Herausforderungen

Recht auf Stadt. Über die Position Sozialer Arbeit im Konfliktfeld Stadtentwicklung

Florian Hohenstatt

Maßnahmen der Stadtentwicklung und die Umsetzung von Großprojekten werden in den letzten Jahren zunehmend von Protesten begleitet, Ordnungen des Städtischen erscheinen als Kristallisationspunkt für Auseinandersetzungen. Auf das Konfliktfeld „Stadt“ bezogene Mobilisierungen üben dabei eine starke Integrationskraft aus, die sich in breiten Netzwerken und Bündnissen ausdrückt. Vielfältige Zusammenschlüsse von sehr unterschiedlichen Gruppen erinnern an längst vergangene Zeiten mit einem hohen Mobilisierungpotential Sozialer Bewegungen.[1] Im deutschsprachigen Raum gilt das in Hamburg gegründete Netzwerk „Recht auf Stadt“ als Prototyp dieser Organisierungen, das schon kurz nach der Gründung eine erstaunliche Medienpräsenz und Breite aufweisen konnte. Durch Erfolge wie die Besetzung des Gängeviertels wurden diese zusätzlich unterstützt.[2] Inzwischen haben sich im deutschsprachigen Raum in vielen Städten ähnliche Netzwerke und Arbeitsgruppen gegründet und die anfängliche Euphorie ist dem Bewußtsein gewichen, dass der Kampf um das Recht auf Stadt eine langfristige Aufgabe ist, in der sich auch die Netzwerke und die Initiativen selbst verändern. Das Hamburger Netzwerk ist zu einem Akteur in den Auseinandersetzungen um Stadtentwicklung in der Hansestadt geworden, was auch die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der eigenen Struktur nötig macht (vgl. Vrenegor 2012). Doch immer noch nimmt das Netzwerk wie viele andere die 1968 durch den französischen Soziologen Henri Lefebvre erstmals verwendete Parole „Recht auf Stadt“ zum Ausgangspunkt, um gesellschaftliche Kon- flikte zu thematisieren (vgl. Mayer 2011; Holm/Gebhardt 2011). Ich werde auf Mobilisierungen eingehen, die mit diesem Thema verbunden sind und nach ihrer Breite und Diversität fragen. Trotz der Bandbreite dessen, was unter diesem Begriff gefasst wird, thematisieren die Kämpfe grundlegende Konflikte um Teilhabe. Sie weisen dabei weit über die im Rahmen von offiziellen Partizipationsverfahren angebotene Beteiligung hinaus.

Dadurch, dass sich aus dem Konzept weitreichende Ansprüche an die Bewegungen selbst ableiten lassen, besteht die Notwendigkeit, die eigene Position in den Auseinandersetzungen zu definieren. Während im bundesdeutschen Zusammenhang im Kontrast zu Bewegungen in den USA und im globalen Süden vor allem eine erweiterte aktivistische Mittelschicht mobilisiert werden konnte, bleibt das Recht auf die Stadt in der Theorie vor allem auf diejenigen ausgerichtet, denen es systematisch vorenthalten wird. Nutzer_innen Sozialer Arbeit sind nur in seltenen Fällen Teil der „Recht-auf-Stadt“-Netzwerke und Initiativen (vgl. Füllner und Templin 2011). Diese Spannung zwischen theoretischem Anspruch und Realität hat Auswirkungen für Wissenschaftler_innen, Aktivist_innen und auch für die Soziale Arbeit, wenn sie ihr Verhältnis zur Stadtentwicklung unter der Perspektive eines „Rechts auf Stadt“ analysieren will.

Die Geschichte der Initiativen ist auch eine Geschichte der Auseinandersetzung mit der Frage der Repräsentation und der Versuche, den eigenen Radius zu erweitern. In Hamburg betrafen die Versuche (unter der Beteiligung von Institutionen Sozialer Arbeit) den Widerstand gegen den Abriss der Esso Hochhäuser in St. Pauli, die Mobilisierungen gegen die Vernachlässigung einer Großwohnsiedlung in Hamburg Wilhelmsburg sowie der Unterstützung von Sexarbeiter_innen, deren Tätigkeit im Stadtteil St. Georg kriminalisiert wurde (vgl. Hohenstatt/Habermann 2013; initiative-esso-haeuser.de/; recht aufstrasse.blogsport.de/)

  • [1] Slogans wie „Die Stadt ist unsere Fabrik“ (Schäfer 2010) thematisieren dabei auch die Verbindung zu Arbeitskämpfen. In diesem Zusammenhang mehren sich die Deutungen, die die städtischen Mobilisierungen mit einer Veränderung von Arbeit und den dazugehörigen Kämpfen zusammen bringen (vgl. Birke 2011a; Neumann 2011;Harvey 2013)
  • [2] Im August 2009 wurden in der Hamburger Innenstadt zwölf leer stehende Häuser besetzt. Diese als „künstlerisch“ wahrgenommene Besetzung wurde im Gegensatz zu früheren Besetzungen von der Stadt Hamburg geduldet. Nach einem Rückkauf der Häuser von einem potenziellen Investor führen die Besetzer_innen bis heute Verhandlungen über die Konditionen der Nutzung (ausführlicher zum Gängeviertel vgl. Birke 2010;Gängeviertel e.V. 2012; zum aktuellen Stand vgl. das-gaengeviertel.info/)
 
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