Lebenslagen als sachlich-räumlich-zeitliche Konstrukte

Nicht nur, dass mit der Settlement-Bewegung die Soziale Arbeit als Profession an einen entscheidenden Wendepunkt gekommen war, im Zuge der Kontextualisierung von Armut wurde auch ihr Planungsverständnis expliziter: Vor allem über das Lebenslagenkonzept drangen der Alltag in den städtischen Quartieren und die dortigen Lebensbedingungen in das Bewusstsein. Otto Neurath (18821945) griff entsprechende Erkenntnisse in seinen sozialpolitischen Arbeiten auf und definierte eine Lebenslage als „Inbegriff all der Umstände, die verhältnismässig unmittelbar die Verhaltungsweise eines Menschen, seinen Schmerz, seine Freude bedingen“ (Neurath, zitiert nach Heckselmann 1979, 25). Dabei thematisierte er die „Bestimmstücke einer Lage“, nämlich Ernährung, Bekleidung und Behausung sowie die „freundliche menschliche Umgebung“ (Neurath 1925, 31). Mit Kurt Grelling (1886-1942) und später Gerhard Weisser (1898-1989) wurde der Lebenslagenansatz als Handlungsspielraum interpretiert, womit auf konkrete Orte wie „Wohngebiet“ oder „Nachbarschaft“ fokussiert wurde. Ingeborg Nahnsen (1923-1996), die den Lebenslagenansatz von Gerhard Weisser weiterentwickelte, differenzierte zwischen Einzelspielräumen, nämlich dem Kontaktund Kooperationsspielraum (Pflege sozialer Kontakte, Zusammentreffen mit anderen), dem Lernund Erfahrungsspielraum (Sozialisationsbedingungen, Form und Inhalt verinnerlichter sozialer Normen, Bildung und Ausbildung, Arbeitserfahrung, räumliche Mobilität), dem Regenerationsund Mussespielraum (Erholung von psycho-physischen Belastungen durch Arbeit, Wohnmilieu, Umwelt, Existenzunsicherheit). Damit eröffnete der Lebenslagenansatz der Sozialen Arbeit sukzessive nicht nur den grundsätzlichen Bezug zum Räumlichen, sondern über sein indikatorisches Herangehen auch geeignete Vorstellungen über die für sozialplanerische und sozialpolitische Argumentationen benötigten Daten (Husi & Kressig Meier 1998, 271). Lebenslagen, so kann festgehalten werden, sind also nicht nur sachlich-zeitlich, sondern auch räumlich konstruiert, es sind „sachlich-räumlich-zeitliche Konstrukte“.

Der Zusammenhang von Sozialplanung und Stadtentwicklung

Es erstaunt, dass die ersten fachwissenschaftlichen Publikationen zur Gemeinwesenarbeit auf das Planungsverständnis, wie es in der Settlement-Bewegung angelegt wurde, nicht mehr zurückgreifen. Murray Ross, dessen „Theorie, Prinzipien, Praxis“ der Community Organization aus dem Jahr 1955 (deutsch: Ross 1968) als eines der ersten Standardwerke zu diesem Arbeitsfeld gilt, greift zwar die veränderten Lebensbedingungen als Anlass sozialarbeiterischer Intervention auf, argumentiert allerdings in eine ganz andere Richtung und auf anderer Massstabsebene:

„Die städtische Siedlung ist unpersönlich, es fehlt ihr an innerem Zusammenhalt; als politisch wie gesellschaftlich nicht sehr wirkungsvolles Gebilde bietet sie keinen guten Nährboden für eine abgerundete Persönlichkeitsentwicklung.“ (Ross, 1968, 17).

Mit Bezug auf die radikalen städtischen Bewegungen problematisiert Ross, ob

„irgendein einzelner, eine Gruppe oder eine Organisation überhaupt das Recht habe, Menschen in dieser Weise zu beunruhigen“ (ebd., 140). Vielmehr müsse es darum gehen, einen „Prozess in Gang zu bringen, in dessen Verlauf sich im Gemeinwesen vielleicht der Wunsch regt, hinsichtlich irgendeiner Problematik, die Beachtung verdient, etwas zu tun“.

Die Hauptaspekte der Sozialen Arbeit liegen für Ross entsprechend zum einen in einer Verbesserung der Funktionalität des Gemeinwesens und zum anderen darin, die in diesem Gemeinwesen lebenden Menschen zur Selbsthilfe zu befähigen – ein Konzept von Gemeinwesenarbeit, wie Müller kritisiert, das gemässigt und sozialpädagogisch harmonisierend ist (1972, 234), weil es von der aktiven Beteiligung möglichst aller Bewohner eines Wohnquartiers bei der Be-seitigung partikularer Missstände ausgeht und darauf hofft, dass die Verantwortung dieser Bürger für das Gemeinwohl eine „als ursprünglich angenommene und prinzipiell wiederherstellbare Harmonie rekonstruieren könne“ (ebd., 232).

Dass Ross angesichts der Umstände der Zeit weitestgehend theorielos argumentiert, mit zu wenigen Worten auf die ökonomisch verwurzelten Interessengegensätze eingeht und stattdessen „Strukturprobleme des Kapitalismus als individuelle Fehlanpassungen zu interpretieren und zu therapieren“ versucht (Müller 1972, 229), und dieses Buch zugleich das einzige war, das ins Deutsche übersetzt wurde und so als amerikanische Grundlagenliteratur galt, hat die Entwicklung der Gemeinwesenarbeit im deutschsprachigen Raum lange gehemmt.

Der 1972 erschienene Sammelband „Stadtplanung und Gemeinwesenarbeit“ (Müller & Nimmermann 1972) liest sich wie ein Gegenentwurf zu Ross. Mit seinen Vergleichen zur Rezeption der Gemeinwesenarbeit in den USA und seiner Berücksichtigung von Beiträgen aus den Disziplinen Soziologie und Städtebau schliesst er die Gemeinwesenarbeit an den internationalen Stand der Diskussion an. Für den Ansatz einer planungsbezogenen Sozialen Arbeit ist der Text von Nimmermann (1972, 86ff.) programmatisch. In einer vergleichenden Analyse der Handlungsfelder der Sozialplanung und der Stadtplanung in den USA skizziert er den Rahmen, in dem eine bevölkerungsund kontextorientierte Soziale Arbeit mit dem Ziel einer Veränderung sozialer Systeme (planning for social change) wirkt (Tabelle 1).

Tabelle 1: Verständnisse der Beziehung zwischen Sozialplanung und Stadtentwicklung

Verständnis

Merkmale und Kommentare

Sozialplanung als Koordination und Rationalisierung bestehender Wohlfahrtsorganisationen

Abstimmung der Unterstützungsangebote der privaten und öffentlichen Wohlfahrtsorganisationen; Ziel der Effizienz der Angebote und des Vorgehens; Vermeiden von Doppelspurigkeiten. Ist nur bedingt in der Lage, auf den sozialstrukturellen Druck Einfluss auszuüben, neigt zum Verständnis einer individualistischen Interpretation gesellschaftlicher Phänomene, favorisiert die „vernünftige Verwaltung des Bestehenden“.

Sozialplanung als Versuch der systematischen Erfassung von „Bedürfnissen“in der Bevölkerung

Erfassung des Bedarfs als Ausgangspunkt sozialarbeiterischer und sozialpolitischer Interventionen; geht vom Eingeständnis aus, dass Ungleichheiten gegeben sind und ermittelt Bedarfsplanung; Sozialarbeit wird zum institutionellen Problem, wo Bedarfe nicht erfüllt werden.

Verständnis

Merkmale und Kommentare

Sozialplanung als Versuch, die Strategie und Zielsetzung formaler Organisationen mit der Absicht zu verändern, bessere Bedingungen für die Klientel der Sozialarbeit zu schaffen

Thematisiert die Organsationsstruktur (inkl. Entscheidungsund Kommunikationsprozesse) der Sozialen Arbeit (Verwaltung, Verband etc.); ist am Erkennen von Verselbstständigung bürokratischer Verhaltensweisen interessiert; will Einstellungen zugunsten der Berücksichtigung von Bedürfnissen der unterprivilegierten Gruppen verändern; neigt zur Theoretisierung; Sozialreform „mittlerer Reichweite“, kann zur Alibi-Funktion werden.

Sozialplanung als Entwicklung multifunktionaler Organisationen, die

„soziale Probleme“ auf lokaler Ebene mit globalen Strategien lösen sollen

Im Sinne einer konzertierten Aktion auf Gemeindeebene sollen globale Probleme wie z.B. Armut gelöst werden; Settlement-Houses als Beispiel solcher multifunktionaler Organisationen; neigt zur Mobilisierung ohne tatsächlich strukturelle Veränderungen zu bewirken; Selbsthilfe als

„Helfer“-Therapie; paternalistische Grundüberzeugung mit Gefahr der zunehmenden Radikalisierung.

Sozialplanung als Koordination aller Massnahmen auf staatlicher und nationaler Ebene zur Verbesserung der Lebensbedingungen von

„unterprivilegierten Gruppen“

Massnahme von staatlicher Seite in zwei Varianten: Sektoriale Sozialplanung ist überregionale Koordination aller Massnahmen in einem Politikbereich (z.B. Gesundheit) z.B. durch Einführung der Kinderbetreuung; social policy meint den etappenweisen Ausbau sozialer Massnahmen im Rahmen des Wohlfarhrtsstaats (z.B. Sozialversicherung).

Sozialplanung als „sozial sensibilisierte“ Stadtund Raumplanung

Beteiligung von Sozialer Arbeit („soziale Gesichtspunkte“) bei der Stadtplanung; enger Bezug zu neuen Strategie der Planung; wirkt legitimierend für Instrumente der Planung (z.B. Flächennutzungsplan) und erweckt den Anschein, diese seien neutral; verschleiert politische Interessen und die Abhängigkeit der Planung von Kapital.

Sozialplanung als umfassende Planung, d.h. als Integration von Bau-, Wirtschafts-, Verkehrs-, Bildungs-, Gesundheitsund Arbeitsmarktplanung

These, dass soziale Themen nur im Rahmen einer regional übergeordneten Planung berücksichtigt werden können; enger Bezug zu neuen Strategie der Planung (comprehensive planning); meist auf Ebene Masterplan mit (zu) langem Zeithorizont für aktuellen Probleme; verlangt, sozialwissenschaftliche Erkenntnisse in die Sprache der Technik zu übersetzen; verschleiert den politischen Charakter der Planung; faktische Unterordnung sozialer Themen unter die an Profit und Wachstum orientierten Themen.

Quelle: Nimmermann (1972), eigene Zusammenstellung

Nimmermanns Bestandsaufnahme bleibt pessimistisch, trotz aller Ausdifferenzierung. Soziale Arbeit erweise sich trotz der unterschiedlichen Zugänge als das, „was sie in kapitalistischen Gesellschaften immer sein muss, als neue Form des Krisenmanagements und als Bestandteil einer privaten Interessen dienenden Wirtschaftswachstumsplanung“ (ebd., 112). Dabei greift er späteren Debatten um die Rolle der deutschen Gemeinwesenarbeit vor, wenn er schreibt:

„Waren die Sozialarbeiter früher als ‚Befähiger' der als entwicklungsbedürftig verstandenen [...] Massen in die Ghettos gegangen, verstanden sie sich bald als ehrliche Makler zwischen ihrer Klientel und der repressiven Sozialadministration und schliesslich als Anwälte auf der Seite der Rechtlosen.“ (Ebd., 112)

Hier klingen die – auch in diesem Band dargelegten – Verständnisse von Gemeinwesenarbeit bereits an; so etwa die sich mehr auf die Moderation oder Inszenierung von Entwicklungsprozessen ausrichtenden und dabei anwaltschaftliche, parteiliche oder vermittelnde Positionen einnehmenden Verständnisse (siehe die Beiträge von Oelschlägel sowie Fehren in diesem Band); oder der Stellenwert der Gemeinwesenarbeit im Korpus der Sozialen Arbeit, wie er sich in eine „dritte Methode“ (Ross 1968), ein „Arbeitsprinzip“ (Boulet, Krauss & Oelschlägel 1980) oder ein „Arbeitsfeld“ (Hinte 2007) differenziert.

Insgesamt bleibt Nimmermanns Rückblick – wie bereits erwähnt – skeptisch, und angesichts der unangefochtenen Vorrangstellung kapitalistischer Produktionsweisen seit den 1950er-Jahren spricht er von „bescheidenen Erfolgen einer ‚Planung für sozialen Wandel'“ (ebd., 114). Zukünftig gelte es mehr denn je, die Herrschaftsverhältnisse und Interessenlagen zu ändern, „bevor Sozialplanung etwas ist, was diesen Namen verdient“. In diesem Sinne müsse die Soziale Arbeit zwar im System mitarbeiten, dürfe sich aber nicht in ihm integrieren, um sozialpolitische Entscheidungsprozesse transparent zu machen und so dazu beizutragen, „das Problembewusstsein der Entscheider zu erhöhen“ (ebd., 115).

Bei einem Blick auf die Debatten der Planungsdisziplinen (Städtebau und Architektur) fällt unschwer auf, dass auch diese von einem vergleichbaren Zweifel an ihre Gestaltungskraft erfasst waren. Dem von Nimmermann implizit apostrophierten „homogenen Block“ von Stadtplanung als Herrschaftsinstrument kapitalistischer Interessen stand in den 1960er-Jahren also durchaus eine kritische Bewegung entgegen, in der der radikale Umbau der „geistigen Voraussetzungen“ (Albers 2006, 43) eines Städtebaus als Masterplanung und MusterStädtebau begann. Vor allem mit dem Verblassen der Planungseuphorie infolge von Ölkrise und Finanzknappheit und dem auf dem Deutschen Städtetag 1971 benannten „Niedergang der Städte“ ging der Abschied vom „Planer als Hüter des Allgemeinwohls“ einher. Eine Öffnung hin zu anderen Politikbereichen und deren Trägern wurde zum Hauptmerkmal der integrierten Entwicklungsplanung (comprehensive planning), die sich zwar als interund transdisziplinär ausgerichtet sah und räumliche, wirtschaftliche und soziale Fragen gemeinsam (also auch mit der Bevölkerung) zu bearbeiten versuchte, im Grunde aber an der ho- heitlich steuernden Rolle des Staates und dem Glauben an eine flächendeckende Planbarkeit von Entwicklungsprozessen (bezogen z.B. auf einen Stadtteil, eine Siedlung oder eine Stadt) festhielt (Häussermann und Siebel 1994). Im Wissen um die Beschränkungen der integrierten Entwicklungsplanung wurde diese ideengeschichtlich zunächst durch den bewusst projektorientierten Ansatz des perspektivischen Inkrementalismus (Ganser 1991) und anschliessend durch die sich stärker den Steuerungsfragen zuwendende Perspektivplanung abgelöst. Erst heute scheint der Städtebau unter Leitbildern wie „nachhaltige Stadtentwicklung“ den Glauben an eine Globallösung wiedergefunden zu haben – wohl auch, um den vehementeren Kapitalinteressen eindeutiger entgegenzutreten.

Aus der Sicht einer Sozialen Arbeit, die sich im Bereich der Planung engagiert und damit der Regelungsstruktur für die Nutzung des Raums eine besondere Aufmerksamkeit beimisst, liefern die von Nimmermann zusammengefassten Diskussionen zur Sozialplanung sowie die – hier nicht weiter vertieften – Überlegungen eines Städtebaus, der sich seiner sozialen Ursprünge bewusst wird (vgl. Benevolo 1971) zwei wichtige Entwicklungsthemen: zum einen die interdisziplinäre Anlage, in die sich eine planungsbezogene Soziale Arbeit einbettet, und zum anderen die eigene normative Position, aus der heraus eine planungsbezogene Soziale Arbeit für Veränderungen im System argumentieren muss.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >