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5 Resonanzverstärkung für Bürgeraktivitäten

Die intermediäre Erweiterung der GWA bedeutet keineswegs, die Unterstützung von Bürger/innen bei der Organisation ihrer Interessen aufzugeben. Mit der GWA als intermediärer Instanz wird diese traditionelle Aufgabe der GWA ergänzt um die Bemühung, für Aktivitäten der Wohnbevölkerung in der städtischen Politik und Verwaltung Resonanz herzustellen. Denn ohne eine Erhöhung der Sensitivität des institutionellen Umfelds laufen Bürgerorganisationen Gefahr, für die Stadtteilentwicklung zwar als interessant, aber unerheblich wahrgenommen zu werden: Für eine nachhaltige Wirkung lokaler Öffentlichkeiten ist es daher unerlässlich, dass „Bedürfnisse, Wünsche und Visionen folgenreich – nämlich im Sinne einer Kopplung an Entscheidungsverfahren – entwickelt und ausgetauscht werden können“ (Walther/Güntner 2007: 357).

In Anlehnung an Preis lässt sich die intermediäre Funktion der GWA begreifen als die notwendige Zusammenführung der professionellen, konfliktorientierten Unterstützung benachteiligter Bevölkerungsgruppen in ihrem Klassenkampf mit Realpolitik:

„Voneinander isoliert werden Armenaufstände zu herrschaftstechnisch problemund folgenlos niederzumachenden Hungerrevolten. Deswegen braucht es gleichzeitig Realpolitiker, die das in der Offensive gewonnene Terrain absichern, Brückenköpfe halten, (...) den Gegner diplomatisch isolieren und ein Rollback verhindern. (...) Ohne lebensweltlich inspirierte Impulse mit einer Tendenz zur Regelverletzung würden die realpolitischen Intermediären wiederum zum Lakaien des Status Quo und seiner Modernisierung.“ (Preis 2006: 1).

Daher schließen die Handlungsansätze „GWA als parteiliche Unterstützung von Bürgerinteressen“ und „GWA als intermediäre Instanz“ einander nicht aus, sondern bezeichnen zwei aufeinander verweisende Funktionsbereiche der GWA.

6 Doppelte Aktivierungsrichtung: Bürger und Institutionen

Die Aktivierung engagementbereiter Bürger/innen für die Gestaltung der Stadt kann vor allem dann nachhaltige Effekte erzielen, wenn damit eine Aktivierung der Institutionen verknüpft wird. Bei der euphorischen Beschwörung des engagierten, aktiven Bürgers sollte nicht übersehen werden, dass den lokalen Institutionen eine mindestens ebenso große Bedeutung für die Stabilisierung von Quartieren zukommt. Die lokalen Schulen und Kindertageseinrichtungen, Kirchengemeinden und Moscheevereine, die örtliche Polizei und die Stadtteilbibliothek, Einzelhändler/innen und Wohnungsbaugesellschaften, die gewählten politischen Repräsentant/innen und der Bereich der öffentlichen Verwaltung können erheblich zur Stadtteilentwicklung beitragen und dürfen daher bei der Aktivierung zur Gestaltung des lokalen Gemeinwesens nicht ausgeklammert werden.

Mit der intermediären Ergänzung in der Gemeinwesenarbeit wird die Aktivierungsrichtung verdoppelt. Die Bürgeraktivierung wird ergänzt um die Bemühung, das institutionelle Umfeld für die zivilgesellschaftliche Teilhabe der Stadtteilbewohner/innen zu öffnen. Es wird nicht mehr allein auf die Lebenswelt, die Ebene der Bürger, gesetzt, sondern ebenso mit Systemakteuren gearbeitet: Nicht gegen und ohne die Regelinstitutionen des Quartiers und der Gesamtstadt, sondern diese immer wieder in die Pflicht nehmend. GWA als intermediäre Instanz steht für eine doppelte Aktivierungsrichtung:

1. Bürgeraktivierung: In der Stadtteilentwicklung darf es nicht allein um die Konservierung und Stabilisierung des Stadtteils gehen. Im Vordergrund muss auch die Entwicklung des Menschen zum Bürger / zur Bürgerin stehen. Damit verbunden ist die Befähigung – gerade auch von benachteiligten Bevölkerungsgruppen –, gemeinsam als zivilgesellschaftliche Akteure zu handeln. Daraus folgt eine zivilgesellschaftliche Stabilisierung der Situation in den Stadtteilen durch die Verbesserung der Kommunikationsund Konfliktfähigkeit der Quartiere nach innen und außen.

2. Aktivierung der Institutionen: Langfristig besteht die Aufgabe darin, eine kooperativ-konflikthaft verbesserte Anpassung des zuständigen institutionellen Gesamtgefüges an die realen Anforderungen der Menschen im Stadtteil zu erreichen. Die für das Alltagsleben der Menschen bedeutsamen Institutionen müssen stärker für die Interessen und Bedarfe ihrer Nutzer/innen zugänglich sein. Bei dieser Aktivierungsrichtung geht es um die Anpassung der Institutionen an die Adressatenbedürfnisse, wie ein Seidenkleid oder ein Maßanzug an den gesellschaftlichen Körper. Die GWA fordert, bewirbt und unterstützt in den Stadtteilen verstärkt die partizipative Öffnung der lokalen Institutionen und wird so zum Agenten eines „civic mainstreaming“.

Mit der Ausdifferenzierung einer intermediären Funktion setzt sich die Gemeinwesenarbeit somit nicht zwischen, sondern auf zwei Stühle: Ansätze der GWA zur Förderung bürgerschaftlicher Selbstorganisationen nahe an der Lebenswelt der Menschen in ihren Stadtteilen einerseits und die Wahrnehmung einer professionellen Funktion zur Erweiterung institutioneller Handlungsräume andererseits werden integriert (vgl. Fehren 2008).

Intermediäre tragen auch dazu bei, kleinräumig lokalisierbare Abwärtsentwicklungen in den Kontext gesamtstädtischer und regionaler Verantwortlichkeiten zu stellen. Die intermediäre Funktion hält Potenziale zur Vermeidung der mit stadtteilbezogenen Ansätzen einhergehenden Gefahr des Tunnelblicks bereit, durch den die gesamtstädtischen Zusammenhänge aus dem Blick geraten. Intermediäre Instanzen schützen in ihrer Funktion davor, dass nahräumliche Handlungsansätze der Stadtteilentwicklung auf reine Arme-Leute-Ansätze reduziert werden.

 
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