Soziale Arbeit und Stadtentwicklung aus einer planungsbezogenen Perspektive

Matthias Drilling und Patrick Oehler

„The settlement may be of value if it can take a larger and steadier view than is always possible to the workingman, smarting under a sense of wrong; or to the capitalist, seeking only to ‚quiet down', without regard to the historic significance of the case, and insisting upon the inalienable right of ‚invested capital', to a return of at least four per cent, ignoring human passion. It is possible to recall them both to a sense of the larger development.“ (Addams 1895, 196)

Frühe Formate einer planungsbezogenen Sozialen Arbeit

Die Geschichte der Sozialen Arbeit ist eng mit dem Wachsen der Stadt und den dabei entstehenden sozialen Risiken verknüpft. Gerade im wirtschaftlich aufstrebenden Europa und Nordamerika des späten 19. Jahrhunderts gedieh jene wirtschaftsliberale Grundhaltung, die gesellschaftlichen Fortschritt allein als Folge eigennützigen Handelns interpretierte und auf die „unsichtbare Hand“ des Marktes setzte. Die dadurch mitverursachte Massenverelendung wurde höchstens vonseiten der Gesundheitsbehörden im Zusammenhang mit Ängsten vor Seuchen thematisiert; im Grunde aber wurde sie denjenigen zu bearbeiten überlassen, die sich aus karitativem Interesse vor den Toren der Fabriken und in den Stadtquartieren engagierten. Die Berichte der meist aus bürgerlichem Hause stammenden Helferinnen und Helfer trugen den Zweifel an strukturellen (und damit auch stadtplanerischen) Ursachen für das Elend mit sich und erschwerten so eine professionelle Positionierung der Sozialen Arbeit. So berichtet etwa Johann Hinrich Wichern, der Begründer der Inneren Mission der Evangelischen Kirche Ende des 18. Jahrhunderts von Quartieren in London,

„in denen Hunderte und Tausende von Bewohnern in einem wahren gordischen Knoten leiblichen und sittlichen Verderbens zusammengewachsen sind. Diebe und Diebeshehler, entlassene Sträflinge und liederliche Dirnen, Spieler, Säufer, hergelaufenes Gesindel ohne Zahl, [...] rotten sich auf eigene Hand [...] zu einer solchen kompakten Masse zusammen und erzeugen um sich her eine solche Atmosphäre physischen und geistigen Unrates, dass daran jede Bemühung von Gesundheitsund Sicherheitspolizei, von Kirche und Privattätigkeit, die hier Wandel schaffen will, zerscheitern muss.“ (Wichern 1902, zitiert nach Bingel 2011, 39).

Jane Addams war die erste, die die sozialen Problemlagen als sozialpolitische Versäumnisse thematisierte, nachdem sie nach dem Vorbild der Nachbarschaftshäuser von Toynbee in London (gegründet 1884) die Hull House-Bewegung in Chicago begründet hatte. In scharfer Kritik an den menschenunwürdigen Entwicklungen als Folge des Manchesterkapitalismus wurden in enger Zusammenarbeit mit den mitwirkenden Universitäten wichtige sozialreformerische Forderungen formuliert, allen voran die nach Gerechtigkeit (anstelle von Nächstenliebe). Von den Helfenden wurde Kooperation statt Mildtätigkeit erwartet und so ein erster Professionalisierungsschub in der Sozialen Arbeit ausgelöst. Zeitgleich entstanden wichtige (quartier)planerische Studien vonseiten der SettlementBewegung, denn um den sozialpolitischen Forderungen nach einer Verbesserung der Lebensbedingungen Nachdruck zu verleihen, wurden Strassenzüge und Nachbarschaften in Chicago kartiert und so anhand von Einkommensund Arbeitssituation sowie Migrationsund Familiengeschichte ein Überblick über die soziale Lage der Bewohner geschaffen. Seither gilt die Settlement-Bewegung als Fundament der Gemeinwesenarbeit und eigentlich kann sie auch als Beginn der Sozialraumforschung und -arbeit interpretiert werden (vgl. Bingel 2011).

Planung stellt sich im Kontext der Settlement-Bewegung als ein Beitrag zur Überlebenshilfe dar. Dieses Verständnis steht manchen Debatten im Städtebau aus dieser Zeit diametral entgegen, etwa dem Ansinnen, einen modernen Städtebau „nach seinen künstlerischen Grundsätzen“ zu begründen, wie es die Architektur in der Person von Camillo Sitte forderte (Sitte 1909), oder dem damit einhergehenden Aufruf, der Städtebauer habe sich „der praktischen Leute zu erwehren, die alles nach dem Augenblickbedürfnis beurteilen“, um stattdessen „das Dauerhafteste im Gesamtleben der Nation“ (nämlich die Artefakte und Materialisierungen) zu sichern (Gurlitt, 1920, 3). Leonardo Benevolo geht in seinem Rückblick mit dem modernen Städtebau hart ins Gericht, wenn er diesen als weitgehend inexistent und reaktiv bezeichnet:

„Die moderne Stadtplanung entstammt nicht bereits der Zeit, als die technischen und wirtschaftlichen Prozesse sich anbahnten, die zur Entstehung der Industriestadt und zu deren Veränderungen führten. Sie gewinnt vielmehr erst Gestalt, als diese Veränderungen und die sich daraus ergebenden Konflikte so spürbar wurden, dass ein regulierendes Eingreifen sich nicht mehr vermeiden liess.“ (Benevolo 1971, 9)

Die stadtplanungsbezogene Soziale Arbeit favorisierte dagegen eine „Bottomup-Planung“, die sich an den Bedarfen der marginalisierten Menschen orientierte. Dank der politisierenden Nachbarschaftsbewegungen ging es neben konkreten Hilfeleistungen immer auch um grundsätzliche strukturelle Verbesserungen. Jane Addams, Alice Salomon und die Mitglieder der National Foundation of Settlements and Neighborhood Centers (gegründet 1911) verhalfen durch immer neue Debatten dazu, Armut und Mangel als Lebenslage zu begreifen. In den Fortentwicklungen städtischer Programme der Armutsfürsorge (z.B. dem Elbefelder System der Armenfürsorge), wie sie bereits Mitte des 19. Jahrhunderts zumeist auf ehrenamtlichem Engagement aufbauend angewendet wurden, lässt sich dieser Professionalisierungsschub ablesen. Dies zeigte sich etwa in dem durch die Sozialreformer beeinflussten, seit 1905 von mehreren Städten realisierten Strassburger System mit der Einführung der Berufsarmenpflegern: Die Städte wurden in Bezirke eingeteilt, die nicht mehr als 600 Unterstützungsbedürftige umfassten, und zur Begleitung und Betreuung wurde ein arbeitsteilig agierendes Zusammenspiel zwischen kommunalen Fachpersonen und ehrenamtlichen Armenhelfern entwickelt (vgl. Sachße 2003, 39ff.).

In der industriellen Gesellschaft des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts wurden auf diese Weise soziale Fragen, soziale Probleme und soziale Politik

„‚Programmund Problemformeln', denen gemeinsam war, dass gesellschaftliche Verhältnisse und Verhängnisse nicht mehr als fragloses Geschick hingenommen werden, sondern im Bewusstsein ihrer Gestaltbarkeit, Entscheidbarkeit und Veränderbarkeit als Geschichte zu beobachten und zu verantworten sind.“ (Pankoke 2001, zitiert in Bingel 2011, 63)

 
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