Planungsbezogene Soziale Arbeit und ihre Verhandlungsthemen

Stadtplanung und Sozialplanung bzw. planungsbezogene Soziale Arbeit finden in einem interdisziplinären Setting unterschiedlich ausgestatteter Disziplinen statt. Geografie, Soziologie, Ökonomie, Geschichte, Ökologie, Ethnologie, Psychologie – sie alle haben ihre Bindestrich-Disziplinen zur Stadt und erheben Anspruch auf Planungsgegenstände respektive formulieren Planungsparadigmen (z.B. Innenverdichtung vor Aussenentwicklung, lokale Ökonomie, Biodiversität in der Stadt, Fördern bestimmter Nachbarschaftstypen). Dort, wo die Analysen mit konkreten baulichen Ideen einhergehen, stellt sich die Frage nach der Definitionshoheit über den Raum. Zwar verstehen die Planungsdisziplinen unter Stadtplanung das Bemühen „um eine den menschlichen Bedürfnissen entsprechende Ordnung des räumlichen Zusammenlebens“ (Albers 1988), gleichzeitig aber entwickeln sie ein hoch exklusives Design für den Planungsprozess, das den Zugang anderer Disziplinen bei der Umsetzung kanalisiert und reguliert (z.B. nimmt die Bedeutung der offenen Wettbewerbe gegenüber den selektiven Verfahren ab, verhindern Detaillierungsgrad und Präqualifikationsverfahren sowie berufsständische Zugehörigkeit eine breite Teilnahme; in den Jurys von städtebaulichen Projekten können Sozialwissenschaftler nur als Fachexperten ohne Stimmrecht mitwirken). Dies wird zunehmend auch vonseiten der Planenden selbst moniert. So zählen Volker und von Meel am Beispiel holländischer Projekte über 20 Problembereiche eines Architekturwettbewerbs in Bezug auf ihre Ausschlusswirkung auch der eigenen Profession gegenüber auf (Volker & van Meel 2011, 27).

Wer seine Sicht als dominierend positioniert, der kritisiert die wissenschaftlich begründbaren Zugriffsrechte anderer gerne als „Begriffs-Hopping“, „feuilletonistisch“ oder „Leerformel“ (zu dieser Kritik siehe Streich 2005, 466f.) Aus Sicht der „ausgeschlossenen Disziplinen“ dagegen wird darauf hingewiesen, dass sich zentrale Herausforderungen der modernen Welt (und Stadtplanung versucht ja, solche Herausforderungen durch räumliche Visionen fassbar zu machen) dem Zugriff einer einzelnen Disziplin entziehen. So ist Stadtentwicklung eben nicht nur das Entwickeln von urbanen Strukturen, sondern auch das Ergebnis von Verhaltensweisen und sich wechselseitig beeinflussenden Entscheidungen auf der Folie sozialen und wirtschaftlichen Wandels (siehe dazu Heuer 1977, 39ff.) Dieses Zusammenspiel von Struktur, Handlung und Wandel ist theoriebedürftig. Wenn Raum also als Produkt aufgefasst wird, dann brauchen wir eine Theorie der Produktion des Raums. In dessen Korpus müssen sich Wissensbestände unterschiedlichster Disziplinen wie Sozialraumtheorie, Wahrnehmungstheorie, Konzepte der Aneignung etc. versammeln können.

In die unterschiedlichen Theoriestränge eingeschrieben sind die Grundannahmen einer Disziplin. Schneider, der dafür den Begriff der Handlungsformen nutzt, versteht darunter die Realitätsauffassung, Grundannahmen, Sprache, Ziele und Methoden einer Disziplin (Schneider 1988). Mithilfe ihrer Handlungsformen strukturieren die einzelnen Disziplinen die Realität und damit ihre Weltsicht. Erschwerend ist, dass „das Spezifische einer Disziplin ein im Normalfall bloss übernommenes, wenig reflektiertes Geflecht von Sehund Handlungsweisen ist“ (ebd., 374). Im Hinblick auf seine Studien zur Interdisziplinarität zeigt sich, dass in solchen Settings methodologische Unterschiede („Auf welchem Weg kommt eine Disziplin zu Aussagen?“) und erkenntnistheoretische Unterschiede („Welche Frage steht für eine Disziplin im Vordergrund?“) zentrale Schwierigkeiten einer fächerübergreifenden Sicht auf Problemzusammenhänge darstellen.

Für zentrale normative Zielsetzungen der Stadtplanung ist dies von grosser Bedeutung. Das Planungsziel „soziale Mischung von Bevölkerungsgruppen“ beispielweise, dem positive Effekte wie eine Erhöhung der sozialen Stabilität, die Schaffung von sozialem Kapital, geringe Stigmatisierung eines Gebiets attribuiert werden, beruht auf der These, dass räumliche Nähe auch zu sozialer Nähe führt; eine These, die „empirisch überhaupt nicht haltbar ist“ (Friedrichs, 2010, 322). Nach Friedrichs liegen keine Studien vor, die die Hoffnung der Planer bestätigen, dass eine soziale Mischung eine intensive und dauerhafte Interaktion der Bewohner begünstigt, die Lernprozesse untereinander auslöst und Einstellungen verändert. Zudem liegen keine differenzierenden Ergebnisse zur sozialen Nähe und Distanz von verschiedenen ethnischen Gruppen untereinander vor. Und dennoch werden auf der Grundlage dieses für richtig erachteten Planungsideals Eigentumsformen und Wohnungsgrössen gemischt, Mietsubventionsmodelle ausgearbeitet und soziale Infrastrukturen geplant.

In Bezug auf die Rolle der Sozialen Arbeit, die sich auf Planungsprozesse bezieht, kristallisiert sich hier – in Anlehnung an die oben skizzierte Forderung Nimmermanns – die Aufgabe heraus, sich in kritischer Distanz zu den Planungsverantwortlichen aufzuhalten, d.h. Planungsideale auf ihre Grundlagen und die empirischen Fakten hin zu hinterfragen. Damit soll das Problembewusstsein derjenigen erhöht werden, deren Entscheidungen die Bezugsgruppen, z.B. in einem Aufwertungsoder Entwicklungsgebiet, betreffen. Eine solche kritische Distanz löst Reflexion aus, denn die an der Planung beteiligte Person

„macht die beunruhigende Erfahrung […], dass der andere das, was ihm selbst als kaum erwähnenswerte Trivialität oder nie bezweifelter allgemeiner Usus erscheint, nicht nachvollziehen kann oder für grundfalsch hält“ (Schneider 1988, 14).

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, welche Themen vonseiten der Sozialen Arbeit mit den Planungsdisziplinen verhandelt werden sollen. Eine internationale Vergleichsstudie zur Bedeutung der sozialen Dimension in der Stadtplanung hat Debatten herausgearbeitet, die sich im Rahmen von Planungsvorhaben dazu eignen, Wissensbestände der Sozialen Arbeit einzubringen, und dabei zugleich geeignet sind, normative planungspolitische Positionen zu hinterfragen (Drilling & Weiss 2012); gleichzeitig eignen sich Instrumente der Stadtund Raumplanung dazu, auf die Umsetzung dieser Planungsideale im Rahmen konkreter Vorhaben Einfluss zu nehmen (vgl. Tabelle 2).

Verhandlungsthema Sozialstruktur: Auf sozialstrukturelle Aspekte bei Planungen zu achten, bedeutet, den gesellschaftlichen Kontext, in dem ein Vorhaben steht, zu berücksichtigen – unabhängig von der Grösse des Planungsvorhabens. Studien der New Urban Sociology (z.B. Farwick 2001) zeigen, dass, sofern die Wohnumgebung mit ihren Bewohnern auf verschiedenen Ebenen interagiert, die Siedlung, das Quartier oder der Stadtteil immer auch eine Ressource für das Alltagshandeln und die Lebensbewältigung darstellen. Planung derart zu kontextualisieren, eröffnet sozialpolitische Fragen: Welche Funktion hat das Vorhaben? Welche sozialen Gruppen sollen zum Beispiel in einer neu zu erstellenden Wohnsiedlung leben?

Wie kann das Zusammenleben unterschiedlicher sozialer Gruppen baulich unterstützt werden? Bisher sind diese Fragen bei politisch Verantwortlichen und Fachplanenden zugunsten einer Heterogenität der Bevölkerung in Bezug auf soziale Herkunft oder den ökonomischen Status beantwortet worden (Grundsatz einer gemischten Sozialstruktur). Dieser Anspruch erweist sich in der Praxis allerdings als schwer umsetzbar. Denn soziale Durchmischung lässt sich nicht einfach über die bauliche Erneuerung und den Zuzug besser gestellter Einwohnergruppen definieren. Aus Sicht einer planungsbezogenen Sozialen Arbeit sind hier vor allem die Kontextbedingungen „Differenzierung der Eigentumsverhältnisse“, „sozial verantwortliche Wohnraumversorgung“ sowie „Berücksichtigung von sozial ausgleichenden Investorenund Mietmodellen“ zu thematisieren.

Verhandlungsthema Nutzungen: Generell gilt es, Monofunktionalität, wie sie in der räumlichen Funktionstrennung von Wohnen, Arbeiten, Konsum und Freizeit zum Ausdruck kommt, entgegenzuwirken. Grossprojekte, die auf eine solche Nutzungstrennung ausgerichtet waren, kennen wir aus der Geschichte des Städtebaus; berühmt wurden Sozialsiedlungen wie Pruitt Igoe (in den 1950erJahren prämiert, 1971 abgerissen). Dass eine Siedlungseinheit eine Vielzahl von Funktionen umfassen muss, hängt mit neuen Bedürfnissen und Lebensstilen sowie veränderten Familienund Arbeitsformen zusammen. Nutzungsvielfalt (im Sinne eines Grundsatzes) entsteht dort, wo pluralistische Konzepte gefördert werden. Damit wird Nutzung sinngleich mit Aneignung.

Verhandlungsthema Design für alle / Barrierefreiheit: „Design für alle“ bezeichnet einen seit Mitte der 1990er-Jahre im internationalen sozialpolitischen Kontext formulierten Anspruch, allen Menschen gleiche Chancen zu ermöglichen, sodass jeder an jedem Aspekt der Gesellschaft partizipieren kann. Als Beispiele werden genannt: Gebäude, Plätze, Fahrzeuge (Verkehr), Parkplätze, Strassen, Spielplätze, Denkmäler, Naturparks. Bauliche Umwelt ist demnach jeder öffentliche oder private Raum oder jede Einrichtung, der/die von Menschen für Menschen gestaltet wurde. Obschon der Anspruch auf ein „Design für alle“ weit über eine zielgruppenspezifische Optik hinausreicht, ist die konkrete Umsetzung noch deutlich der Ursprungsidee der Barrierefreiheit als einem auf die Bedürfnisse von körperlich eingeschränkten und behinderten Menschen ausgerichtetes Konzept verhaftet. Dieses beschränkt sich dann auf die Zugänglichkeit über die Wegenetze, die Zugänge zu Gebäuden oder die Anbindung an den öffentlichen Verkehr.

Verhandlungsthema Mobilität: Soziale Mobilitätskonzepte beziehen unterschiedlichste Mobilitäten mit ihren jeweiligen Ausdrucksformen aufeinander. Im Planungsbereich geht es um Verbindungen zwischen Angeboten für unterschiedliche Lebensalter, soziale Schichten, Haushaltstypen und Lebensstilgruppen und deren wohnungsnahe Erreichbarkeit. Seit den 1980er-Jahren wurde in der euro- päischen Stadtplanung das Mobilitätsthema erweitert und in den Grundsatz „Stadt der kurzen Wege“ gegossen. Ziele hierbei sind die Verdichtung von Siedlungseinheiten durch eine räumlich nahe Verbindung zwischen Wohnen, Arbeiten, Versorgung, Freizeitund Bildungsangeboten. Hinsichtlich der Übertragbarkeit des Konzepts im Kontext Sozialer Arbeit erfordert es die Einbettung in einen akteurorientierten Zusammenhang: Ausgehend von den Bedürfnissen der Bewohner und ihren Mobilitätsanforderungen stehen Fragen nach präferierten Wohnstandorten und Arbeitsplätzen, aber auch nach gruppenspezifischen Versorgungsund Freizeiteinrichtungen mit ihren jeweiligen alters-, genderund herkunftsgerechten Wegeführungen im Mittelpunkt.

Verhandlungsthema Partizipation: Aus der Sicht der Sozialen Arbeit meint Beteiligung immer auch einen kontinuierlichen und differenzierten Einbezug aller relevanten Akteure über alle Phasen eines Planungsprozesses und über die Umsetzung eines Projekts hinaus. Sich für Beteiligung einzusetzen, verlangt, die zu Beteiligenden differenziert anzusprechen. Der Aufbau von intermediären Institutionen als partizipative und kontinuierliche Verbindungen zwischen Planungsabteilungen und der Bürgerschaft hat sich in zahlreichen Projekten als erfolgreiches Instrument erwiesen. Aus intermediären Institutionen wie Siedlungsbüros oder Stadtteilbüros heraus kann bürgerschaftliches Engagement entstehen und der partizipative Charakter eines Planungsprozesses dauerhaft gewährleistet werden. Beteiligung als Prinzip (im Sinne eines Grundsatzes) fördert das Bewusstsein für und den Aufbau von politischer Identität. Beteiligung bedeutet aus der Sicht der Sozialen Arbeit zudem, Entscheidungskompetenzen abzutreten. Oft wird diese Anforderung nur unzureichend berücksichtigt; dann wird die Beteiligung zur Scheinbeteiligung. Differenzen zwischen planenden Akteuren werden zwar sichtbar, sie werden aber im Hinblick auf einen demokratischen Konsens nicht gleichwertig verhandelt.

Verhandlungsthema Prozessund Planungsqualität: Einstiegspunkte für die beschriebenen Verhandlungsthemen sind die politischen Beratungen und Entscheide (darüber, was geplant werden soll), auf fachplanerischer Ebene die Arbeiten an Masterplänen, Entwicklungskonzepten, Richtplänen, Nutzungsund Sondernutzungsplänen (Bebauungs-, Gestaltungsoder Quartierpläne) sowie die Auslobungstexte zu städtebaulichen, siedlungsoder landschaftsplanerischen Wettbewerben. Prozessund Planungsqualität basiert dementsprechend auf miteinander vernetzten Entwürfen aus Städtebau/Siedlungsentwicklung, Wohnungsbau und Sozialplanung. Die hier skizzierten Verhandlungsthemen, die genannten Planungsideale (Grundsätze) sowie beispielhafte Umsetzungen können die gemeinsame Verhandlungsposition aus Sicht einer planungsbezogenen Sozialen Arbeit unterstützen und damit die Prozessund Planungsqualität erhöhen.

 
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