Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Politikwissenschaft arrow Politik und Regieren in Niedersachsen
< Zurück   INHALT   Weiter >

Wahlen und Wahlverhalten in Niedersachsen

Stephan Klecha

Das Bundesland Niedersachsen existiert seit 68 Jahren. Über vierzig Jahre davon stellten die Sozialdemokraten den Ministerpräsidenten, jedoch verfügten sie nur selten über absolute Mehrheiten. Niedersachsen galt gleichwohl eine Zeit lang neben Hessen als die zweite große SPD-Hochburg unter den Flächenländern.1 Doch weder in Hessen noch in Niedersachsen ist diese Dominanz erhalten geblieben, wenngleich die niedersächsische SPD ohne Zweifel immer noch einer der erfolgreichsten SPD-Landesverbände ist. Bei bundesweiten Wahlen liefert die SPD bis heute beständig überdurchschnittliche Resultate.

Tab. 1 Jüngste bundesweite Wahlen und Ergebnisse in Niedersachsen

Wahl

SPD

CDU*

FDP

Grüne

Linke

Bundestagswahl 2005

Bund

34,2 %

35,2 %

9,8 %

8,1 %

8,7 %

Niedersachsen

43,2 %

33,6 %

8,9 %

7,4 %

4,3 %

Europawahl 2009

Bund

20,8 %

37,9 %

11,0 %

12,1 %

7,5 %

Niedersachsen

27,3 %

39,2 %

10,2 %

12,5 %

4,0 %

Bundestagswahl 2009

Bund

23,0 %

33,8 %

14,6 %

10,7 %

11,9 %

Niedersachsen

29,3 %

33,2 %

13,3 %

10,7 %

8,6 %

Bundestagswahl 2013

Bund

25,7 %

41,5 %

4,8 %

8,4 %

8,6 %

Niedersachsen

33,1 %

41,1 %

4,2 %

8,8 %

5,0 %

Europawahl 2014

Bund

27,3 %

35,3 %

3,4 %

10,7 %

7,4 %

Niedersachsen

32,5 %

39,4 %

2,5 %

10,9 %

4,0 %

Quelle: Eigene Darstellung mit Zahlen des Bundeswahlleiters.

* Bundesergebnis CDU/CSU.

Die besonders starke Stellung der Sozialdemokraten erstaunt derweil bei einem ersten oberflächlichen Blick auf die Sozialstruktur des Landes. Niedersachsen ist ländlich strukturiert und weist die geringste Bevölkerungsdichte aller westdeutschen Bundesländer auf. Jenseits der heutigen sechs Großstädte Hannover, Braunschweig, Oldenburg, Osnabrück, Wolfsburg und Göttingen dominiert ein vorwiegend ländlich geprägter Raum. Solche Rahmenbedingungen sprächen eigentlich eher für eine Hegemonie der CDU, die zudem in den katholischen Regionen des Landes sowieso die unangefochten stärkste Partei ist.

Der nachfolgende Beitrag geht den Ursachen für das spezifische niedersächsische Wahlverhalten und seinen Veränderungen im zeitlichen Längsschnitt nach. Der Fokus liegt dabei auf den Landtagswahlen, wobei zur Illustration von Trends und Entwicklungen auch die Ergebnisse anderer Wahlen herangezogen werden.

1 Sozialdemokratische Hegemonie – die Anfänge der niedersächsischen Landespolitik

Am Anfang des Landes Niedersachsen stand der ehemalige sozialdemokratische Landrat Hinrich Wilhelm Kopf. Dieser war von den Alliierten im September 1945 zum Oberpräsidenten der preußischen Provinz Hannover ernannt worden und im August 1946 zum Ministerpräsidenten des neuen Landes Hannover aufgestiegen. Kopf wurde dann auch erster Ministerpräsident im neuen Land Niedersachsen, als dieses im November 1946 von der britischen Besatzungsmacht aus Hannover, Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe zusammengefügt wurde. Wie andernorts auch, prägten gerade die ersten Ministerpräsidenten die Politik der nach 1945 neu konstituierten Länder.2 Kopf eignete sich dabei in besonderer Weise als Identifikationsfigur. Er bekannte sich zur welfischen Tradition, erwies sich als trinkfest, sprach plattdeutsch und spielte leidenschaftlich gern Skat.3 Als maßgeblicher Motor für die Gründung des Landes realisierte er zudem einen Traum der „konservativen Zivilisationskritik“ aus der Spätphase des Kaiserreichs, als ein mystifiziertes Heimatgefühl der Modernisierung und Urbanisierung entgegengestellt wurde.4 Obendrein und quasi kontrafaktisch war Kopf aber Sozialdemokrat.

Damit verband er die im Land verbreiteten konservativen und welfischen Auffassungen mit dem sozialdemokratischen Milieu Niedersachsens. Trotz des großen Landwirtschaftssektors, in dem 1950 rund dreißig Prozent der Beschäftigten und damit acht Prozentpunk-te mehr als im Bundesdurchschnitt arbeiteten5, existierte seit dem Kaiserreich nämlich auch ein bedeutendes industrielles Gewerbe mit Zentren in Hannover, Braunschweig und Osnabrück. Außerdem hatten sich einige Industrien in Südniedersachsen rund um die Verarbeitung heimischer Rohstoffe angesiedelt. Schließlich existierte im Harz noch Bergbau.6 Im Nordwesten des Landes, etwa in Delmenhorst, Emden, Oldenburg und Wilhelmshaven, gab es weitere räumlich isolierte industrielle Standorte. In diesen vielfach frühzeitig industrialisierten Regionen hatte die SPD schnell Anhänger gefunden und konnte diese Wählerschaft nach 1945 wieder aktivieren. Besonders im heutigen hannoverschen Stadtteil Linden verdichtete sich die Geschichte dieses Arbeitermilieus. Dort existierte eine breit ausdifferenzierte Landschaft an Organisationen und Verbänden im Umfeld der SPD, die ihrerseits beeindruckende Wahlergebnisse in der damaligen Großstadt Linden erzielte. Daneben war die Bindung an die Sozialdemokratie auch in Hannover und Umgebung stark ausgeprägt. Diese Region war bereits Ende des 19. Jahrhunderts ein bedeutender Standort der Chemieund Maschinenbauindustrie geworden, außerdem saßen in der einstigen Garnisonsund Residenzstadt Hannover noch einige Unternehmen der Süßwarenindustrie. Diese früh entwickelte großindustrielle Wirtschaftsstruktur bot günstige Voraussetzungen für eine reformistisch eingestellte SPD, deren Mitglieder und Wähler ausgesprochen loyal zu ihrer Partei standen. Bis 1933 blieb Hannover dann eine Hochburg der SPD7 und brachte eine der wenigen personell starken originären sozialdemokratischen Widerstandsgruppen im Dritten Reich hervor.8

An die besonders exponierte Stärke der hannoverschen SPD kam die gleichwohl ebenfalls starke SPD in Braunschweig nicht ganz heran, was seinen Grund in der Wirtschaftsgeschichte der Löwenstadt hatte. Stark waren an der Oker zunächst die Lebensmittelindustrie sowie die Konservenindustrie. Um die Wende zum 20. Jahrhundert hin etablierte sich die Fotoindustrie. Erst im Ersten Weltkrieg wuchs dann der Maschinenbau stark an, was zur Folge hatte, dass dadurch eine weniger traditionsverankerte Arbeiterschaft dazukam, die schnell an Bedeutung gewann, sich am Ende des Krieges umso stärker radikalisierte und zwischenzeitlich der USPD zuwandte.9

Kompliziert lagen die Dinge in den später entstandenen Industriestandorten im Südosten des Landes. Erst während des Nationalsozialismus wurden in den beschaulichen Siedlungsgebieten von Salzgitter und Wolfsburg zwei große Komplexe der Stahlfertigung und des Fahrzeugbaus buchstäblich aus dem Boden gestampft. Schon vor 1939 setzte dorthin ein massiver Zuzug von Menschen ein, die nach der Befreiung 1945 keinerlei Traditionsbestände der sozialdemokratischen Bewegung reaktivieren konnten. Dieses unbehauste und traditionslose Arbeitermilieu tendierte nach 1945 zunächst stark zu rechtsradikalen Parteien.10 Schlüsselmoment war dabei die Auseinandersetzung um die Demontage der wenige Jahre zuvor in Salzgitter errichteten Industriekomplexe. Deren Androhung und die ersten Demontagemaßnahmen trieben den rechtsradikalen Parteien erst die Wähler zu. Der schließlich erreichte Stopp der Demontage politisierte die Arbeiterschaft dann aber zugunsten der sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung, die zwar die SPD stärkte, zuweilen aber auch der CDU gute Wahlergebnisse bescherte.11

Günstig für die SPD wirkte sich zudem die Tatsache aus, dass die SPD von Hannover aus wiederaufgebaut wurde und der Parteivorstand noch bis 1951 seinen Sitz in der dortigen Odeonstraße hatte. Erfolge der SPD waren in Niedersachsen daher auch eine gewisse Prestigefrage. Zudem hatte die SPD in Niedersachsen verschiedentlich Impulse durch das Engagement ehemaliger Nelsonschüler aus dem Internationalen Sozialistischen KampfBund (ISK) erhalten, wobei mit Alfred Kubel und Otto Bennemann zwei ehemalige Mitglieder sogar der Landesregierung angehörten.12 Der ISK brachte nicht nur Organisationsverständnis und eine ethische Begründung des angestrebten Sozialismus in die SPD ein, sondern führte der SPD hoch motivierte Aktivisten aus jüngeren Geburtsjahrgängen zu.13 Während es der SPD dadurch möglich war, rasch an Wahlergebnisse aus der Zwischenkriegszeit anzuschließen und sich darüber hinaus auch einige neue Wählerschichten zu erschließen, war das bürgerliche Lager im Land lange Zeit überaus zersplittert.

Im Norden knüpfte die Niedersächsische Landespartei (NLP) und spätere Deutsche Partei (DP)14 an die Tradition der Deutsch-Hannoverschen Partei (DHP) an, welche das Ende des hannoverschen Königreichs und den Anschluss an Preußen 1866 nicht akzeptiert hatte. Sie vertrat eine protestantisch-konservative Wählerklientel mit Schwerpunkt im ruralen Heideraum, die ihrerseits weder vor 1933 noch nach 1945 davor gefeit war, zuweilen rechtsradikal zu wählen.15

Die katholischen Regionen im Emsland, im Oldenburger Münsterland, im Eichsfeld und im Hildesheimer Raum wiederum hatten einst das Zentrum bevorzugt, zeigten sich gegenüber dem Nationalsozialismus weitgehend resistent und wählten nach dem Krieg dann größtenteils die überkonfessionelle Sammlungspartei CDU. Die wiederbegründete Zentrumspartei blieb allerdings bis Mitte der 1950er Jahre zumindest zwischen Weser und Ems noch ein beachtlicher Konkurrent der Union.16 Dafür gelang es der CDU, die katholischen Wähler in den protestantischen Gebieten für sich zu gewinnen.17 Oftmals wuchsen die katholischen Kirchengemeinden erst nach 1945 durch den Flüchtlingsstrom aus Schlesien an und bildeten so einen Kern der CDU-Organisation in den ursprünglich protestantischen Gebieten, in denen vor 1933 oftmals keine Zentrumspartei existent war.

Darüber hinaus bemühte sich die CDU um Unterstützung aus konservativen und liberalen Kreisen, was sie aber schnell in Konkurrenz zur NLP/DP bzw. zur FDP brachte. Eine erfolgreiche Integration liberaler Strömungen gelang der CDU dabei im ehemaligen Land Braunschweig, wo sich mit dem früheren braunschweigischen DDP-Landesminister Heinrich Rönneburg und dem Generaldirektor der Reichswerke Salzgitter Georg Strickrodt zwei liberale Persönlichkeiten am Aufbau der CDU beteiligten.18

CDU und NLP/DP versuchten zunächst, ihre Konkurrenzsituation durch Kooperation aufzulösen, und verzichteten bei der Wahl 1947 in den meisten Wahlkreisen auf eine Konkurrenz zueinander.19 Ein vergleichbares Abkommen wurde vom Zentrum unterdessen abgelehnt.20 Als Folge des damaligen Einstimmenwahlrechts teilten sich die Stimmen von CDU und DP recht gleichmäßig auf, sodass beide Parteien jeweils knapp ein Fünftel der abgegebenen Stimmen auf sich vereinigten. Bei der Wahl 1951 stellten CDU und DP abermals gemeinsame Kandidaten auf, dieses Mal in Form der Kartellpartei Niederdeutsche Union (NU). Diese Formation erreichte jedoch gerade einmal rund ein Viertel der Wähler im Lande, was gegenüber dem gemeinsamen Wahlergebnis von 1947 ein dramatischer Einbruch war.21

Beide Parteien hatten zuvor erhebliche Schwierigkeiten gehabt, sich auf ein gemeinsames politisches Programm zu verständigen. Offenkundig und mit verheerenden Folgen für das Wahlverhalten der betroffenen Gruppe wurde das in der Flüchtlingspolitik. Während sich die CDU um diese Gruppe redlich bemühte, machte die NLP/DP keinen Hehl daraus, dass sie diese nur als Fremde und Durchreisende betrachtete.22

Neben der vorwiegend katholischen CDU und der welfisch-protestantischen DP hatte sich als dritte starke bürgerliche Kraft die FDP erwiesen. Sie hatte anfangs ihren stärksten Rückhalt in den protestantischen Gebieten des ehemaligen Landes Oldenburg und in Ostfriesland, wo Rechtswie Linksliberale schon im Kaiserreich und in der Weimarer Republik stark waren23, sowie beim Bürgertum der Universitätsstadt Göttingen. Diese Gegenden waren allerdings in der Endphase der ersten Republik auch zu Hochburgen der Nationalsozialisten geworden24, sodass die FDP hier gleichermaßen eine liberale wie eine nationalistische Erbschaft antrat.

Jenseits der vorwiegend milieubezogenen Präferenzen zugunsten einer der drei bürgerlichen Parteien gab es einen regen Austausch zwischen den bürgerlichen Parteien, was in Göttingen besonders gut zu erkennen war. Je nach Wahl (Bundestags-, Landtags-, Kommunalwahl) verteilte sich die konstant bleibende Zahl bürgerlicher Wähler dann anlassbezogen auf die verschiedenen Parteien.25

Im bürgerlichen Spektrum des Landes positionierte sich auch der Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE), der die Interessen ehemaliger NSDAP-Anhänger im Land mit den Anliegen der Flüchtlinge verband. Sein Wahlerfolg bei der Landtagswahl 1951 basierte im Wesentlichen auf der großen Zahl an Flüchtlingen, die seit dem Zweiten Weltkrieg aus den ehemaligen deutschen Siedlungsgebieten jenseits von Oder und Neiße sowie aus der sowjetischen Besatzungszone in Niedersachsen Aufnahme gefunden hatten. Jeder dritte Niedersachse war Flüchtling, was schwerste soziale Verwerfungen zur Folge hatte. Insbesondere die Versorgung mit Wohnraum, Lebensmitteln und Arbeit erwies sich als Problem, sodass die Integration der neuen Niedersachsen keineswegs friktionsfrei vonstattenging.26

Allerdings führte das nicht zwingend zu guten Ergebnissen für den BHE. Selbst ein hoher Vertriebenenanteil nutzte ihm nur bedingt.27 Besonders deutlich wurde das in den beiden neuen Industriestädten Salzgitter und Wolfsburg, in denen trotz sehr hoher Flüchtlingszahlen nur unterdurchschnittlich der BHE gewählt wurde, hingegen die Präferenz für die rechtsradikalen Parteien hoch war.28 Zudem brachten die Vertriebenen teilweise Parteibindungen mit, die aus der Zeit vor 1933 stammten. Von den 2,3 Millionen Flüchtlingen, die Niedersachsen aufnahm, kamen rund zwei Drittel aus Schlesien.29 Stammten sie aus Oberschlesien, prädestinierte sie ihr katholischer Glaube oftmals für die CDU (oder lokal vereinzelt für das Zentrum). Fanden sie Arbeit in den industriellen Großbetrieben, so gab es über die sozialdemokratisch-gewerkschaftlich geprägte Arbeiterschaft einen Zugang zur SPD. Hinzu kam, dass in den Reihen der Niederschlesier auch zahlreiche Sozialdemokraten vertreten waren, die dann dafür sorgten, dass im ländlichen Raum Niedersachsens zuweilen erstmals ein SPD-Ortsverein entstand.30 Die SPD verfügte mit dem aus Breslau geflohenen Heinrich Albertz als Flüchtlingsbzw. Sozialminister außerdem über eine herausragende Identifikationsfigur.31 Albertz und andere aus den Ostgebieten stammende Funktionäre wie die beiden Pommern Bruno Leddin und Albert Höft unterstrichen die Rolle der SPD als Flüchtlingspartei32 bzw. ermöglichten ihr bei der politischen Ansprache dieser Gruppe einen strategischen Vorsprung.33 Insoweit war das Konkurrenzverhältnis zwischen SPD und BHE ein wechselseitiges. Die Positionierung des BHE im bürgerlichen Spektrum entsprach daher nur in Teilen der Verortung ihrer Zielgruppe.

Der sich bürgerlich gebende BHE hatte eine für sozialdemokratische Politik durchaus offene Wählerschaft, die in den Jahren 1950/51 jedoch über den langsamen Fortschritt verdrossen war und sich daher von den regierenden Parteien abwandte, was teilweise die SPD34, stärker aber die CDU traf.35 Die Rückintegration dieser Wähler durch die beiden großen Parteien erfolgte dann mit dem wirtschaftlichen Aufschwung und der damit einhergehenden Integration der Flüchtlinge, sodass das Potenzial für den BHE während der 1950er Jahre kontinuierlich abnahm. Strittig in der Literatur ist die Frage, wer davon vorrangig profitierte. Bernd Weisbrod und Günter J. Trittel gehen davon aus, dass eher die CDU Nutznießer war.36 Demgegenüber nimmt Klaus Wettig an, dass die SPD den Niedergang des BHE stärker für eigene Stimmgewinne nutzte.37 Für Wettigs Lesart spricht die Tatsache, dass die wenigen kleinräumigen Analysen Stimmenzuwächse der SPD in vormals liberalen Hochburgen zulasten des BHE belegen.38

Neben der Flüchtlingspartei gab es im rechten Spektrum des Parteiensystems von Anfang an einen hohen Anteil von Wählern rechtsradikaler Parteien. Die Deutsche Rechtsbzw. Deutsche Reichspartei (DRP) trat dabei bereits 1947 erstmals an, stellte aber nur in einigen wenigen Wahlkreisen Kandidaten auf, erzielte dafür aber bei der Bundestagswahl 1949 über acht Prozent der Stimmen im Land und erhielt bei den folgenden Wahlen zwischen zwei und vier Prozent. Ihre Hochburgen lagen zum einen in den neuindustriellen Bereichen um Wolfsburg und Salzgitter sowie in den Hafenstädten Wilhelmshaven und Emden39 und zum anderen dort, wo die NSDAP bereits früh gute Wahlergebnisse erzielt hatte.40 Zusammen mit der 1952 verbotenen Sozialistischen Reichspartei (SRP), die mit ihrem Bekenntnis zur Traditionslinie der NSDAP bei der Landtagswahl 1951 sogar elf Prozent der Stimmen erhielt und besonders bei Arbeitslosen und Flüchtlingen reüssierte41, besaß der Rechtsradikalismus in Niedersachsen Anfang der 1950er Jahre einen fruchtbaren Nährboden.

Allerdings gelang es CDU und DP, diese Klientel im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs wieder zurückzugewinnen42, wohingegen die FDP sogar recht offensiv um diese Klientel mit nationalistischen Tönen warb und frühere Funktionäre der DRP bei sich aufnahm. Dieser Prozess kulminierte mit der kurzzeitigen Kür des einstigen DRP-Spitzenmanns Leonhard Schlüter zum Kultusminister sowie der Aufnahme von DRP-Abgeordneten als Hospitanten in die FDP-Landtagsfraktion 1957.43

Während das bürgerliche Spektrum dadurch stark fragmentiert und in ständiger Veränderung begriffen war, erwies sich die SPD als stabile Grundkonstante des niedersächsischen Parteiensystems, die bei den Landtagswahlen über lange Zeit ungefährdet stärkste Kraft im Land wurde, jedoch in den 1950er Jahren nie in die Nähe einer absoluten Mehrheit kam.

Tab. 2 Wahlergebnisse SPD 1947–1959

Wahl

Stimmenzahl

Anteil

Landtagswahl 1947

1.066.370

43,7 %

Bundestagswahl 1949

1.125.295

33,4 %

Landtagswahl 1951

1.123.199

33,7 %

Bundestagswahl 1953

1.136.522

30,1 %

Landtagswahl 1955

1.181.963

35,2 %

Bundestagswahl 1957

1.255.204

32,8 %

Landtagswahl 1959

1.356.485

39,5 %

Quelle: Eigene Darstellung mit Zahlen des Landeswahlleiters sowie Schede: Der Landtagswahlkampf in Niedersachsen 1959, S. 19.

Schaut man sich die Wahlergebnisse der SPD näher an, so fällt der beträchtliche Unterschied zwischen dem stark schwankenden Stimmenanteil und der sehr stabilen absoluten Stimmenzahl auf. Gut 1,1 Millionen Wähler erreichte die SPD bei allen Landtagsund Bundestagswahlen zwischen 1947 und 1955, danach stieg die Zahl der SPD-Wähler dann langsam an. Dass der relative Stimmenanteil hingegen zwischen dreißig und 44 Prozent oszillierte, lag daran, dass die bürgerlichen Wähler, die Flüchtlinge und die weiterhin dem Nationalsozialismus verbundenen Wähler im Land sich nicht nur auf mehrere Parteien verteilten, sondern in unterschiedlichem Maße der Wahl fernblieben. Leider wird in zahlreichen Analysen des niedersächsischen Parteiensystems die Entwicklung der absoluten Stimmenzahl oft ausgeblendet und stattdessen allein auf die Stimmanteile abgestellt. Das führt dann zu den gängigen, aber nicht gänzlich haltbaren Thesen, wonach die SPD bei den Wahlen 1951 auf „ihr weitgehend milieugebundenes Wählerpotential“ zurückgeworfen worden sei44 oder dass sie nun besonders zahlreich an den BHE Stimmen abgegeben habe.45 Kleinräumige Studien zeigen hingegen, dass die SPD zunächst kaum aus ihrem Kernmilieu der urbanisierten Facharbeiterschaft ausbrechen konnte46, weswegen es wenig verwunderlich ist, dass die SPD dann bei steigender Wahlbeteiligung einen Rückgang ihres Stimmanteils zu verkraften hatte.

Die SPD litt im Gegensatz zum bürgerlichen Lager eindeutig nicht an mangelnder Mobilisierungsfähigkeit, sondern eher an begrenztem Mobilisierungspotenzial. Sie zog dafür aber aus der mangelnden Geschlossenheit des bürgerlichen Lagers einen strategischen Vorteil.47 Dessen Fragmentierung sicherte nämlich der SPD ihre Stellung als stärkste politische Kraft im Landtag und erleichterte ihr den Abschluss von mehrheitsfähigen Koalitionen unter ihrer Führung.

Dadurch brachte Niedersachsen eine illustre Koalitionsvielfalt hervor. Die SPD regierte in den 1950er Jahren mit der CDU und dem Zentrum, mit dem Zentrum allein, mit dem Zentrum und dem BHE, mit dem BHE allein, mit der DP und der CDU oder mit dem BHE und der FDP. Unterbrochen wurde die Reihe nur 1955, als sich die vier bürgerlichen Parteien CDU, BHE, DP und FDP zum einzigen Mal entschlossen zeigten, eine gemeinsame Regierung zu bilden und so die SPD in die Opposition zu schicken. Dabei waren weniger die landespolitischen Erwägungen ausschlaggebend als vielmehr bundespolitische Motive.48 Mit Blick auf die Wehrverfassung galt es, eine erforderliche Mehrheit im Bundesrat zu erlangen49, weswegen die CDU als stärkste Partei auch auf das Amt des Ministerpräsidenten zugunsten des bisherigen Bundesministers Heinrich Hellwege von der DP verzichtete. Nachdem diese Regierung an inneren Spannungen zwischen den Parteien sowie den erkennbaren Rechtstendenzen in der FDP 1957 wieder zerbrochen war, bildeten SPD, CDU und DP eine neue Regierung, die weiterhin Hellwege führte. Nach der Wahl 1959 erwies sich abermals das bürgerliche Lager als nur bedingt miteinander koalitionsfähig, sodass am Ende SPD, BHE und FDP die Regierung bildeten.

 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften