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2 Organisationen und Kommunikation

„Greenpeace äußert sich zu letzter Aktion“, „Siemens gibt Quartalszahlen bekannt“, „die katholische Kirche mahnt zu mehr Toleranz“ – diese Sätze sind Beispiele für eine gemeinhin anerkannte Tatsache: Organisationen kommunizieren. Sie treten damit in Austausch mit ihrer Umwelt, reagieren auf diese oder versuchen sie im Sinne ihrer Organisationsziele zu beeinflussen.

Die Annahme einer kommunizierenden Organisation führt aus theoretischer Perspektive zu großem Verortungsbedarf: Wer kommuniziert, wenn eine Organisation kommuniziert? Schließlich sind es zunächst nur einmal Individuen, die kommunizieren (vgl. Donges 2011: 218). Auch die Kommunikation einer Organisation ist jedoch nicht urwüchsig, sondern wird in der Regel von professionalisierten Rollenträgern ausgeübt – den Kommunikationsmanagern, Pressesprechern, PR-Referenten oder Marketing-Managern. Wie können Organisationen also als zu Kommunikation fähige Akteure verstanden werden? Auch für die Untersuchung von Clusterorganisationen, die – wie zu zeigen sein wird – unterschiedlichste Interessen einer Vielzahl von Akteuren bündeln, stellt sich diese Frage in besonderem Maße. Daher widmet sich dieses Kapitel den Bedingungen und Voraussetzungen der Kommunikation von Organisationen.

Zunächst wird im Folgenden der Organisationsbegriff ausführlich erörtert – neben den Merkmalen von Organisationen geht es dabei insbesondere auch um einen theoretischen Zugang zu Entstehung und Wandel von Organisationen und ihren Merkmalen. Dadurch ist es später möglich, Clusterorganisationen als neue Organisationsform analytisch besser einzuordnen. Im Anschluss werden die Kernbegriffe Kommunikation und Öffentlichkeit diskutiert, bevor verschiedene Theorien der Organisationskommunikation kritisch gewürdigt werden.

2.1 Organisationen

2.1.1 Merkmale von Organisationen

Es lässt sich mit einiger Berechtigung sagen, dass kaum ein sozialwissenschaftlicher Forschungsgegenstand eine derart breite Theorienvielfalt hervorgebracht hat wie die Organisation. In Soziologie (vgl. Müller-Jentsch 2003) ebenso wie in der Betriebswirtschaftslehre (vgl. Schreyögg 2008:3) kursieren vielfältige Organisationsverständnisse. Von Max Webers Bürokratieansatz (vgl. Weber 1976) über den Taylorismus (vgl. Taylor 1911) und die betriebswirtschaftliche Organisationslehre (vgl. Nordsieck 1968; Kosiol 1976; Grochla 1982) bis hin zur Systemtheorie (vgl. Parsons 1960; Luhmann 2000) reicht das Spektrum der Organisationstheorien.

In einer ersten Annäherung können Organisationen als kooperativer Zusammenschluss von Menschen zur Verwirklichung von Interessen verstanden werden. Im Unterschied zu Individuen handelt es sich bei Organisationen damit um komplexe Akteure, da sie aus mehreren Individuen bestehen. In der Literatur gibt es eine zusätzliche Unterscheidung der komplexen Akteure in kollektive und korporative Akteure (vgl. Donges 2011: 226). Während es sich bei kollektiven Akteuren um einen Zusammenschluss von Individuen ohne eine Formalisierung der Organisation, d.h. in der Regel auch ohne feste Mitgliedschaften (vgl. Mayntz/Scharpf 1995: 49ff.), handelt, zeichnen sich korporative Akteure durch eine Ressourcenzusammenlegung aus (vgl. Kieser/Walgenbach 2007: 3). Mayntz/Scharpf (1995: 49f.) definieren korporative Akteure so auch als „handlungsfähige, formal organisierte Personen-Mehrheiten, die über zentralisierte, also nicht mehr den Mitgliedern individuell zustehende Handlungsressourcen verfügen, über deren Einsatz hierarchisch (zum Beispiel in Unternehmen oder Behörden) oder majoritär (zum Beispiel in Parteien oder Verbänden) entschieden werden kann“.

In einer Auswertung der Literatur zu Organisationsforschung hat Röttger (2000: 133) die folgenden zentralen Merkmale von Organisationen identifiziert:

Ÿ Organisationen sind durch spezifische Interessen und Ziele gekennzeichnet, sie sind bewusst und planvoll auf einen bestimmten Zweck hin gebildet

Ÿ Organisationen sind auf (relative) Dauer angelegt

Ÿ Organisationen verfügen über Eigenkomplexität und grenzen sich gegenüber anderen Handlungszusammenhängen bzw. ihrer Umwelt ab

Ÿ Zur Koordination und Steuerung der organisationsinternen Interaktionen verfügen Organisationen über eine geschaffene und für Organisationsmitglieder weitgehend verbindliche Ordnung und – in der Regel hierarchisch gegliederte – Struktur (Formalisierung)

Ÿ Die Zugehörigkeit einzelner Akteure zu Organisationen wird über Mitgliedsrollen geregelt

Daran anknüpfend werden Organisationen hier als soziale Gebilde verstanden, „die dauerhaft ein Ziel verfolgen und eine formale Struktur aufweisen, mit deren Hilfe die Aktivitäten der Mitglieder auf das verfolgte Ziel ausgerichtet werden“ sollen (vgl. Kieser/Walgenbach 2007: 6). Einem ebensolchen Verständnis folgen Allmendinger/Hinz, wenn sie festhalten:

„Es gibt die Organisation kennzeichnende Ziele, es sind Mitglieder der Organisation vorhanden, es gibt ein Innenverhältnis, das sich durch eine Mischung aus formalisierten und informellen Handlungen und Strukturen auszeichnet“ (Allmendinger/Hinz 2002: 10).

Zum besseren Verständnis dieser Definition von Organisationen widmen wir uns im Folgenden den drei darin enthaltenen wesentlichen Bestimmungsmerkmalen:

Ÿ Organisationsziele

Ÿ Organisationsstruktur

Ÿ Organisationsmitgliedschaft

 
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