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2.2 Zur Verzahnungvon Sozialplanung und Städtebau

Mit Fokus auf den Planungsprozess stellen wir nachfolgend anhand der drei Siedlungen Planungskulturen und Prozessqualitäten vor, die sich mit dem Anspruch des sozial nachhaltigen Bauens als erfolgreich und vorbildhaft erwiesen haben. Planungskultur meint hierbei Vorgehensweisen, die soziale, ökonomische und ökologische Themen in der Entstehung der Siedlungen gleichwertig berücksichtigt und miteinander in Verbindung gebracht haben. Im Vergleich werden Lernprozesse sichtbar, die für zukünftige Planungsvorhaben als innovative Beispiele angesehen und übertragen werden können. Damit einhergehend wird das Thema Soziales in der Planung als Spektrum von innovativen Vorgehensweisen auf der Ebene der Siedlungen, der Gebäude und bei der Gestaltung von öffentlichen und halböffentlichen Räumen vorgestellt.

Wenn wir nachfolgend Planungskulturen sozialer Nachhaltigkeit vorstellen, dann gehen wir von einem Planungsverständnis aus, dass die soziale Dimension von Beginn an gleichgewichtig berücksichtigt. Ein kulturelles Verständnis von nachhaltiger Entwicklung geht davon aus, dass sich eine Kultur der Nachhaltigkeit etablieren muss, die sich durch ein sozialverantwortliches, generationenübergreifendes, kollektives und individuelles Handlungsund Lebensverständnis ausdrückt (vgl. Weiss 2012; Krainer & Trattnigg 2007). Mit Bezug zu sozial nachhaltigen Stadtund Siedlungsentwicklungen impliziert Planungskultur, dass sozialplanerische und sozialpolitische Themen, Veränderungen der Bedürfnisse der Bewohner/innen, die Möglichkeiten der räumlichen und sozialen Aneignung mitgeplant und dauerhaft berücksichtigt werden müssen. Planungskultur ist in diesem Verständnis eine Kultur nachhaltiger Entscheidungen für die Entwick-lung eines Quartiers und einer Siedlung zugunsten der Bedürfnisse ihrer aktuellen Bewohner/innen und für ihre zukünftigen Bewohner/innen. Dieses Planungsverständnis umfasst daher eine verzahnte und vernetzte Planungsstrategie, die sich aus langfristig gedachten Maßnahmen und Themen der Sozialplanung und Sozialpolitik, des Städtebaus, des Siedlungsund Wohnungsbaus zusammensetzt und sich über alle Phasen eines Planungsprozesses erstreckt. Zentral sind die Fragen:

§ für welche Zielgruppen und zukünftigen Bewohner/innen geplant wird

§ welche Ressourcen in einem Quartier vorhanden sind

§ was aus einer sozialplanerischen Perspektive fehlt

§ wie sich ein Gebiet innerhalb eines zu prognostizierenden Zeitraums hinsichtlich Bevölkerungszusammensetzung und Lebensstilen verändern wird.

Sozial nachhaltiges Bauen stellt demnach eine sozialpolitische Strategie einer Gemeinde oder einer Stadt dar, welche über einen langfristigen Zeitraum (über die Umsetzung hinaus) das Vorhaben als Teil einer sozialen Quartierund Siedlungsentwicklung versteht und gewährleistet (vgl. Drilling & Weiss 2012).

In unseren Fallbeispielen zeigte sich, dass die Planung der Siedlungen als sozialpolitische und sozialplanerische Strategie für die langfristige Entwicklung des Quartiers und die Bedürfnisse ihrer Bewohner/innen von zentraler Bedeutung ist. Bereits mit dem politischen Entscheid für das jeweilige Siedlungsvorhaben wurden sozialpolitische Ziele mit Fragen der Sozialplanung (z.B. Verbesserung der Versorgungssituation, Schaffung bezahlbarer Wohnungen und Anreize zum Erwerb von Wohneigentum) mit einem städtebaulichen Verständnis von nachhaltiger Entwicklung verknüpft (z.B. durch Nutzungsmischungen aus Wohnen, Arbeiten, Versorgung und Freizeit und durch die Förderung einer heterogenen Bewohnerschaft durch unterschiedliche Wohntypologien und Rechtsformen). Die Tabelle „Planungskulturen sozialer Nachhaltigkeit im Siedlungsbau“ gibt einen Überblick über die Planungsziele, die eingesetzten Methoden sowie die Verzahnung zwischen städtebaulichen und sozialplanerischen Umsetzungen anhand der drei Beispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.[1]

In allen drei Siedlungen war der Boden zu Projektbeginn Eigentum der jeweiligen Städte und Kommunen. Die Bauten im Rieselfeld und in SolarCity wurden durch unterschiedliche Bauträger (Bau und Wohngenossenschaften, Baugruppen) realisiert.

Tabelle 1: Planungskulturen sozialer Nachhaltigkeit im Siedlungsbau: drei Beispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz

Quelle: Eigene Darstellung nach den Studien von Drilling & Blumer 2009; Weiss et. al. 2010a, 2010c, 2011 sowie Drilling & Weiss 2011

Die Initiativen in unseren ausgesuchten Beispielen gingen von Gemeinden und Städten aus, in denen eine akute Wohnungsnot herrscht(e) und deren Ziel es war, finanzierbare Wohnungen – gerade für junge Familien mit mittlerem und geringem Einkommen – in der Stadt bereitzustellen und sie dauerhaft zu gewährleisten (vgl. Wohnen morgen 2009).

Die eingesetzten Methoden und Instrumente in der Planung der drei Siedlungen (siehe 4. Zeile der Tabelle) zeigen kooperative Partizipationsformen, die von Beginn an Teil der sozialpolitischen Strategie waren und sich über den gesamten Planungsprozess erstreckt haben (vgl. Oehler & Weiss 2012; Ipsen 2010). In Form eines eingesetzten Projektmanagements, eines unterzeichneten Projektvertrags oder durch eine interinstitutionelle Projektbegleitung wurden Vereinbarungen zwischen allen verantwortlichen Akteur/innen getroffen. Zu Planungsbeginn, das heißt bereits vor dem Bau und somit auch vor dem Einzug der ersten Mieter/innen, wurden zeitgleich intermediäre Institutionen zur Bürgerbeteiligung aufgebaut, die im Fall des Rieselfelds heute – ca. 15 Jahre nach Einzug der ersten Mieter – von den Bewohner/innen übernommen wurden und in Form eines Vereins Aufgaben zur Vernetzung der Bewohnerschaft im gesamten Stadtteil übernehmen, wie beispielsweise Beratungsund Freizeitangebote, Themenveranstaltungen, einen Mittagstisch mit Café und eine Quartierzeitung.

Die Siedlung Werdwies ist ein Ersatzneubau der Stadt Zürich. Die kooperative Partizipationsform stellt sich hier als eine interinstitutionelle Projektbegleitung zwischen allen beteiligten Departementen der Stadt Zürich und den Quartierinstitutionen bis zum Abbruch der Vorgängersiedlung dar. Vom Beschluss des Abbruchs im Jahr 1995 bis zum Auszug der letzten Mieter/innen im Jahr 2003 wurde der Rückbauprozess durch miteinander kooperierende städtische Departemente begleitet; in den letzten drei Jahren bis zum Abbruch der Siedlung durch das „MieterInnenbüro“ zur Vermittlung frei werdender Wohnungen in der Stadt Zürich und durch ein Zwischennutzungsprojekt bis zum schlussendlichen Abbruch der Häuser. Alle Begleitprojekte entsandten jeweils einen Vertreter in die Wettbewerbsjury für den Neubau, um dort die Erkenntnisse aus der Quartierarbeit im Hinblick auf die Bedürfnisse der zukünftigen Quartierbewohnerschaft in der neuen Siedlung zu vertreten.

Mit Blick auf die verschiedenen Planungskulturen in den deutschsprachigen Ländern und auf das, was wir als innovatives, sozial nachhaltiges Bauen bezeichnet haben, sind die Verzahnungen zwischen der Sozialplanung und ihren städtebaulichen Umsetzungen von exemplarischer Bedeutung (siehe 5. Zeile der Tabelle). In SolarCity wurde ein zyklisches Planungsverständnis von nachhaltiger Stadtund Siedlungsentwicklung umgesetzt. Zyklisch meint hierbei, dass demografische Entwicklungen sowie sich verändernde Bedürfnisse der Bewohner/innen in verschiedenen Lebenslagen und Lebensphasen durch entsprechende Modelle und Maßnahmen in den Planungsprozess integriert wurden. Konkret sind die gemeinnützigen Gebäude und Versorgungseinrichtungen in den Auslobungstexten in den offenen Architekturwettbewerben mit den Vorgaben der Anpassungsfähigkeit und Veränderbarkeit im Hinblick auf demografische Entwicklungen ausgeschrieben worden. So soll die Möglichkeit bestehen, die Gebäude zu erweitern, sie zu teilen oder durch kleine Eingriffe für andere Zwecke und Bewohnergruppen in SolarCity nutzbar zu machen. In SolarCity wurden Reserveflächen für zusätzliche gemeinnützige Gebäude eingeplant, die im Falle eines Ausbaus der Siedlungen bedürfnisgerecht geplant und ausgeschrieben werden können. Für die langfristige Entwicklung und Bindung der Bewohner/innen an das Quartier und den Stadtteil SolarCity gibt es finanzielle Anreize, beispielsweise durch das Mietkaufmodell, das Mieter/innen nach einem Zeitraum von zehn Jahren die Möglichkeit gibt, die gemietete Wohnung zu günstigen Konditionen zu erwerben (vgl. Weiss et. al. 2010c).[2]

Diese enge Verknüpfung zwischen den sozialplanerischen Vorgaben durch die Verwaltung, die Verzahnung des Sozialkonzepts mit Vorgaben zu energetischen und ökonomischen Kennwerten bis hin zu ihrer Umsetzung durch Wohnbaugenossenschaften im gemeinnützigen Wohnungsbau auf Gebäudeebene zeigt sich in vielen Beispielen österreichischer Stadtund Quartierentwicklungsprojekten. [3]

Das Planungsverständnis in der städtischen Siedlung Werdwies fokussiert auf die Förderung einer heterogenen Bewohnerstruktur und auf Nutzungsvielfalt mit einem städtebaulichen Gestaltungsanspruch. Dieser bezieht sich auf die gesamte Siedlung und bis auf die Wohnungsebene: Unterschiedliche Wohntypologien, durchgängige Barrierefreiheit aller Wege in die Siedlung, zu den Gebäuden und zu den Wohnungen sowie Nutzungsmischungen in allen Erdgeschossen orientieren sich konsequent an heterogenen Bedürfnislagen ihrer Bewohner/innen. In den Erdgeschossen aller sieben Punkthäuser gibt es keine privatisierten Bereiche, sondern ausschließlich gemeinschaftlich nutzbare und einsehbare Räume (Waschküchen, Trockenräume), einen Kindergarten, eine Krippe, einen Gemeinschaftsraum, mehrere Atelierarbeitsräume, drei Gewerberäume, ein Detaillist sowie ein Bistro. Nutzungsvielfalt zeigt sich hier in der Planung von Begegnungsräumen in den Erdgeschossen und im öffentlichen Raum sowie in der Mischung aus Wohnen, Arbeiten, Versorgung und sozialer Infrastruktur. Entsprechend den Bedürfnissen der Bewohner/innen im Quartier, vor allem Familien mit kleinen Kindern, werden die Krippe und der Kindergarten von Kin-dern aus dem gesamten Quartier besucht. Die Außenräume der Werdwies greifen den städtebaulichen Anspruch durch die Errichtung eines neuen Platzes im Zentrum der Siedlung und durch die Öffnung der Wege ins Quartier auf: Alle Wege durch die Siedlung sind barrierefrei und führen vorbei an ca. 100 neu gepflanzten Bäumen alter Baumsorten, die nicht nur an eine Parksituation erinnern sollen, sondern auch als natürliche Versickerungsflächen und damit als Maßnahme gegen Versiegelung dienen.

Das städtebauliche Konzept der Siedlung erfüllt hier sozialplanerische Funktionen: Zugänglichkeit und Teilhabe zugunsten heterogener Bedürfnislagen wird durch das städtebauliche Design umgesetzt. Diese Verknüpfung kann als

„Design für Alle“ im Verständnis eines sozial inklusiven Designs gesehen werden, welches Begegnungsmöglichkeiten und Teilhabe für alle Bewohner/innen in unterschiedlichen Lebenslagen zulässt (vgl. Weiss 2012: 99-103).

Die Forderung nach einer gemischten Sozialstruktur und ihrer städtebaulichen Umsetzung wurde im Rieselfeld durch unterschiedliche Rechtsformen (sozialer Mietwohnungsbau, Wohnungsund Hauseigentum) sowie durch die Vorgabe der Kleinparzellierung zugunsten von unterschiedlichen Bauherren aus Kleingenossenschaften, Baugruppen[4] und großen Bauträgern Rechnung getragen. Die Frage der Parzellengröße hat einen entscheidenden Einfluss darauf, für wen die Bauherrenschaft überhaupt infrage kommt. Je grösser die Parzelle ist, umso eher wird das Baugebiet für einen großen Bauträger interessant. Private Bauherren, Kleingenossenschaften und Baugruppen hingegen profitieren von kleinen Parzellen. Im Rieselfeld wurde die Kleinparzellierung in allen Blöcken ermöglicht, öffentliche Wohnbauträger haben die Verteilung über alle Blöcke hinweg in kleinen Parzellen und durch Blockrandbebauungen gelöst. Somit wurden eine Mischung aus Miete und Eigentum wie auch unterschiedliche Nutzungen der Gebäude in allen Blöcken durch mehrere Hundert Bauträger ermöglicht. Die Bauformen weisen gemäß dem Konzept der Kleinparzellierung unterschiedliche Typen auf: Zeilenhäuser, Blockbauten, Stadthäuser, Doppelhäuser und Reihenhäuser sind über alle Baufelder abwechslungsreich verteilt. Im Verständnis einer „Stadt der kurzen Wege“ ziehen sich Mobilitätsnetze vor allem für den Langsamverkehr (Velo-Wege, Streichund Schleichwege), den öffentlichen Verkehr und den motorisierten Individualverkehr durch den gesamten Stadtteil, welche an ihren Netzknoten Begegnungsorte für alle Bewohnergruppen bieten, beispielsweise Innenhöfe, die in allen Wohnblöcken öffentlich zugänglich sind und als Begegnungsorte dienen.

Durch die Kombination von unterschiedlichen Eigentumsund Mietverhältnissen und ihre städtebauliche Umsetzung (Blockbebauung und Kleinparzellierung) konnten individuelle Möglichkeiten der Gestaltung und Finanzierung in jedem einzelnen Wohnblock umgesetzt werden; Begegnung und sozialräumliche Aneignung wird somit über das städtebauliche Bebauungskonzept vorgegeben und gefördert (vgl. Drilling & Blumer 2009).

  • [1] Die Tabelle stellt eine verkürzte Darstellung der Planungsziele in den drei Siedlungen dar, die für den hier beschriebenen Zusammenhang des sozial nachhaltigen Bauens und Planens zusammengestellt wurde. Für detaillierte Informationen zu allen Siedlungen, den Leitthemen sozialer Nachhaltigkeit und ihren jeweiligen Umsetzungen vgl. den Synthesebericht der Studie Drilling & Weiss 2011 sowie Drilling & Weiss 2012
  • [2] Für detaillierte Informationen zum österreichischen Mietkaufmodell vgl. Landesregierung Oberösterreich 2012 sowie Bauen, Renovieren & Wohnen 2010
  • [3] Hier können beispielhaft die kooperativen Projekte und Prozessbegleitungen durch wohnbund:consult (wohnbund.at) genannt werden
  • [4] Die Baugruppe ist ein Zusammenschluss aus privaten Bauherren, die sich zu einer Gruppe zusammengetan haben, um an einem Standort Baugrund zu erwerben, den sie aufgrund seiner Größe oder seines Preises sonst nicht hätten erwerben können. Die Vorteile einer Baugruppe liegen in den Kostenersparnissen zum Erwerb der Grundstücke, in günstigen Krediten und Rabatten bei den Herstellern und im einmaligen Auftrag an einen Architekten für alle Mitglieder der Baugruppe. Zu weiteren Informationen und gesetzlichen Grundlagen zum Baugruppenmodell und zur Baugruppenarchitektur vgl. Initiatorengruppe Architektenkammer BadenWürttemberg 2004
 
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