Ein Land – viele Regionen?

Landesbewusstsein, Landesintegration und Regionalkultur in Niedersachsen

Dietmar von Reeken

Landesbewusstsein – ein sinnvolles Forschungsfeld?

Politische Partizipation in einer Demokratie ist auf ein Mindestmaß an Identifikation angewiesen – Bürger in einem politischen Gemeinwesen müssen dieses Gemeinwesen bejahen, damit es funktioniert. Dies wird auch immer wieder öffentlich diskutiert: so etwa, wenn Wahlbeteiligungen auf kommunaler Ebene sinken, oder wenn repräsentative Umfragen zu zeigen scheinen, dass Entscheidungsprozesse und ihre Ergebnisse in Europa von großen Teilen der Bevölkerung massiv kritisiert oder infrage gestellt werden. In einem föderalistisch organisierten Staat gilt dies auch für die Ebene der Länder: Auch hier sollte man davon ausgehen, dass die Einwohner eines Landes die Existenz dieses Landes bejahen, damit das Verhältnis zwischen Land und Bürgern funktioniert und letztere zur Wahl gehen, Steuern zahlen und politische Entscheidungen akzeptieren. Insbesondere die jeweiligen Eliten eines Landes haben ein besonderes Interesse an dieser Bejahung, weil die Legitimation ihres Elitenstatus und ihrer Entscheidungen hiervon in hohem Maße abzuhängen scheinen – sie bemühen sich daher auch in ihrer politischen Praxis, diese Bejahung aktiv zu fördern. Wie stark allerdings eine solche Bejahung sein muss und ob und ggf. wie sie sich im Alltag, jenseits von exzeptionellen Situationen wie Wahlen, ausdrückt, erscheint unklar und soll am Ende dieses Beitrags noch einmal diskutiert werden.

Wodurch aber entsteht überhaupt eine solche „Bejahung“, ein tragfähiges Verhältnis zwischen einem Land und seinen Bewohnern? Klar ist, dass Räume – und nichts anderes ist ein Land – über eine eigene Prägung verfügen, manche sprechen hier auch von „räumlicher Identität“.1 Sie wird beeinflusst durch unterschiedliche Faktoren: natürliche Ausstattung, Bevölkerungszusammensetzung, wirtschaftliche Schwerpunkte usw. bis hin zur politischen Kultur und einer spezifischen Geschichte. Handelt es sich hierbei um gleichsam „objektive Faktoren“, die einen Raum bestimmen, so betont die Raumforschung der letzten Jahre vor allem den konstruktiven Charakter von Räumen – Räume entstehen erst durch die Wahrnehmung von Menschen, durch Bedeutungszuschreibungen, durch Aneignungen, durch Diskurse. Hierbei werden Räume durch ganz unterschiedliche Faktoren konstituiert: durch Wissen über den Raum, durch Interessen, durch soziale Beziehungen, durch Organisationen, die für den Raum wichtig oder repräsentativ sind, durch Akteure (man könnte sie „Raumdeuter“ nennen), durch Erinnerungen2, durch Symbole und Rituale, durch (positive wie negative) Gefühle, durch Imaginationen, durch gemeinsame Werte, durch lebensweltliche Erfahrungen und nicht zuletzt auch durch Abgrenzungen von anderen Räumen; all diese Aspekte werden schließlich auch von Generation zu Generation in Sozialisationsprozessen in Familien, Peergroups, durch Medien usw. weitergegeben. Das Verhältnis zwischen objektiven und subjektiven Faktoren kann höchst unterschiedlich sein – sie können weitgehend übereinstimmen, sie können aber auch auseinanderklaffen oder im Widerspruch miteinander stehen. Und schließlich kann sich die Waage auch sehr stark in eine der beiden Richtungen neigen: Bestimmte Wirtschaftsräume werden vornehmlich durch objektive Faktoren bestimmt, spielen als solche aber höchstens für kleine wirtschaftliche und politische Eliten eine bewusstseinsprägende Rolle, für die Mehrheit der Bewohner aber nicht; umgekehrt können von Menschen imaginierte Räume weitgehend ohne objektive Faktoren auskommen.

Das Gesagte gilt auch für Bundesländer – die sich von anderen Räumen dadurch unterscheiden, dass sie eindeutig politisch formiert sind. Es gibt also einen objektiven Faktor, nämlich die grundgesetzliche Festlegung der föderalistischen Ordnung und ihre Umsetzung seit der Staatsgründung, die das Land bestimmt – inwiefern das aber auch subjektiv für die Menschen in diesem Land bedeutsam ist, ist eine offene Frage. Aber, wie gesagt, zumindest politische Eliten eines Landes haben ein großes Interesse, dass das so ist, und es ist daher wissenschaftlich und politisch relevant, sich damit zu befassen, wie, durch wen und mit welchen Motiven in einem Land im jeweiligen historischen Kontext Bejahung – mit einem anderen Begriff also: ein spezifisches „Landesbewusstsein“ – produziert wurde und welche Auswirkungen diese Produktion gehabt hat bzw. immer noch hat.3 Besonders interessant ist dies in Situationen, in denen es gegenläufige Entwicklungen gibt, in denen also andere raumbezogene Identitätsangebote dem Land die Loyalität streitig machen. Dies war lange Zeit in Niedersachsen der Fall, da das Land eine politische Neuschöpfung in einer Krisensituation, nämlich der unmittelbaren Nachkriegszeit, war – noch dazu unter starker Mitwirkung der britischen Besatzungsmacht – und andere räumliche Orientierungen zur Verfügung standen, die bei der Schaffung eines neuen Landes in den Hintergrund treten mussten. Identitätskonflikte sind in einer solchen Situation die fast zwangsläufige Folge, wie genau sie ausgetragen wurden und welche Folgen dies hatte, ein wichtiges Forschungsthema, das auch Aufschlüsse bieten kann über die politische Kultur und Partizipation in einer Demokratie schlechthin. Im folgenden Beitrag soll es daher um diese Prozesse gehen, wobei aufgrund der großen Bedeutung der sozusagen „alten“ Bewusstseinselemente und der schon lange andauernden Konflikte in der Region ein historischer Rückblick in die Zeit vor der Landesgründung notwendig ist, um die Entwicklung in den ersten Jahrzehnten des neuen Landes Niedersachsen zu verstehen.

Allerdings stellen sich einer Darstellung dieser Entwicklungen einige Schwierigkeiten in den Weg: Am besten erforscht sind die Konflikte zwischen den Niedersachsenbefürwortern und den -gegnern sowie die Versuche zur Schaffung eines Landesbewusstseins in den 1950er und frühen 1960er Jahren.4 Auch die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen für diese Prozesse sind weitgehend bekannt.5 Größere Lücken tun sich dagegen in den Jahrzehnten danach auf – die zeitgeschichtliche Forschung über Niedersachsen ist bislang kaum in die Zeit nach den 1960er Jahren vorgedrungen. Besonders schwierig ist die Frage einer möglichen Wirkung dieser Identitätspolitiken zu beantworten: Da kaum Umfrageergebnisse vorliegen, die aber ohnehin nur punktuelle Einsichten liefern würden, so ist man auf wenige Indizien und Schlussfolgerungen und das Skizzieren grober Linien angewiesen. Ebenso schwierig zu erfassen ist die Bedeutung der Außenwahrnehmungen für das Landesbewusstsein: Kommunizierte Fremdwahrnehmungen und -deutungen spielen eigentlich eine zentrale Rolle bei der Selbstdefinition, sowohl bei Individuen als auch bei Kollektiven bis hin zu Nationen, dies zeigt z.B. die einschlägige historische Stereotypenforschung.6 Woran aber will man die Wahrnehmung „der Niedersachsen“ oder „des Landes Niedersachsen“ durch Nicht-Niedersachsen festmachen? Forschungen, Umfrageergebnisse etc. liegen hierzu nicht vor, sodass Annäherungen bislang kaum möglich sind – hier liegt noch eine weitere breite Forschungslücke vor.

Die Schwierigkeiten bei der Erfassung eines „Stands von Landesbewusstsein“ zeigt der Ansatz des Historikers Klaus-Jürgen Matz, der in einem Essay vor wenigen Jahren versucht hat, die historische Identität der Bundesländer zu ermitteln und zu klassifizieren.7 Er schlug dabei drei Kriterien vor, die jeweils die historische Identität in der Gegenwart prägen sollen: das Vorhandensein von Territorien des Alten Reichs, die Konfessionszughörigkeit sowie kollektive Resistenzerfahrungen. Niedersachsen ordnete er nach diesen Kriterien auf Platz 11 der Bundesländer ein, deutlich hinter Bremen und Hamburg, Brandenburg und Sachsen, aber vor den „Bindestrich-Ländern“ Nordrhein-Westfalen, Baden- Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt sowie Berlin.8 Zwar erscheint die grobe Reihenfolge durchaus plausibel – ob aber die verwendeten Kategorien und Anhaltspunkte tatsächlich repräsentativ für den Stand historischer Identität in den Bundesländern sind, ob nicht auch die Kategorien selbst historisch veränderlich sind und wie überhaupt das Verhältnis von „historischer Identität“ und „Landesbewusstsein“ ist, müsste erst noch theoretisch präzise entwickelt und empirisch erforscht werden.

 
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