Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Sozialwissenschaften arrow Soziale Arbeit und Stadtentwicklung
< Zurück   INHALT   Weiter >

Das Ende der „Bürgerkommune“ oder ein Recht auf Stadt

Martin Becker

1 Ausgangslage

Für die letzten beiden Jahrzehnte ist eine verstärkte Umstrukturierung globaler, nationaler und regionaler Wirtschaftsgefüge feststellbar. Im Zuge der Lockerung von Handelsschranken konnten weltweite Produkt-, Dienstleistungs-, Finanzund Unternehmensmärkte entstehen. Diese ermöglichten Verlagerungen von Produktionsstätten sowie die Zentralisierung von Unternehmensfunktionen; sie förderten eine internationale oder globale Arbeitsteilung und führten zu einem verschärften globalen Wettbewerb zwischen Nationalstaaten, Regionen und Kommunen. Diese Umstrukturierungen sind für manche Regionen mit dem Risiko des Verlusts von Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen sowie hohen Kosten für Umwelt, Boden, Arbeit und soziale Sicherung verbunden.

Durch einen verschärften interkommunalen Wettbewerb um Standortfaktoren, Investitionen, Fachkräfte und Fördermittel entsteht zunehmender Druck zur Deregulierung. Gleichzeitig wird der politische Einfluss von Kommunen eingeschränkt, weil diese unter Wettbewerbsbedingungen weniger Restriktionsmöglichkeiten durchsetzen können. So kommt es zur Veränderung von Selbstverständnis und Bedeutung lokaler (Kommunal)-Politik. Dies geht einher mit einer zunehmenden Ökonomisierung kommunaler Stadtpolitik („Public-PrivatePartnerships“/“Outsourcing“), der Ausrichtung von Stadtverwaltungen auf unternehmerische Führung („Neue Steuerungsmodelle“) und verstärkten Marketingstrategien („Citymanager“) der Kommunen. Dabei mutieren BürgerInnen aus wettbewerbsorientierter Perspektive zu reinen KundInnen von Produkten und Dienstleistungen (Becker 2014: 61ff.).

BürgerInnen genießen im Rahmen der kommunalen Selbstverwaltung jedoch Bürgerrechte und nicht nur Kundenrechte. Mit Bürgerrechten sind Aufenthalts-, Beteiligungsund (Mit-)Entscheidungsrechte verbunden.

Gleichzeitig stellt sich die Frage nach dem Erhalt bürgerlicher Selbstverwaltung der Stadt, also nach dem Ausbalancieren der Machtpotenziale zwischen Markt, Staat und Zivilgesellschaft.

2 Stadtentwicklung und Charakteristika städtischen Lebens

Die städtische Lebensweise hat sich zur dominanten Lebensart moderner Gesellschaften entwickelt. Ihre wesentlichen sozialen Merkmale sind die individuelle Lebensführung, eine Vielfalt von Lebensstilen auf engem Raum, distanzierte zweckbestimmte Beziehungen zwischen den Menschen und die Trennung von Privatsphäre und öffentlichem Bereich (Bahrdt 1961; Friedrichs 1977, 1988, 1995).

Aufenthaltsund Teilhaberechte sowie Beteiligungschancen am wirtschaftlichen Leben in Form von Einkommen durch Arbeit oder Transferleistungen (wie Krankengeld, Rente, Arbeitslosengeld, Sozialhilfe etc.) können als politische und ökonomische Voraussetzungen für Beziehungen und Interaktionen zivilisierten Zusammenlebens in modernen Gesellschaften bezeichnet werden (Becker 2008). Als moderne Gesellschaften sind demnach Gegenwartsgesellschaften zu bezeichnen, „die politisch konkurrenzdemokratisch und ökonomisch marktwirtschaftlich organisiert sind und denen es gelungen ist, gesellschaftlichen Massenkonsum und Wohlfahrtsstaatlichkeit zu etablieren“ (Ettrich 2002: 3). Institutionen wie demokratische Partizipationsrechte, die allgemeine Schulpflicht, eine politisch organisierte Arbeitnehmerschaft, die sozialstaatliche Absicherung von Risiken des Lebens wie Arbeitslosigkeit, Krankheit und Alter sowie die Professionalisierung von Polizei und Justizwesen, die ihren Ausgang in den Städten nahmen, sorgten für Interessensund Konfliktausgleich sowie für die Sicherstellung der Voraussetzungen urbaner Lebensart für die breite Bevölkerung. So konnten die aus traditionalen Bindungen freigesetzten Individuen in eine Zivilgesellschaft eingebunden werden.

 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften