Reflexionsfolien zur professionellen Verortung in Stadtentwicklungsprozessen

Aus dem Zusammenspiel impliziter und expliziter fachlicher Orientierungen sowie der Erwartungen des Auftraggebers lassen sich das faktische professionelle Selbstverständnis und die konkrete Funktion der Sozialarbeitenden im Rahmen städtischer Planungsund Gestaltungsprozesse rekonstruieren. Soll dieses Selbstverständnis nicht einfach beliebig zustande kommen, so müsste sich die Profession Soziale Arbeit mit folgenden Fragen auseinandersetzen:

Mit welcher fachlichen Haltung bringt sich die Soziale Arbeit in die städtischen Planungsund Entwicklungsprozesse ein? Eng damit verknüpft stellt sich die nächste Frage.

Wie sieht ihr eigenes Expertenverständnis aus und welche Rolle möchte die Profession gerade auch in der Zusammenarbeit mit anderen Expertensystemen übernehmen?

Welche Perspektive auf die Stadt – als eine Gestalt des Sozialen – vertritt Soziale Arbeit und welche Rolle spielt dabei der Raum? Denn wenn nach Kunstreich und May „Soziale Arbeit als Bildung am Sozialen und Bildung des Sozialen“ (Kunstreich/May 1999: 42) zu fassen ist, dann müsste sich die Profession Rechenschaft darüber ablegen, von welchen Stadtbildern und Raumvorstellungen sie sich in dieser Mitarbeit leiten lässt.

Parteilichkeit versus Allparteilichkeit

Die Frage nach der eigenen fachlichen Haltung ist abhängig von dem jeweiligen Auftragsverständnis: Welche Interessen werden durch die Sozialarbeitenden in den Planungsprozessen vertreten? Die in verschiedenen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit verankerten gegensätzlichen fachlichen Haltungen der Parteilichkeit bzw. Allparteilichkeit lassen sich als Reflexionsfolie zur Positionsbestimmung der Sozialen Arbeit in Stadtentwicklungsprozessen nutzen.

Der Ansatz der Allparteilichkeit unterstellt, dass man, unter Berücksichtigung der verschiedenen Interessengruppen eines Quartiers, mit den Beteiligten eine tragfähige Lösung erarbeiten kann (vgl. Haselmann 2009). Die Funktion der Sozialen Arbeit besteht darin, die vorhandenen Interessengruppen zu identifizieren (bildlich gesprochen an einen Tisch zu bringen) und durch ein zu wählendes Verhandlungssetting allen Gruppierungen eine faire Durchsetzungschance zu eröffnen. Die Rolle der Sozialen Arbeit besteht analog einer Familienberatung darin, durch eine fachkompetente Moderation wechselseitige Verständigungsprozesse zwischen verschiedenen Interessengruppen zu erleichtern und mit Blick auf das zu planende Quartier die Suche nach realen oder fiktiven gemeinsamen Interessen zu unterstützen. Die Aufgabe ist dann kompetent erfüllt, wenn die an dieser Aushandlungsrunde Beteiligten ihre Interessen einbringen und wenn sie, im gemeinsam erarbeiteten Ergebnis, z.B. in einem neuen Quartierplan, die ihnen wichtige Anliegen wiederfinden können.

Hinter dem Ansatz der Allparteilichkeit in Kontexten gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse verbirgt sich ein an Jürgen Habermas angelehntes idealtypisches Gesellschaftsverständnis, ein Modell der herrschaftsfreien Kommunikation (vgl. Habermas 1988). Dieses unterstellt, dass durch die Sicherstellung einer herrschaftsfreien Diskursstruktur faktische Machtunterschiede so ausbalanciert werden können, dass auch gesellschaftlich benachteiligte Gruppen faire Durchsetzungschancen bekommen. Die Aufgabe der Sozialen Arbeit besteht vor dem Hintergrund dieses Verständnisses darin, an herrschaftsfreien Diskursstrukturen zu arbeiten, zum Beispiel im Rahmen eines Quartiers.

Demgegenüber unterstellt der Ansatz der Parteilichkeit einen klaren Positionsbezug für diejenigen Gruppen, die strukturell deutlich geringere Durchsetzungschancen in gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen haben, da sie über weniger Kapitalien (Bourdieu 1982) verfügen. Verankert ist dieses professionelle Selbstverständnis in der Bewegung der Kritischen Sozialarbeit in der Gemeinwesenarbeit z.B. vertreten durch Alinsky (1989). Das Parteilichkeitsprinzip, verstanden als eindeutige Interessensvertretung ist jedoch nur wirksam, wenn das Mandat an die Soziale Arbeit durch die Betroffenen selbst erteilt wird – im fiktiven Beispiel z.B. durch die im Quartier wohnenden Sozialhilfeempfänger/innen.

In diesem Verständnis wäre die Soziale Arbeit gefordert, ausgehend vom staatlichen Auftrag, sich zuerst ein Mandat von den durch sie zu vertretenden Gruppen zu erarbeiten. So könnte der städtische Sozialdienst zum Beispiel „seine Sozialhilfeempfänger/innen“ aus dem Quartier ansprechen, sie anfragen, ob sie dem Sozialdienst im Planungsprozess ein spezifisches Mandat erteilen möchten. Falls eine Gruppe einwilligt, bestände der nächste Schritt darin, gemeinsam mit dieser Gruppe einen Standpunkt mit Blick auf die anstehenden Planungsfragen zu erarbeiten. Häufig übernimmt die Soziale Arbeit in Quartierentwicklungsprozessen jedoch kein Mandat vom Klientel, sondern ihr wird vom Auftraggeber eine Expertenfunktion zugewiesen. Die Vorgehensweise sieht auf den ersten Blick ähnlich aus. Im Rahmen von Quartiersbegehungen, Gesprächen mit Bewohnern/Bewohnerinnen werden Daten ermittelt, die die Grundlage einer Quartiersanalyse darstellen. Es sind dann die Experten/Expertinnen, die die unterschiedlichen Bedürfnisse und Interessen bewerten und Vorschläge für konkrete Planungsprozesse einbringen.

 
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