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Einleitung

Teresa Nentwig/Christian Werwath

„Was fällt den Deutschen zum Stichwort ‚Niedersachsen' ein?“ Mit diesem Satz begann am 18. Oktober 1980 ein Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der Autor, der hannoversche Korrespondent Wolfgang Tersteegen, berichtete damals über eine Umfrage, laut der die Deutschen mit Niedersachsen in erster Linie die Lüneburger Heide, den Ministerpräsidenten Ernst Albrecht und Gorleben verbinden. „Schöne Landschaft, schlechtes Wetter, viel Ackerbau“ waren „andere häufige Kennzeichnungen“. Außerdem wurden Hannover als Landeshauptstadt und die Hannover-Messe genannt, aber auch die Zonengrenze und Arbeitslosigkeit.1

Heute, gut 35 Jahre später, sind einige Assoziationen nicht mehr aktuell: Niedersachsen

– das Land, welches 548 Kilometer und damit 45 Prozent der gesamten Zonengrenze besaß2 – grenzt heute an vier der fünf 1990 neu geschaffenen Bundesländer; der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht, der 1980 gerade einmal vier Jahre an der Macht war und noch bis 1990 amtieren sollte, ist inzwischen verstorben; bei der Arbeitslosenquote, die in Niedersachsen schon vor Beginn der Strukturkrise in den 1970er Jahren höher als im Bundesdurchschnitt war3 und 1980 mit 4,7 Prozent 22 Prozent über dem Bundesniveau lag4, sieht es heute besser aus: Im Dezember 2014 befand sich Niedersachsen auf Platz fünf der Bundesländer mit der geringsten Arbeitslosenquote; mit 6,2 Prozent lag sie 0,2 Prozentpunkte unter dem Bundesdurchschnitt5, ja: im Dezember 2014 erreichte die Arbeitslosigkeit in Niedersachsen ihren niedrigsten Stand seit Dezember 19916.

Andere Begriffe, die im Jahr 1980 mit Niedersachsen in Verbindung gebracht wurden, sind hingegen immer noch aktuell, etwa „Gorleben“7. Zwar sind es heute nicht mehr so viele Menschen wie früher, die das Thema radioaktiver Abfall auf die Straße treibt – allein am 31. März 1979 demonstrierten in Hannover rund 100.000 Menschen gegen die in Gorleben geplante Entsorgungsund Wiederaufbereitungsanlage8 –; doch solange der Salzstock Gorleben als Standort für ein mögliches Atommüllendlager in der Diskussion bleibt9, werden die in der Anti-AKW-Bewegung Engagierten in ihren Protesten nicht nachlassen, werden sich auch in Zukunft jeden Sonntag Bürger10 zum atomkritischen „Gorlebener Gebet“ treffen11 – und werden die Begriffe „Gorleben“ und „Anti-Atomkraft-Bewegung“ auch weiterhin mit Niedersachsen verbunden. Ebenso dürfte Niedersachsen gegenwärtig noch immer mit „schöner Landschaft“ assoziiert werden, wenn man die Deutschen fragen würde, was ihnen zum Stichwort „Niedersachsen“ einfällt: Niedersachsen, nach Bayern das flächenmäßig zweitgrößte Bundesland in Deutschland, besitzt mit der Nordseeküste und den ostfriesischen Inseln, der Lüneburger Heide, dem Weserbergland und dem Harz vielfältige Regionen, die es zu einem belieben Touristenziel machen.

Heutzutage dürfte Niedersachsen außerhalb der Landesgrenzen darüber hinaus weitere Assoziationen wecken. So ist zu vermuten, dass die Einwohner anderer Bundesländer an

„VW“ denken, wenn sie gebeten würden, Dinge zu nennen, die ihnen zum Stichwort „Nie-

dersachsen“ einfallen – die Volkswagen AG, die im Jahr 2014 so viele Autos verkauft hat wie noch nie12, hat in Wolfsburg, der fünftgrößten Stadt Niedersachsens, ihre Zentrale und führt seit langem die Liste der hundert umsatzstärksten Unternehmen in Niedersachsen an13.

Und schließlich ist anzunehmen, dass das Bundesland Niedersachsen gegenwärtig nicht nur, wie im Jahr 1980, mit „viel Ackerbau“, sondern vor allem mit intensiver Landwirtschaft in Verbindung gebracht wird. Jedes dritte Schwein in Deutschland kommt aus Niedersachsen, auch jede zweite Pute und jedes zweite Masthähnchen – größtenteils dank Massentierhaltung, denn Niedersachsen verfügt lediglich über 15 Prozent der bundesdeutschen Ackerflächen und zudem über den niedrigsten Ökolandbau-Anteil aller Bundesländer.14 Doch aufgrund von Futtermittelskandalen, hohem Antibiotikaeinsatz in der Tiermast, schweren Missständen auf Schlachthöfen und äußerst fragwürdigen Arbeitsbedingungen für osteuropäische Beschäftigte in der Fleischindustrie steht die niedersächsische Landwirtschaft regelmäßig bundesweit in den Schlagzeilen, etwa im Dezember 2014, als die Zeit unter dem Titel „Die Schlachtordnung“ auf drei Seiten über die Region zwischen dem niedersächsischen Oldenburg und dem nordrhein-westfälischen Rheda-Wiedenbrück berichtete: Unter dem Motto „immer schneller, immer billiger, immer schmutziger“ müsse in dieser „idyllischen Gegend“ eine „Geisterarmee aus Osteuropa“ unter den widrigsten Bedingungen schlachten, so der erschreckende Tenor.15

 
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