Sozialraumanalyse: Meidlinger Hauptstraße, Wien 12

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Als Beispiel für eine Sozialraumanalyse, welche als Grundlage für die Planung einer Neugestaltung diente, wird die Sozialraumanalyse der Meidlinger Hauptstraße im 12. Wiener Gemeindebezirk herangezogen.

2.1 Entstehungsgeschichte

Die „Meidlinger Hauptstraße“ ist eine als Fußgängerzone gestaltete Einkaufsstraße, die etwas über 800 Meter lang ist. Im Vorfeld der Neugestaltung sollten die Bedürfnisse und Interessen aktueller und potenzieller NutzerInnen erhoben werden und in die Planung einfließen. Als Konsequenz aus dem neu verfassten Wiener Leitbild für den öffentlichen Raum wurde 2009 eine erste modellhafte Sozialraumanalyse beauftragt. Neben der Erstellung der Sozialraumanalyse wurde ein Leitfaden für zukünftige Sozialraumanalysen erarbeitet. [1] Beauftragt von der Stadt Wien wurde ein Landschaftsplanungsbüro und das Forschungsinstitut der Fachhochschule „FH Campus Wien“, das Kompetenzzentrum für Soziale Arbeit.

2.2 Ablauf

Der Untersuchungsraum bezog sich nicht nur auf die Einkaufsstraße, sondern auch auf das umliegende Gebiet in einem Einzugsbereich von circa zehn Minuten Fußweg. In zwei ersten parallel verlaufenden Untersuchungsschritten wurden einerseits vorhandene Daten zum Untersuchungsgebiet analysiert,[2] andererseits fand in Anlehnung an Krisch (2009, S. 97ff.) eine Auseinandersetzung mit dem Raum mittels strukturierter Stadtteilbegehungen statt. Bei den Stadtteilbegehungen wurden physisch-räumliche Qualitäten, derzeitige Nutzungsgruppen und Nutzungsarten erhoben. Die Analyse von Daten, u.a. raumbezogene demografische Daten, ermöglichte es, auch potenzielle Nutzungsgruppen zu definieren, also Gruppen, die bei den Stadtteilbegehungen nicht sichtbar waren, bzw. demografische Entwicklungen zu antizipieren, z.B. den Zuwachs von Altersgruppen.

In den Blick wurden dabei (potenzielle) Anspruchsgruppen genommen – im Fall dieser eher lokal bedeutenden Einkaufsstraße v.a. auch die umliegende Wohnbevölkerung. In interdisziplinären Interpretationsund Deutungsphasen, wurden unter Einbindung der AuftraggeberInnen aktuelle und potenzielle NutzerInnengruppen identifiziert.[3] In den weiteren Erhebungsschritten fand eine Auseinandersetzung mit den Interessen der jeweiligen NutzerInnengruppen sowie bestehenden Interessenskonflikten statt, einerseits mittels ExpertInnenGesprächen (vgl. Flick 2004, S. 139ff. sowie die Institutionenbefragung bei Krisch 2009, S. 149ff.), andererseits mittels zielgruppenspezifischer Erhebungsmethoden wie u.a. aufsuchende ortsbezogene Gespräche, begleitete Stadtteilbegehungen, lebensweltliche Gruppengespräche, subjektive Landkarten.[4]

2.3 Verwertung der Ergebnisse

Eine wesentliche Erkenntnis aus der Sozialraumanalyse war, dass sich Menschen aus den unterschiedlichsten Milieus, insbesondere die Wohnbevölkerung, mit der Einkaufsstraße identifizieren können, sie als „ihre Straße“ bezeichnen. Um die-sen Integrationscharakter der Straße erhalten zu können, wurde empfohlen, das

„kleinstädtische Flair“ bei der Gestaltung zu berücksichtigen.

Die demografische Entwicklung und die sozialräumlichen Gegebenheiten zeigen aber auch, dass die Zunahme von einzelnen Bevölkerungsgruppen (z.B. der Kinder und Jugendlichen) diese Integrationsleistung vor neue Herausforderungen stellt und bei der Planung und Gestaltung des Raums berücksichtigt werden sollte.

Die Ergebnisse der Sozialraumanalyse wurden textlich und bildlich dargestellt und aufbereitet, wobei die grafische Darstellung knapp und übersichtlich gestaltet wurde, um in einen folgenden Realisierungswettbewerb einfließen zu können. Bei diesem Wettbewerb waren Planungsbüros eingeladen, Planungsprojekte einzureichen, die sich u.a. an den Ergebnissen der Sozialraumanalyse orientieren sollten. Die eingereichten Projekte wurden anschließend in einer Jury bewertet. Das Siegerprojekt, das laut Jury-Bewertung die Ergebnisse der Sozialraumanalyse besonders gut eingebunden hatte, wurde der Öffentlichkeit vorgestellt, die Realisierung des Projekts wurde 2014 gestartet.[5]

  • [1] Werkstattbericht Nr. 110 der Stadtentwicklung Wien 2010
  • [2] Verwendet wurden aggregierte soziodemografische Daten, teilweise verräumlicht abgebildet, u.a. über Alter, Bildung, Geschlecht und sozioethnische Herkunft
  • [3] Fachpersonen unterschiedlicher Disziplinen interpretierten gemeinsam die Ergebnisse. Auf der Grundlage des gemeinsamen Diskussionsprozesses wurden die Gruppen ausgewählt, über die entweder wenig Wissen vorhanden war oder die (z.B. aufgrund einer Benachteiligung) einen besonderen Anspruch auf den Raum hatten
  • [4] Angelehnt an qualitative sozialräumliche Erhebungsmethoden, u.a. mit biografischen Zugängen. Vgl. hierzu insbesondere den Werkstattbericht Nr. 110 der Stadtentwicklung Wien 2010 sowie Krisch 2009, S. 88ff. und 97ff.; Riege/Schubert 2002, S. 25ff.; Downs/Stea 1982; Gould/White 1974, S.28ff.; Flick 2004, S. 146ff. u. S. 170
  • [5] Vgl. wien.gv.at/stadtentwicklung/architektur/oeffentlicher-raum/strassen-plaetze/fu zo-meidlingerhauptstrasse.html
 
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