Exklusion

Tatsächlich aber kann auch die Organisation der Zivilgesellschaft soziale Ungleichheiten, die in der Gesellschaft existieren und die die politische Partizipation unterschiedlicher Teile der Bevölkerung determinieren, nicht überwinden. Im Gegenteil, die Zivilgesell-schaft spiegelt nicht nur die ohnehin vorhandene Exklusion, sie verschärft z.T. bestehende Trends des Ausschlusses.31 Engagement und Partizipation werden voraussetzungsreicher, was weitere Teile der Bevölkerung von zivilgesellschaftlichem Engagement abhält. Im Vergleich zu Wahlen, an denen sich sozial Benachteiligte schon relativ selten beteiligen, erreichen die Partizipationsangebote der Zivilgesellschaft nochmals deutlich weniger Prekarisierte und Marginalisierte.

Nimmt man aber die oben skizzierten positiven Effekte und Auswirkungen der Zivilgesellschaft für die Engagierten, aber auch für die Gesellschaft als Ganzes ernst, dann sind systematische Ausfälle von bestimmten Teilen der Bevölkerung ein schwerwiegendes Problem. Im Folgenden soll dies insbesondere für zwei Gruppen diskutiert werden, die statistisch gesehen signifikant seltener engagiert sind als andere Gruppen: Frauen auf der einen und Angehörige sozial schwacher Schichten auf der anderen Seite. Die soziale Ungleichheit, die sich auch auf die Zivilgesellschaft überträgt, ist kein genuin niedersächsisches Problem, sondern betrifft die Zivilgesellschaft in Deutschland (und z.T. auch darüber hinaus) insgesamt, nichtsdestotrotz finden sich die angesprochenen Schwächen auch auf der niedersächsischen Ebene und stellen Engagierte und politisch Verantwortliche auch vor Ort vor entsprechende Herausforderungen.

Gender-Gap

Wie bereits beschrieben, sind Frauen zu einem deutlich geringeren Prozentsatz zivilgesellschaftlich engagiert als Männer (36 Prozent zu 46 Prozent). Diese ohnehin schon auffallende ungleiche Verteilung wird noch zusätzlich gesteigert, wenn man die Funktionen betrachtet, die Männer und Frauen ausüben. Frauen sind sehr viel häufiger in Bereichen aktiv, in denen persönliche Hilfeleistungen eine Rolle spielen, wie bspw. im Kindergarten oder in der Schule, aber auch bei Kirchen und generell im sozialen Bereich. Viele Frauen sind ausschließlich im Zusammenhang mit der eigenen Familie zivilgesellschaftlich engagiert, was zu einer Aufgabenhäufung in bestimmten Lebensabschnitten führt. Kinder sind der zentrale Zugang von Frauen zur Zivilgesellschaft, nur selten gelingt es aber, im Anschluss an Tätigkeiten in Kindergarten oder Schule eine weiterführende Aktivität zu übernehmen. Auf diese Weise setzt sich auch im Engagement die klassische gesellschaftliche Rollenverteilung zwischen Frauen und Männern in geschlechterspezifischen Aufgabenmustern fort.

Verstärkt wird diese Tendenz zusätzlich durch die ungleiche Verteilung von leitenden Aufgaben innerhalb der Zivilgesellschaft: 2009 hatten 42 Prozent der männlichen Engagierten Leitungsfunktionen, bei Frauen waren es nur noch 24 Prozent, ein deutlicher Rückgang im Vergleich zu 1999 (damals hatten 44 Prozent der Männer und 35 Prozent der Frauen eine leitende Funktion inne). Dieser Rückgang geht insbesondere zulasten der jüngeren Frauen. Eine leitende Funktion innerhalb der Zivilgesellschaft wird heutzutage mit großer Wahrscheinlichkeit von Männern über 45 Jahren ausgeübt: In dieser Gruppe besetzen mehr als die Hälfte eine Leitungsfunktion, bei jüngeren Frauen ist es dagegen nur noch jede Fünfte.32

 
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