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4 Zusammenfassung und Ausblick

Die CDU in Niedersachsen bleibt in vielfacher Weise ein außergewöhnlicher Verband. Dies gilt zum einen aus historisch-kultureller Perspektive, da sie als konservative Partei in der Nachkriegsepoche in einem eher konservativen Bundesland immense Potenziale besaß, die jedoch aufgrund der zahlreichen Konfliktlinien von ihr länger als anderswo nicht gebündelt werden konnten. Der nachholende Prozess verlief hingegen dynamischer und – mit Blick auf die Schwäche der FDP in den 1970er Jahren – sogar stärker als anderswo. Die häufig sehr knappen Wahlausgänge zwischen den koalitionspolitischen Lagern in Niedersachsen deuten an, dass es den Parteien und somit auch der CDU bis in die jüngste Zeit gelingt, die Integration der Wählerschaft relativ stabil zu halten. Doch die in den 2000er Jahren stark gesunkene Wahlbeteiligung (2008: 57,1 Prozent; 2013: 59,4 Prozent69) bei Landtagswahlen lässt erahnen, dass ein großes Wählerpotenzial existiert, das möglicherweise auch die Integrationsfähigkeit der CDU in Niedersachsen herausfordern könnte. Auch ein Bedarf an einer neuerlichen Flexibilisierung der Bündnispolitik im Landtag – wie sie schon in den 1950er und 1960er Jahren in Niedersachsen erprobt wurde –, könnte dann erstmals nach Jahrzehnten wieder gefragt sein.

Während sich Niedersachsens CDU in wahlhistorischer Perspektive nun kaum noch von anderen Landesverbänden unterscheidet, bleibt die Dreigliedrigkeit ein deutschlandweites Alleinstellungsmerkmal der Union in diesem Bundesland. Wenn es irgendeines besonderen Ausdrucks des besonderen föderalen Aufbaus der Union bedürfte, so kann Niedersachsen als Musterbeispiel dafür herhalten. Bei genauerem Hinsehen wurde aber deutlich, dass sich die formale Struktur und die faktische Wirkungsmacht trotz der Dachkonstruktion des niedersächsischen Verbandes im Grunde kaum von denen anderer Landesverbände unterscheiden. Die vermeintliche Sonderstellung in Niedersachsen wirkt nur in geringem Maße unmittelbar auf die Regierungspolitik der Partei im Land oder auf Bundesebene zurück. Die CDU in Niedersachsen ist allein durch ihren Aufbau keine andere Partei, als es die Landesverbände im übrigen Deutschland sind. Und dennoch sind die beiden kleinen Landesverbände in Braunschweig und Oldenburg nicht einfach als Bezirksverbände unter dem Titel eines Landesverbandes zu beurteilen. Denn auf binnenkultureller Ebene erwächst im Verband in Niedersachsen durch diese Struktur eine ausgeprägte regionale Gestalt mit spezifischen Mechanismen der Einflussnahme, einem außergewöhnlichen regionalpatriotischen Selbstbewusstsein und besonderen Regelungen des regionalen Proporzes, die in ihrer Qualität völlig anders gelagert sein dürften als in vergleichbar regional fragmentierten, aber organisatorisch zentralisierten Landesverbänden der Christdemokraten.

 
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