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2 Sammlung des bürgerlichen Lagers

Die Konkurrenz der bürgerlichen Parteien zueinander war in Niedersachsen somit stark ausgeprägt und die Vorherrschaft der CDU keineswegs gesichert, geschweige denn absehbar. Das bürgerliche Lager war in „regionale Teilmilieus“ aufgesplittert.50 DP, BHE und in Teilen die FDP waren oftmals lokal stärker und stellten so den Führungsanspruch der Union infrage, der es zudem an überregional ansatzweise bekannten Persönlichkeiten in der Landespolitik mangelte.51

Damit überlagerten sich innerhalb des bürgerlichen Lagers die verschiedenen Cleavages. Der konfessionelle und der Stadt-Land-Gegensatz verbanden sich mit den verschiedenen regionalen politischen Traditionen. Deutlich wird das im Landwirtschaftssektor, der gemeinhin als Domäne des bürgerlichen Lagers gilt. Doch die Bauernschaft war organisatorisch und ideologisch dreigeteilt, liberal im Norden Oldenburgs, katholisch in Südoldenburg und Osnabrück sowie konservativ in Braunschweig und Hannover.52 Unter den Jungbauern gab es zudem große Sympathien für rechtsradikale Parteien.53

Es gelang daher während der 1950er Jahre nicht, die im Lager zusammenkommenden verschiedenen Interessen zusammenzufassen und in Gestalt einer Partei zu bündeln, wohingegen bundesweit der Prozess einer Konzentration unter dem Dach der CDU längst eingesetzt hatte. Aus Zentrum, DP und teilweise auch aus der FDP wechselten Wähler, Mitglieder und Funktionäre zur CDU, die so zur bürgerlichen Sammlungsbewegung wurde. Dieser Prozess vollzog sich in Niedersachsen erst verzögert.

Im Falle der FDP war dieses mit einem Wandel ihres Milieus verbunden. Nachdem die FDP sich 1951 dem Werben für eine Mitwirkung in der Niederdeutschen Union ebenso wie das Zentrum verweigert hatte54, verlor die Partei in ihren einstigen Hochburgen im Nordwesten des Landes erheblich an Stimmen, legte dafür aber in Südniedersachsen zu, vor allem in ihrer Hochburg Göttingen, und gewann zudem in der Landeshauptstadt Hannover deutlich an Stimmen.55 Sozialstrukturell verbarg sich dahinter die Auflösung des alten ländlichen Mittelstands, der zuvor als Trägergruppe des niedersächsischen Liberalismus gedient hatte.56 Der Kurs einer nationalistischen Sammlungsbewegung im Gewande der FDP hatte kurzfristig Stimmengewinne in anderen Milieus eingebracht, war am Ende der 1950er Jahre jedoch gescheitert. Die FDP war darüber ein Risikofaktor in der Regierung geworden, wie sich 1957 beim Bruch der Koalition mit CDU, DP und BHE gezeigt hatte. Sie hatte erhebliche Mitgliederverluste hinzunehmen57 und wäre um ein Haar bei der Wahl 1959 aus dem Landtag gefallen, nachdem sich gerade in den vorherigen Hochburgen der FDP einstige liberale Wähler der CDU zugewandt hatten.58 Die FDP wechselte unterdessen abermals entschieden ihre Richtung, schloss ein Bündnis mit SPD und BHE ab und orientierte sich in Niedersachsen auf einen sozialliberalen Kurs. Die fortwährenden, abrupten Wendungen hatten der FDP am Ende ihrer Hochburgen beraubt, doch sie hatte sich, schneller als auf Bundesebene, zur Scharnierpartei gemacht, die als Korrektiv zur CDU in gesellschaftspolitischer und zur SPD in wirtschaftspolitischer Hinsicht galt.

Die CDU hatte 1959 unterdessen zum ersten Mal mehr als eine Million Stimmen bei einer Landtagswahl erhalten. Sie blieb damit zwar unterhalb ihrer Ergebnisse bei Bundestagswahlen, doch sie hatte sich endgültig als stärkste Kraft im bürgerlichen Spektrum etabliert. Die Restwählerschaft des Zentrums hatte sie sich bereits einverleibt. Die DP, die 1959 mit Ministerpräsident Hellwege an der Spitze ihre Stimmenzahl immerhin konstant hielt, geriet nach dem Übertritt eines Teils ihrer Bundespolitiker zur CDU 1960 in eine schwere Krise, fusionierte einstweilen 1961 mit dem BHE zur Gesamtdeutschen Partei (GDP).59 Weil dadurch die Flüchtlingspartei just mit der Partei zusammenging, die dieser Gruppe am stärksten distanziert gegenübertrat, bekam die neue Partei ein Identitätsproblem. Das alte konservative, welfische Heimatgefühl, der Markenkern der DP, war mit der Fusion schwer beschädigt.60 In Niedersachsen kam erschwerend hinzu, dass der BHE 1959 eine Koalition mit SPD und FDP eingegangen war, an der sich wiederum nach dem Zusammenschluss zur GDP die Landtagsmitglieder der einstigen DP nicht beteiligen wollten und schließlich zur CDU überwechselten. Darunter waren mit Heinrich Hellwege und Richard Langeheine zwei prägende Persönlichkeiten der DP, wobei Langeheine hernach seine Karriere in der CDU als Fraktionsund Landesvorsitzender fortsetzte.61 Zur Landtagswahl wurde die DP zwar nochmals reaktiviert, doch sie verlor ihre vorherige Wählerschaft fast vollständig an die CDU bzw. zu einem kleineren Anteil an die FDP.62

Insgesamt gelang es der CDU während der 1960er Jahre, auf Augenhöhe zur SPD aufzuschließen, auch in organisatorischer Hinsicht durch die Gründung eines CDU-Landesverbands 1968.63 Allerdings blieb die SPD weiterhin stärker als die CDU, weil sie sich ihrerseits neue Wählerschichten erschlossen hatte. Zum einen erreichte sie zunehmend in den spätindustrialisierten Gegenden im Südosten die dortige Arbeiterschaft, zum anderen öffnete sie sich am Ende der 1950er Jahre volksparteilich für breitere Wählerschichten. 1959 hatte sie sich wieder einem Stimmenanteil von vierzig Prozent genähert, der mit einer Ausnahme für die folgenden 44 Jahre auch der Sockel ihrer Landtagswahlergebnisse bleiben sollte. Die SPD gewann bei den Jungund Erstwählern Stimmen hinzu, integrier- te die südostniedersächsische Industriearbeiterschaft und gewann offenkundig eben auch einen nicht unbeträchtlichen Teil der Wähler des BHE für sich. Zudem wechselten mit der volksparteilichen Ausrichtung der SPD nach dem Godesberger Parteitag von 1959 auch einstige CDU-Wähler zur SPD über. Für das Jahr 1963 wird ihre Zahl in Niedersachsen auf 70.000 bis 100.000 geschätzt.64

Tab. 3 Stimmen Landtagswahlen 1955–1967

Partei

1955

1959

1963

1967

SPD

1.181.963

1.356.485

1.608.927

1.538.776

CDU

894.018

1.058.687

1.351.449

1.491.092

DP

415.183

424.524

97.764

BHE/GDP

370.407

285.942

132.446

FDP

264.841

179.522

316.552

245.318

Zentrum

37.563

955

DRP

126.692

122.062

52.785

NPD

249.197

Quelle: Eigene Darstellung mit Zahlen vom Landeswahlleiter.

Dadurch konnte die SPD auch das Amt des Ministerpräsidenten behaupten. Der CDU blieb in der 1965 gebildeten Großen Koalition nur die Rolle des Juniorpartners, nachdem die FDP die Koalition mit der SPD wegen des anstehenden Abschlusses des Niedersachsenkonkordats aufgekündigt hatte und in dieser Frage auch mit der CDU über Kreuz lag. Nach den Wahlen 1967 hätte eine Koalition zwischen CDU und FDP noch nicht einmal eine Mehrheit besessen, nachdem die NPD einmalig den Sprung in den Landtag geschafft hatte.

Während sich Niedersachsen in den 1950er Jahren noch durch ein besonders fragmentiertes Parteiensystem ausgezeichnet hatte, näherte es sich in den 1960er Jahren dann schnell an die bundesweite Entwicklung an und bildete auch jenes „Zweieinhalb“-Parteiensystem heraus, welches auf Bundesebene bis zum Auftreten der Grünen Bestand haben sollte.

 
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