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Forschungsstil: Generierung von Theorie durch komparative Analyse nach Glaser/ Strauss

Glaser und Strauss haben 1967 mit ihrem Buch “The Discovery of Grounded Theory: Strategies for Qualitativ Research“ einen Forschungsstil bzw. Forschungsmethodologie (vgl. Nittel 2012) entwickelt, der es ermöglicht, durch permanente komparative Analyse eine auf empirischer Datenlage fußende Theorie zu generieren. Dieser Forschungsstil ist nicht gebunden an bestimmte Datentypen, Forschungsrichtungen oder theoretische Interessen (vgl. Strauss 1998: 2930). Somit ist eine breite Anwendung möglich. Zu den Grundelementen des Forschungsstils gehören (a) das Entdecken von Phänomenen im Datenmaterial, die (b) durch die Entwicklung von Konzepten kodiert werden. Die so gewonnen Konzepte werden (c) in Form von Kategorien klassifiziert. Durch (d) die komparative Analyse können die gewonnen Konzepte und Kategorien spezifiziert werden (vgl. Glaser & Strauss 2008: 35-36). Die komparative Analyse erfolgt auf der Grundlage einer Vielzahl von ausgewählten Fällen, die im Rahmen (e) des theoretischen Samplings festgelegt werden. Hierunter ist der Prozess des parallel stattfindenden Erhebens und Auswertens des empirischen Materials zu verstehen. Im permanenten Abgleich mit der sich entwickelnden Theorie wird entschieden, welche Daten als nächstes erhoben werden müssen (vgl. a.a.O.: 40-53). Das theoretische Sampling endet, wenn die theoretische Sättigung der Kategorien erreicht wird, d. h. wenn keine weiteren Daten mehr gefunden werden können, um zusätzliche Eigenschaften einer Kategorie zu entwickeln. Durch die Sättigung mit Daten erfolgt letztendlich auch die Theorieverifizierung (vgl. a.a.O.: 36-37). Die sich entwickelnde gegenstandsverankerte Theorie besteht somit aus Kategorien und deren Eigenschaften. Während eine Kategorie ein konzeptuelles Theorieelement darstellt, verkörpert eine Eigenschaft einen konzeptuellen Aspekt einer Kategorie. Ein weiterer Bestandteil der Theorie sind Hypothesen, die allgemeine Beziehungen zwischen den Kategorien aufdecken, die ihre Verankerung aber im Datenmaterial aufweisen müssen (vgl. a.a.O.: 4549).

,Induktivistisches Selbstmissverständnis' der ersten Konzeption der Grounded Theory in den 1960er Jahren

Nach Glaser und Strauss sollen Forschende die induktiv aus dem empirischen Datenmaterial hervorgehende Theorie möglichst nicht durch eigenes theoretisches Vorwissen beeinflussen und dadurch die sich entwickelnde Theorie verfälschen. Kelle (2007) spricht von einem ,induktivistischen Selbstmissverständnis' der Grounded Theory der 1960er Jahre. Er konstatiert, dass es sich bei der frühen Konzeption der Grounded Theory um ein ,radikal induktivistisches Modell' handelt, das in der modernen Erkenntnistheorie als veraltet gilt, da jede Beobachtung von dem theoretischen Wissen der Forschenden beeinflusst wird (vgl. Kelle 2007: 34). Glaser und Straus sind sich diesem Problem durchaus in ihrer Arbeit “The Discovery of Grounded Theory“ bewusst und begegnen diesem mit dem Begriff der theoretischen Sensibilität. [1] Hierbei handelt es sich um die Fähigkeit, über das empirische Material theoretisch zu reflektieren. Das heißt, dass die Festlegung von Konzepten, die Generierung von Kategorien sowie das Identifizieren von inhaltlichen Verbindungen zwischen den Kategorien unter Anleitung der theoretischen Sensibilität erfolgt, die es den Forschenden ermöglicht, zu erkennen, was in den Daten wichtig ist und wichtig werden kann. Als Quellen theoretischer Sensibilität können wissenschaftliche Literatur, Berufserfahrungen, persönliche Erfahrungen sowie der analytische Prozess selbst benannt werden. Diese Quellen leisten einen Beitrag, die Forschenden für den zu untersuchenden Gegenstand im Datenmaterial sensibel zu machen (vgl. Strauss & Corbin 1996: 25-27). [2]

  • [1] Kelle (2007) begründet das induktivistische Selbstmissverständnis in der forschungspolitischen Motivation der beiden Begründer: „Glaser und Strauss setzen dabei der Vorherrschaft des hypothetiko-deduktiven Modells in der quantitativen Surveymethodologie eine induktivistische Rhetorik des ,zurück zu den empirischen Daten' entgegen. Methodologisch war diese Rhetorik jedoch problematisch, weil ein induktivistisches Modell des Forschungshandelns forschungspraktisch gar nicht umsetzbar ist“ (Kelle 2007: 39).
  • [2] Kelle (2007) konstatiert, dass die Fähigkeit zur theoretischen Sensibilität in dem ersten Konzept der Grounded Theory von 1967 von Glaser und Strauss nicht methodologisch reflektiert und in Handlungsregeln übersetzt worden sei. Unter Bezugnahme auf die von Glaser und Strauss durchgeführte Studie „Die Interaktion mit Sterbenden“ von 1974 leitet Kelle die folgende Konklusion für die Explikation des Begriffs der theoretischen Sensibilität ab: „Theoretische Sensibilität bedeutet die Verfügbarkeit brauchbarer heuristischer Konzepte, die die Identifizierung theoretisch relevanter Phänomene im Datenmaterial ermöglichen. Eine wesentliche Grundlage für diese heuristischen Konzepte bilden leitende Annahmen und zentrale Konzepte großer Theorien. Dabei zeigt sich, dass eine begriffliche Analyse solcher Annahmen und Konzepte für die empirisch begründete Theoriebildung von ebenso großer Bedeutung ist wie eine empirische Untersuchung der damit bezeichneten Phänomene. Glaser und Strauss gehen im Discovery-Buch auf diese Aspekte jedoch nicht ein, sondern erwecken eher den Eindruck, als könnten Merkmale der Kategorie (…) allein durch empirische Analysen gewonnen werden“ (Kelle 2007: 38-39, Hervorhebungen im Original).
 
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