtentwicklung weg von einer expertendominierten richtigen Lösung hin zum lernenden System gestützt (Franke/Strauss 2010).

 
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