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4 Strukturelle Erkenntnisse der Kooperationsanalyse

Die Zusammenarbeit von Hochschule und Kommune ist ein aktuell vielfach propagiertes, allerdings gegenwärtig noch relativ wenig erforschtes Modell nachhaltiger Stadtentwicklung (vgl. Dehler 1991; Ziegenbein 2007; Matthiesen 2011). Bei der Umsetzung gilt es u.a. auch, sich mit den unterschiedlichen Lebensund Bezugswelten von Hochschule und Stadtbezirk auseinanderzusetzen, dabei die bisherigen Erfahrungen zu reflektieren, die gewonnenen Erkenntnisse ernst zu nehmen und für die Zusammenarbeit konstruktiv umzusetzen. Um strukturelle Schwierigkeiten herauszuarbeiten, kann man sich u.E. auf die Parameter der Unterscheidung unterschiedlicher Lebensweltorientierung (Thiersch 2005) stützen, zum Beispiel auf: den Raumbezug, die Zeitwahrnehmung, die institutionell verfolgten Ziele sowie auf praktizierte kulturelle Deutungsund Handlungsmuster.

Insbesondere aus den krisenhaft verlaufenden Projekten oder aus den für die Zusammenarbeit zwischen Kommune und Hochschule noch unbefriedigenden Differenzerfahrungen kann bisher gelernt werden,

§ dass man sich die unterschiedlichen relationalen, d.h. perspektivenabhängigen Bezüge zum Raum, sprich zum Quartier und seiner Umgebung, bewusst machen sollte, um Vorurteile abzubauen, Neugier zu wecken und einen Austausch über unterschiedliche Aufträge, Nutzungsmöglichkeiten und chancen herzustellen;

§ dass es unterschiedliche Konstruktionen von Zeit und eine unterschiedliche Rhythmisierung von Arbeitsund Lernzeiten gibt. So muss transparent sein, dass die Projekte der Hochschule vorwiegend in den Semesterzeiten organisiert werden können, in der Kooperation mit Schulen wiederum Ferienzeiten zu bedenken sind, Kohorten von Studierenden ihr Seminar oder Studium abschließen und deshalb nicht mehr zur Verfügung stehen, Bildungspolitik zu Schulschließungen und Wahlen zu Politikwechsel führen können und sich infolgedessen die längerfristig aufgebauten Kooperationsbeziehungen entsprechend transformieren müssen, wenn sie nicht zum Scheitern verurteilt sein sollen;

§ dass sich die Ziele oft stark unterscheiden: Während für Akteur/innen im Quartier die Entwicklung ihrer sozialen Projekte sowie der städtische Entwicklungsprozess insgesamt im Vordergrund stehen, sehen Hochschulangehörige optimalerweise die Freiheit von Forschung und Lehre als höchsten Auftrag. Studierende wiederum erleben eine verlängerte Jugendphase bzw. meist auch die alltägliche Notwendigkeit, die Aufgaben des Studiums, die Finanzierung des Lebensunterhalts sowie Verpflichtungen und Freuden von Familie und Freizeit zu bewältigen und zu leben. Sie fühlen sich deshalb zunächst wenig verpflichtet oder auch wenig in der Lage, sich im Quartier zusätzlich zu ihren regulären Seminarverpflichtungen zu engagieren. Hinzu kommen die Akademisierung der sozialen, pädagogischen und Gesundheitsberufe sowie die Angleichung der Leistungskriterien der Fachhochschulen an die der Universitäten. Dies beinhaltet eine Zielorientierung und ein Gratifikationssystem innerhalb der Hochschule, das in erster Linie auf zügiges und leistungsorientiertes Studium, auf Forschungsoutput, Drittmittelfinanzierung, Qualität der Lehre, Stärkung internationaler Beziehungen sowie Vernetzungen mit der (regionalen) Wirtschaft oder Nonprofit-Organisationen orientiert ist. Hier ist zu erkennen, dass die Eigenlogik und die Gesetze der Hochschulentwicklung dazu beitragen, dass Hochschulen für ihre unmittelbare städtische Umgebung zu bestimmten Zeiten wenig offen wirken können. Das Engagement im Stadtbezirk muss folglich entweder mit den dargestellten Anforderungen verbunden werden können oder hochschulpolitisch bewusst gewollt sein und dann entsprechend (z.B. per Anerkennung oder Anreiz) unterstützt werden. Eine Möglichkeit, gemeinsame Ziele zu finden, ist, dass die Kooperationsbeziehungen zu kommunalen Einrichtungen oder zu Projekten als so interessant, entwicklungsoffen, in der akademischen oder pädagogischen Profilbildung weiterführend oder als politisch so relevant betrachtet bzw. vermittelt werden, dass sie zu persönlichem Engagement motivieren;

§ dass sich internationales und lokales Engagement nicht ausschließen, sondern sich sogar befördern können und enormes Lernpotenzial in sich bergen, obwohl diese Erfahrung bislang noch wenig Niederschlag in den Curricula der grundständigen Studiengänge gefunden hat;

§ dass sich kulturelle Deutungsund Handlungsmuster unterscheiden: Hochschulseminare und -projekte zeichnet optimalerweise eine prozessorientierte, suchende, experimentelle, bewusst fragende und infrage stellende Grundhaltung aus. Diese wirkt auf lösungsund eher pragmatische orientierte Praxis und Praktiker/innen in der Kommune oft befremdlich, irritierend und ressourcenaufwändig.

§ Sich diese möglichen Reibungsflächen wechselseitig bewusst zu machen und darüber (selbst-)reflexive Wege der Verständigung zu finden, gehört zu den Grundaufgaben der Beziehungsgestaltung zwischen Hochschule und Stadtteil.

 
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