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ModularCity: Sozial nachhaltige Entwicklung von Arealen, Siedlungen und Quartieren

Tanja Klöti, Carlo Fabian und Hans-Jörg Stark

1 Städte und Gemeinden sozial nachhaltig planen und entwickeln

Siedlungsentwicklungen in Gemeinden und Städten sind in aller Regel durch technische Aspekte wie die maximale Gebäudehöhe, die erlaubte Ausnutzungsziffer, die Einhaltung ökologischer Standards oder den Anschluss eines Neubaugebietes an das Verkehrsnetz geprägt. Diese Fokussierung will zu einer minimal koordinierten und umwealtverträglichen Entwicklung des besiedelten Raums auf verschiedenen räumlichen Ebenen beitragen. Eng damit verknüpft sind betriebswirtschaftliche Kennzahlen, wie beispielsweise der Return Of Investment oder die Ressourceneffizienz. Diese technischen und ökologischen wie auch ökonomischen Aspekte erlangen besonders in der Planungsphase der Problembeschreibung grosse Relevanz und prägen die Entscheidung, was, wo und wie gebaut werden soll, massgeblich mit. Häufig tauchen in dieser Phase des Planungsprozesses aber auch soziale Fragen auf, wie bspw. welche soziale Infrastruktur notwendig ist oder wie soziale Spannungen in Nachbarschaften verringert werden können. Besonders im Kontext beschränkter Ressourcen und verdichtetem Bauens treten soziale Herausforderungen wie soziale Inklusion und gleichberechtigter Zugang zu relevanten sozialen Gütern immer stärker in den Vordergrund (vgl. Drilling/Weiss 2012).

Im Zuge der Programmatik einer nachhaltigen Siedlungsund Raumentwicklung hat das Bewusstsein für die Bedeutung sozialer Faktoren für eine hohe Wohnund Lebensqualität sowie als relevanter Standortfaktor im internationalen Städtewettbewerb in vielen europäischen Ländern zugenommen[1]. Vermehrt wird die Berücksichtigung sozialer Fragestellungen im Planungsprozess thematisiert sei dies nun von der Bevölkerung (z.B. mit der Forderung nach bezahlbarem Wohnraum[2] oder dem Protest gegen Verdrängungsprozesse im Stadtgebiet) oder von Seiten der Politik und Verwaltung (z.B. mit dem Ansinnen, durch soziale Durchmischung in Quartieren die Integration benachteiligter Bevölkerungsgruppen zu fördern) (vgl. für die Schweiz: Schulte-Haller 2011). Dieser Trend zeigt sich seit den 1990er Jahren mit dem Einsetzen der Agenda 21 Prozesse in den ersten „sozial nachhaltig“ betitelten Planungsprojekten (z.B. Freiburg Rieselfeld oder Solarcity Linz) sowie europaweit auch an den mit Staatsgeldern ausreichend unterstützen Programmen wie „Programm Projets urbains Gesellschaftliche Integration in Wohngebieten“ in der Schweiz[3], „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – Soziale Stadt“ in Deutschland[4], „Politique de la Ville“ in Frankreich[5] oder „New Deal for Communities“ in Grossbritannien[6]. Partizipation und soziale Nachhaltigkeit sind in diesem Zusammenhang die wichtigsten Schlagworte.

Für die Berücksichtigung sog. sozialer Faktoren in räumliche Planungsprozesse braucht es Informationen, welchen den sozialen Kontext von geplanten Bauprojekten sowie zukünftige Bedürfnisse und Ansprüche der Nutzenden beschreiben. Die routinemässige Integration solche Informationen in den Planungsprozess stellt aus folgenden Gründen eine Herausforderung dar (Stark et al. 2013, 2):

§ Die Möglichkeiten zur Berücksichtigung sozialer Faktoren im Planungsprozess sind vielen Fachleuten nicht bekannt (z.B. Erhebungsund Analysemethoden).

§ Soziale Faktoren sind multidimensional, d.h. eine Variable wie bspw. Raumnutzung ist häufig zusammengesetzt aus objektiven und subjektiven Dimensionen und referiert auf unterschiedliche gesellschaftliche Bezüge (z.B. Gesetzgebung, normative Vorstellungen, historische Entwicklung, politisches Umfeld, materielle Bedingungen, etc.).

§ Soziale Faktoren sind häufig nur in aufwendigen Verfahren zugänglich (z.B. Bevölkerungsbefragung, situative Beobachtung, etc.).

§ Soziale Faktoren bedeuten für verschiedene Anspruchsgruppen häufig Unterschiedliches

In den letzten Jahrzehnten haben sich unterschiedliche Ansätze in der Raumplanung herausgebildet, die allesamt versuchen, dem Anspruch einer sozial nachhaltigen Raumentwicklung gerecht zu werden. Vereinfacht können diese in zwei Ansatzgruppen zusammengefasst werden:

§ Kooperative Ansätze: Aus einem eher expertokratischen Verständnis von räumlicher Planung und Entwicklung heraus wird versucht, unterschiedliche und somit auch der Planung "fremde" Wissensund Wertbestände gleichermassen im Planungsprozess zu berücksichtigen. Es kann sich dabei bspw. um die ressortübergreifende Zusammenarbeit in der Verwaltung oder um die Kooperation mit privaten Unternehmen und Organisationen handeln (vgl. Dangschat 2004; Jakubowski 2005), die ihre spezifische Expertise in den Planungsprozess einbringen können. Dieser Ansatz lässt sich auf die kommunikative Wende in der Planung der 1990er Jahren zurückführen (vgl. Healey 1992) und wird heute häufig mit dem Terminus der integrierten oder kooperativen Planung und Entwicklung beschrieben.

§ Partizipative Ansätze: Demgegenüber lassen sich Ansätze ausmachen, die sozial nachhaltige Planung und Entwicklung in erster Linie über den Miteinbezug der Bevölkerung bzw. unter Beachtung, dass namentlich benachteiligte Bevölkerungsgruppen ebenfalls einbezogen werden, zu realisieren versuchen und dabei besonderen Fokus auf eine Umverteilung der Einflusschancen legen. Diesem eher emanzipatorischen Verständnis räumlicher Planung und Entwicklung zuzuordnen sind bspw. die partizipative Quartierund Gemeinwesenarbeit (vgl. Alisch 2002) oder rechtliche wie politische Bestrebungen für eine Demokratisierung der Planungsprozesse (vgl. Arnstein 1969; Lüttringhaus 2000).

Die bisherigen Erfahrungen mit kooperativen wie partizipativen Planungsprozessen zeigen, dass deren Ergebnisse aufgrund verschiedenster Faktoren kritisch zu betrachten sind. Während bei partizipativen Planungsprozessen häufig die selektive Beteiligung bestimmter sozialer Gruppen sowie die teilweise starke Orientierung an Partikularinteressen beanstandet wird, mangelt es kooperativen Planungsprozessen häufig an einer ausreichenden Berücksichtigung lebensweltli-cher Bezüge insbesondere von schwach vertretenen Bevölkerungsgruppen (vgl. Klöti/Drilling/Rhim/Kaiser 2014; Selle 2013). Als Ergänzung zu den gängigen Verfahren, die im Rahmen von kooperativen und partizipativen Planungsprozessen Anwendung finden (z.B. Planning for Real, Errichtung von interdisziplinären Planungsgremien, interdepartementale Zusammenarbeit, Runde Tische, etc.), können virtuelle Analysen des sozialräumlichen Kontextes die Absicht, Planungsaufgaben integriert zu betrachten und soziale Fragen in Planungsprozessen systematisch zu bearbeiten, unterstützen. Sie geben ein fundiertes Abbild struktureller wie handlungsbezogener Aspekte wider und bieten eine informierte Diskussionsgrundlage für alle Beteiligten. Darüber hinaus ergänzen sie die vor allem sprachlich orientierten Austauschprozesse mit Visualisierungen sozialer Sachverhalte und machen dadurch Phänomene sichtbar, die üblicherweise nicht mit dem Auge wahrnehmbar sowie sprachlich schwierig vermittelbar sind. Dies führt dazu, dass soziale Herausforderungen mehr Transparenz und somit Gewicht im Planungsprozess erhalten und soziale Auswirkungen von Bauprojekten auch von nicht Planungsexperten verstanden und diskutiert werden können.

  • [1] Vgl. für die unterschiedlichen europäischen Länder beispielhaft:Schweiz: Nationales Forschungsprogramm NFP 54: „Nachhaltige Siedlungsund Infrastrukturentwicklung“. nfp54.ch/d.cfm (Zugriff am 28.10.14); Modellvorhaben Nachhaltige Raumentwicklung. are.admin.ch/themen/raumplanung/modellvorhaben/index. html?lang=de (Zugriff am 28.10.14). Deutschland: Nationalbericht der Bundesrepublik Deutschland: „Auf dem Weg zu einer nachhaltigen Siedlungsentwicklung“ (2001). Frankreich: Commissariat général au développement durable: " Stratégie nationale de développement durable 2003-2008 " (2003). Österreich: Österreichische Raumordnungskonferenz ÖROK: „ÖROK-Empfehlung zur Siedlungsentwicklung“ (2001). Schweden: Swedish International Centre for Democracy et al.: "Developing Sustainable Cities in Sweden" (2011)
  • [2] Vgl. für die Schweiz: Bern: „Initiative für bezahlbare Wohnungen“. wohnenfuer alle.ch/ (Zugriff am 28.10.2014). Basel: „Initiative Wohnen für alle“. jusobs.ch/initiative (Zugriff am 28.10.2014). Zürich: „Bezahlbar wohnen im Kanton Zürich!“. bezahlbar-wohnen.ch/ (Zugriff am 28.10.2014). Genf: " Bureau et logements de luxe ça suffit! Construisons des logements locatifs et bon marché ". asloca.ch/ geneve-signez-les-2-initiatives-de-lasloca-gen%C3%A8ve-0 (Zugriff am 28.10.14)
  • [3] Vgl. are.admin.ch/projetsurbains
  • [4] Vgl. staedtebaufoerderung.info/StBauF/DE/Programm/SozialeStadt/soziale_stadt_ node.html
  • [5] Vgl. ville.gouv.fr/
  • [6] Vgl. (Department for Communities and Local Government 2010)
 
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