Die Perspektive der Bewohner/innen und der Bezirksverwaltung

In der ersten Hälfte der 1990er-Jahre lebte noch ein überdurchschnittlich hoher Anteil an jungen Bewohner/innen mit Hochschulabschluss in der Großsiedlung. Diese Bevölkerungsgruppe hatte gerade ihre berufliche Karriere gestartet und bildete die Basis für die neue Parteienlandschaft und die neuen lokalen Verwaltungsstrukturen, die es nach der Wende aufzubauen galt. Für diese Bewohner/innen war die Ansiedlung der Hochschule im neuen Stadtteilzentrum eine sehr gute Nachricht.

Mit dieser Nachricht verband sich die Hoffnung, die prognostizierten negativen sozialen Veränderungen aufhalten und den bestehenden hohen sozialkulturellen und infrastrukturellen Standard im Bezirk langfristig halten und ausbauen zu können. Diese Erwartungen wurden allerdings beispielsweise in Fachabteilungen für Jugend und Familie, Soziales oder Gesundheit nicht weiter konkretisiert. Kontakte zur Hochschule wurden selten aktiv aufgenommen. Ein Hintergrund dafür war vermutlich auch, dass die in der Presse deutlich geäußerte Ablehnung des Standorts durch die Mitarbeiter/innenschaft und die Hochschullehrenden der ASH die vor Ort Engagierten enttäuscht hatte, verband man mit der Präsenz von Hochschulangehörigen im Quartier doch eher eine Imageaufwertung und eine differenziertere Wahrnehmung und Außendarstellung des Bezirks.

In der Bewohner/innenschaft, die als „Erstbezieher“ der Großsiedlung beschrieben wird, besteht bis heute ein hohes Maß an Identifikation mit dem Bezirk und an bürgerschaftlichem Engagement für „ihr“ Gemeinwesen. Sie ist auch stark in den Quartiersgremien vertreten. Diese engagierten Bewohner/innen folgen heute mit Interesse Einladungen an die Alice Salomon Hochschule, die von ihnen als renommierte Bildungseinrichtung wahrgenommen und geschätzt wird. Ein Teil von ihnen verbindet damit implizit und explizit die Erwartung, die Hochschule möge als karitative Einrichtung das Quartier bzw. den Bezirk bei seinen sozialpolitischen Aufgaben unterstützen.

Auch die lokale Wirtschaft, insbesondere die Handelseinrichtungen, begrüßte die Entscheidung, die ASH in Marzahn-Hellersdorf anzusiedeln. Dies versprach eine Erweiterung ihres Konsumentenkreises. Einen deutlichen Nutzen erwarteten auch die Wohnungsunternehmen, die sich mit Vermietungskampagnen an die studentische Zielgruppe wendete. Schon bald mussten die Hellersdorfer Unternehmen feststellen, dass die wirtschaftlichen Impulse, die von der Hochschule ausgingen, sehr begrenzt waren. Die Hochschulangehörigen nutzten in erster Linie die Verkaufseinrichtungen in der unmittelbaren Umgebung der Hochschule. Trotz des günstigen Mietniveaus in den Großsiedlungen entschlossen sich Studierende, Mitarbeiter der Verwaltung oder Lehrende nur in Einzelfällen zu einem Wohnortwechsel an den Stadtrand.

Der Versuch der Hochschule, die Reste von Westberliner Binnenkultur zu bewahren, und die Notwendigkeit, sich mit den vielfältigen Entwicklungen und Reformen zu beschäftigen, sowie die enttäuschten Erwartungen aufseiten der Akteure des Bezirks führten dazu, dass die erste Phase der Ansiedlung der ASH in Marzahn-Hellersdorf als Phase, der „Eiszeit“ in der Kommunikation zwischen Hochschule und Bezirk wahrgenommen wurde.

 
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