Titel, Sender, Programme: zur publizistischen Leistungsfähigkeit von Presse und Rundfunk in Niedersachsen

In diesem Abschnitt werden wir aktuelle Daten präsentieren, um die publizistische Leistungsfähigkeit der Massenmedien in Niedersachsen einschätzen zu können.

Zeitungsmarkt in Niedersachsen: Statistik und wichtigste Titel

Für die Analyse von Zeitungsmärkten stützt sich die Wissenschaft seit vielen Jahren auf die Arbeiten von Walter J. Schütz.21 Die aktuellen Daten beziehen sich auf 2012: Durch die weite Verbreitung unterschiedlicher konkurrierender Informationsangebote sinkt die verkaufte Auflage stetig weiter. Wirtschaftliche Erwägungen und Zeitungsübernahmen sowie der damit teilweise einhergehende Verlust der redaktionellen Eigentätigkeit und vermehrte Inhaltsübernahmen anderer Zeitungen führen außerdem zu einer Verringerung der „Publizistischen Einheiten“22 (PE) und der „Verlage als Herausgeber“.23 Die publizistische Konzentration nimmt daher weiter zu. Zeitungen versuchen außerdem, eher ihre Marktposition in ihrem Verbreitungsgebiet zu festigen, anstatt sich weiterem Wettbewerb auszusetzen24, was u.a. dazu führt, dass die Zeitungen dort ihre Präsenz verstärken und mehr auf das Verbreitungsgebiet zugeschnittene Ausgaben erscheinen – die Zahl der Ausgaben ist die einzige, die sich in den letzten Jahren erhöht hat. Laut Schütz ist der Trend zu erkennen, dass zwar einerseits Zeitungen bzw. Redaktionen geschlossen und zusammengelegt, andererseits bestehende Ausgaben weiter aufgeteilt werden.25 Dies bewertet er für die Vielfalt jedoch nicht als negativ, sondern kommt zu dem Schluss: „Redaktionelle Kooperation muss nicht Vielfalt mindern, vielmehr kann die regional bezogene Redaktion zentral erarbeiteten journalistischen Materials auch weiterhin zu einer Zeitung mit eigenem Profil beitragen.“26

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch Röper für den Zeitungsmarkt 2014, sieht diese jedoch sehr kritisch und bewertet sie im Gegensatz zu Schütz negativer. Die horizontale Konzentration, „gemessen als Anteile der Verlage an der verkauften Gesamtauflage“27, ist, so Röper, weiter gestiegen und hat erneut einen Höchstwert erreicht. Wenige große Verlagsgruppen besitzen einen immer höheren Marktanteil. Der Auflagenrückgang hält an und vor allem Regionalzeitungen konzentrieren sich auf ihr Kernverbreitungsgebiet, was zur Folge hat, dass viele Lokalausgaben eingestellt wurden oder mit gleichem Inhalt erscheinen.28 Röper sieht die Vielfalt gefährdet bzw. als nicht mehr gegeben an. Die LeserInnen können in Bezug auf Lokalausgaben kaum mehr zwischen redaktionell unterschiedlichen Ausgaben wählen. Durch die zunehmende crossmediale Aufstellung von Unternehmen, die horizontale Konzentration am deutschen Zeitungsmarkt und die für die Unternehmen daraus entstehende Alleinanbieter-Position können diese die lokale Berichterstattung beherrschen, was wiederum ihrem Auftrag, für Vielfalt zu sorgen, entgegensteht.29 Die Verlagsgruppe Madsack mit Sitz in Hannover kann nach Röper als ein Beispiel nicht nur für horizontale, sondern auch publizistische Konzentration gelten, wodurch keine vielfältige Berichterstattung mehr gegeben ist.30

Die Entwicklungen hin zu zunehmender publizistischer und horizontaler Konzentration treffen im Großen und Ganzen auch auf die verlegerischen und redaktionellen Strukturen der Tagespresse in Niedersachsen zu. Für Niedersachsen lassen sich nach Schütz dahingehend die in Tab. 1 dargestellten Eckdaten entnehmen.

Tab. 1 Publizistische Einheiten in Niedersachsen 1954–2012

Jahr

Publizistische Einheiten

Verkaufte Auflage in Tsd.

In Publizistischen Einheiten kooperierende Verlage als Herausgeber

Ausgaben

1954

27

1068,7

69

155

1967

20

1343,8

81

182

1989

12

1507,3

53

121

2004

11

1491,5

50

131

2012

11

1335,2

48

131

Quelle: Schütz: Deutsche Tagespresse, S. 572. Wir konzentrieren uns auf die wichtigsten statistischen Daten. Weitere Daten, z.B. zu der Entwicklung der „Verlage als Herausgeber“, finden sich bei Schütz: Deutsche Tagespresse, S. 577.

Da es im Rahmen dieses Abschnitts nicht möglich ist, die verlegerischen und redaktionellen Strukturen der elf PE, der jeweiligen Verlage als Herausgeber und der 131 Ausgaben im Detail zu erörtern, sollen niedersächsische Großstädte und die auflagenstärksten Zei-tungen in den Blick genommen werden. Sie können als Zentren für das jeweilige Umland gesehen werden, die dementsprechend großen Einfluss auf die (politische) Berichterstattung haben. Aus Schütz' Analysen geht hervor, dass die vier größten Städte Niedersachsens auch die Erscheinungsorte der vier auflagenstärksten Tageszeitungen sind.31

Tab. 2 Die vier auflagenstärksten Tageszeitungen Niedersachsens

Titel

Verkaufte Auflage

I. Quartal 2012 in Tsd. Stück

Verkaufte Auflage

III. Quartal 2008 in Tsd. Stück

Hannoversche Allgemeine Zeitung, Hannover

137,7

148,1

Hannoversche Allgemeine Zeitung und Neue

Presse (je eigenständige, in Hannover erscheinen-

de Titel, zur gleichen Verlagsgruppe gehörend)

137,7 + 54,4 –> 192,1

148,1 + 58,5 –> 206,6

Neue Osnabrücker Zeitung, Osnabrück

156,7

154,7

Braunschweiger Zeitung, Braunschweig

129,0

135,9

Nordwest-Zeitung, Oldenburg

119,3

122,5

Quelle: Schütz: Redaktionelle und verlegerische Strukturen, S. 599 f. und Schütz, Walter, J.: Redaktionelle und verlegerische Strukturen der deutschen Tagespresse. Übersicht über den Stand 2008, in: Media Perspektiven, H. 9/2009, S. 484–493, hier S. 490.

Die auflagenstärksten Tageszeitungen haben für die auf Niedersachsen bezogene Politikberichterstattung eine große Bedeutung. Mit hohen Auflagenzahlen informieren sie nicht nur am Standort der PE, sondern üben auch auf alle ihnen redaktionell zugehörigen Zeitungen und Ausgaben großen inhaltlichen Einfluss aus. Folglich vervielfacht sich ihre Reichweite.32

An dieser Stelle kann exemplarisch die crossmediale Ausrichtung einer großen Verlagsgruppe aufgezeigt werden. Die Hannoversche Allgemeine Zeitung gehört zur Verlagsgesellschaft Madsack und damit zu einer der zehn größten Verlagsgruppen Deutschlands.33 Madsack besitzt Anteile an radio ffn und an Antenne Niedersachsen. Da die Antenne Niedersachsen GmbH & Co. KG wiederum Anteile an RADIO 21 besitzt, ist so auch die Verlagsgruppe Madsack mittelbar an RADIO 21 beteiligt.34

 
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