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Chancen und Grenzen von Kooperationen zwischen Hochschule und Stadtbezirk

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Bettina Völter, Elke Herden und Heiko Tille

Ausgangslage

Hochschulen sind für Städte oder Stadtbezirke potenzielle Ressourcen: Sie produzieren Wissen in einer globalisierten Gesellschaft, in der Wissen als Basis und als strategische Variable von Wettbewerbsfähigkeit gilt (vgl. etwa Matthiesen 2004; 2011). Sie schaffen Arbeitsplätze, beschäftigen oder unterrichten potenzielle Konsument/innen und ggf. auch Mieter/innen. Sie repräsentieren – zumindest symbolisch – Bildungschancen und informieren – zumindest implizit – über Bildungszugänge und -möglichkeiten. Sie sind Ziel von Bildungswanderungen und verfügen über das Potenzial, zu Zentren regionaler Wissensproduktion zu werden (Ziegenbein 2007: 15). Hochschulen könn(t)en zudem auch ihr Potenzial in die Waagschale werfen, wenn Demokratiebewegungen und zivilgesellschaftliches Engagement vor Ort Unterstützung brauchen, wie es in den Kommunen aktuell z.B. im Zuge der Einrichtung von Unterkünften für Asylbewerber/innen der Fall ist.

Ulf Matthiesen bezeichnet in seinen Untersuchungen über Wissenschaftsstädte Bildung, Wissen und Forschen als Chance und Voraussetzung für eine „inklusive urbane Entwicklungsstrategie“ (2011: 27), als Schlüsselressourcen für eine zeitgemäße, nach außen konkurrenzfähige, nach innen nicht-exklusive Stadtentwicklung. Umgekehrt können für die Hochschule ein urbanes Umfeld, lokale Kultur und lokales Wissen auch interessante Potenziale darstellen (Matthiesen 2011: 10; HCU 2010). So können Akteure des Stadtbezirks beispielsweise Ideen zu aktuellen Themen im sozialen und professionellen Kontext der an der Hochschule gelehrten Disziplinen entwickeln. Sie können darüber hinaus Vernetzungen in die Praxis herstellen. Der Sozialraum eröffnet Gelegenheiten für Projekte, Exkursionen, Praxiskontakte, Lernorte und für sozialpolitisches und/oder gesellschaftliches Engagement. Kommunale Einrichtungen und freie Träger bieten Arbeitsplätze oder Praktikumsstellen, auf die Absolvent/innen und Studierende sich bewerben können.

Ein besonders lebendiges und innovatives Beispiel für eine „Lernende Stadt“, d.h. für die konzeptionelle Entwicklung und Umsetzung der Wissensproduktion und -vermittlung eines universitären Lehrbetriebs im Austausch mit einer konkreten urbanen Situation, stellt die „Universität der Nachbarschaften“ der HafenCity Universität Hamburg dar (vgl. udn.hcu-hamburg.de; HCU 2010).

Die Platzierung einer Hochschule im Stadtbezirk eröffnet insofern nicht nur Chancen für die Stadtentwicklung, sondern gleichermaßen Chancen für die akademische Bildungseinrichtung selbst, insbesondere dann, wenn sie eine bewusst interaktive und dynamische Beziehung zwischen Gesellschaft und Wissenschaft zulässt. Nowotny, Scott und Gibbons (2004) beschreiben in ihrer Publikation „Zeitalter der Ungewissheit“ diese neu gedachte, notwendigerweise innovative und kreative Wissenschaft als kontextualisiert und kontextsensitiv: Die Beziehungen zwischen Gesellschaft und Wissenschaft müssten bewusst interaktiv und dynamisch sowie in einem neu gedachten öffentlichen Raum gestaltet werden.

Übertragen auf die Kooperation zwischen Hochschule und Stadt(-bezirk) könnten diese Überlegungen bedeuten: Stadt(-bezirk) und Hochschule sind wechselseitig und füreinander Kontexte, d.h. auch: sie beeinflussende Bezugssysteme, die mehr oder weniger bewusst von den Akteuren wahrgenommen und genutzt werden können. Sie wirken nicht nur jeweils als ein Kontext für den jeweils anderen, sondern haben auch mit weiteren Kontexten, resp. sie beeinflussende Bezugssysteme umzugehen, wie etwa mit überregionaler Verwaltung, wissenschaftlichen Netzwerken, Konjunkturen der Wissenschaftspolitik, der kommunalen Finanzpolitik und/oder demografischen Entwicklungen. Durch eine bewusst gestaltete, allseitig kontextsensitive Kooperation kann ein öffentlicher Raum der gemeinsamen Bezüge, der innovativen Wissensproduktion und des Dialogs entstehen. Die Gestalter/innen dieses öffentlichen Raums können von sehr lokalen Gegebenheiten, Themen und lokalem Wissen ausgehen und gleichzeitig die überlokale und internationale Dimension mitdenken. Und umgekehrt können Erfahrungen aus dem nationalen oder internationalen Kontext in den lokalen Kontext als translokales Wissen übersetzt werden, etwa weil strukturell ähnliche Konstellationen vorliegen, die ähnliche Fragen aufwerfen (so z.B. der menschenrechtsorientierte Umgang mit Asyl, Migration und Fremdheit, mit Armut und sozialer Segregation, Fragen der Gesundheit, der Lebensqualität und des entwicklungsfördernden Aufwachsens, Fragen von Partizipation, Effektivität und Effizienz, Fragen der Reform von Verwaltungsstrukturen im sozialen Bereich, Fragen der Urbanität und der nachhaltigen Stadtentwicklung, Fragen der Wissenschaftsethik oder schlicht alle möglichen empirischen Fragen).

Die Entwicklung einer Kooperation zwischen Hochschule und Stadt ist aus all diesen Gründen förderlich, sie folgt jedoch keinem Automatismus. Denn es ist – unserer Erfahrung nach – aus strukturellen Gründen und Gründen der institutionellen, professionellen sowie der (hochschul-)politischen Rahmung und Zielorientierung und nicht zuletzt auch aus Gründen unterschiedlicher Lebensstile und Milieus von Nutzer/innen einer Hochschule und Bewohner/innen eines Stadtteils eine Herausforderung, diese Nachbarschaft in Form von Kooperationsbeziehungen „gut“ und produktiv für alle zu gestalten (vgl. auch Ziegenbein 2007: 14-16). Unterschiedlich gelagerte wechselseitige Erwartungen können darüber hinaus die Vertrauensbildung geradezu blockieren.

Wir entwickeln den folgenden Beitrag am Beispiel der Alice Salomon Hochschule (ASH Berlin), einer Hochschule für Soziale Arbeit, Gesundheit sowie Erziehung und Bildung im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf. 1998 wurde die damalige Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik[2] auf Beschluss des Berliner Senats an der nordöstlichen Stadtgrenze Berlins angesiedelt. Nach Jahren der „Eiszeit“ entwickelt sich seit 2008 eine bewusst gestaltete Kooperation zwischen Hochschule und Bezirk.

Ziel des Beitrags ist es, anschaulich zu machen, welch unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen, wenn Hochschule und Stadtbezirk zu kooperieren versuchen. Dazu erläutern wir im ersten Teil unseres Aufsatzes den stadtentwicklungsund hochschulpolitischen Kontext. Im zweiten Teil befassen wir uns mit den divergierenden wechselseitigen und zwischenzeitlich enttäuschten Erwartungen zwischen Hochschule und Bezirk. Im dritten Teil beschreiben wir die Erfahrungen mit der seit 2008 bewusster gestalteten Kooperation. Im vierten Teil diskutieren wir strukturelle Erkenntnisse unserer Kooperationsanalyse, um die Kooperationsbeziehungen reflexiv und bewusster gestaltbar werden zu lassen. Im fünften Teil schließlich geben wir einen Ausblick darauf, wie Räume des Wissenstransfers entstehen können.

Dieser Aufsatz wird aus drei Blickwinkeln geschrieben: aus der Sicht einer Mitarbeiterin der S.T.E.R.N. Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung, die von 2007 bis 2013 verantwortlich war für das „Quartiersmanagement Hellersdorfer Promenade“, in dessen Gebiet sich die Alice Salomon Hochschule befindet und zu dessen vorrangigen Aufgaben die Vernetzung der lokalen Ressourcen und Akteure zählt;[3] aus der Sicht eines Jugendamtsleiters und vorherigen Regio-nalleiters im Jugendamt, der die bezirklichen Erwartungen an die Kooperation mit der Hochschule beschreibt; und aus der Sicht einer Hochschullehrerin und Prorektorin für Forschung und Kooperationen der ASH, die seit 2007 als Vertreterin der Idee einer für die Zivilgesellschaft und ihre Anliegen offenen Hochschule Wege der Kooperation mit dem Stadtbezirk gesucht und mit angebahnt hat.

  • [1] Wir danken Holger Braun-Thürmann, Ingrid Breckner und Roswitha Breckner für hilfreiche Hinweise zum Manuskript dieses Aufsatzes sowie der Alice Salomon Hochschule (Abteilung Presse) für die bereitgestellten Fotos
  • [2] 2009 fand die Umbenennung der Alice-Salomon-Fachhochschule (ASFH) in „Alice Salomon“ Hochschule (ASH) statt
  • [3] Seit 1999 sind in Berlin Quartiersmanagements im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung in Kooperation mit den jeweiligen Bezirken in den „Gebieten mit besonderem Entwicklungsbedarf“ tätig. Finanziert durch das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ ist das erklärte Ziel eine Stabilisierung der Nachbarschaften durch soziale, kulturelle und bauliche Interventionen. Vorrangige Handlungsfelder sind u.a. die Verbesserung der Bildungsund Be- schäftigungssituation sowie soziale und ethnische Integration (vgl. quartiersma nagement-berlin.de)
 
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