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2.3 Organisationskommunikation

Der Begriff „Organisationskommunikation“ ist nicht unproblematisch, da er in unterschiedlichen disziplinären Kontexten unterschiedlich verwendet wird und nicht immer dasselbe meint (vgl. z.B. Wehmeier/Rademacher/Zerfaß 2013; Theis-Berglmair 2008: 111; Jones 2004).

Weitere Verwirrung kann durch die zahlreichen weiteren in Theorie und Praxis kursierenden Begriffe entstehen, die die Kommunikation von Organisationen – meist bezogen auf Unternehmen – bezeichnen sollen. Neben Organisationskommunikation lassen sich so verschiedene Begriffe wie Public Relations, Marketing, Interne Kommunikation, Kommunikationsmanagement, Strategische Kommunikation, Corporate Communications oder Unternehmenskommunikation nennen. Auch bei diesen Begriffen ist das Begriffsverständnis selten eindeutig. Bereits Mitte der 1970er Jahre listete Harlow (1976: 36) 472 verschiedene Definitionen für den Begriff PR auf – seitdem sind zahlreiche hinzugekommen (vgl. z.B. Grunig/Hunt 1984: 6; Merten/Westerbarkey 1994: 210; Bentele 1997: 22f.; Meffert et al. 2008: 672). Was jeweils unter diesen Begriffen verstanden wird und inwieweit sie als synonym gesehen werden können, hängt maßgeblich vom disziplinären Kontext ab.

Zunächst soll im Folgenden das Begriffsverständnis von Organisationskommunikation geklärt werden, insbesondere auch hinsichtlich des Zusammenhangs mit dem Begriff Public Relations. Im Anschluss wird der Bezug zu weiteren Kernbegriffen wie Marketing oder Kommunikationsmanagement erörtert.

2.3.1 Organisationskommunikation: Begriffsverständnisse

Für den Begriff „Organisationskommunikation“ lassen sich in der deutschsprachigen wissenschaftlichen Literatur drei grundlegend verschiedene Verwendungen identifizieren (vgl. Abbildung 4; siehe auch Theis-Berglmaier 2008: 111; Wehmeier/Zerfaß/Rademacher 2013;Ingenhoff/Bachmann 2014: 246ff.):

1. als Überbegriff für alle Arten von Kommunikation in und von Organisationen,

2. als Kommunikation innerhalb von Organisationen,

3. als Kommunikationsprozesse, die durch die Organisation als Einflussgröße geprägt sind.

Abbildung 4: Verständnisse von Organisationskommunikation

Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Wehmeier/Zerfaß/Rademacher 2013

Nach dem ersten Verständnis lässt sich Organisationskommunikation als Überbegriff für alle Arten von Kommunikation in und von Organisationen verstehen, d.h. die Kommunika tion sowohl mit internen als auch externen Gruppen (vgl. Theis 1993: 313, Theis-Berglmair 2003; 2008, Wehmeier 2008; Szyszka 2006, 2005b; Herger 2004). Darunter fallen so verschiedene Kommunikationsbereiche wie Public Relations, Marketing und interne Kommunikation. In diesem weiten Verständnis wird der Begriff vor allem von deutschen PRForschern verwendet, so dass Organisationskommunikation hier häufig als „Oberbegriff für PR und ähnliche Kommunikationstypen beziehungsweise Synonym für PR“ verwendet wird (Wehmeier/Zerfaß/Rademacher 2013). Eine nochmals erweiterte Definition, die auch in das Selbstverständnis der Fachgruppe „PR und Organisationskommunikation“ der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) Eingang gefunden hat, sieht Organisationskommunikation als „Kommunikation in, von und über Organisationen“ (vgl. Szyszka 1999: 1; Wehmeier 2008: 227; Ingenhoff/Bachmann 2014: 246) [1].

Nach dem zweiten Verständnis lässt sich Organisationskommunikation nach Art des US-amerikanischen Forschungsfeldes „organizational communication“ begreifen, das eine sehr lang zurückreichende Tradition hat und sich vor allem auf die Kommunikationsprozesse innerhalb von Organisationen konzentriert, häufig mit Schwerpunkten auf Mitarbeiterkommunikation bzw. Führungskommunikation (vgl. Taylor et al. 2000; Jones 2004; Jablin/Putnam 2005). Schwerpunkt ist „die Vermittlung von Zielen, Arbeitsanweisungen und [die] Informationsweitergabe“ (Mast 2008: 211). Schultz (2011: 74) verortet dieses Verständnis aus theoretischer Perspektive wie folgt:

„Der Begriff der Organisationskommunikation ist hier stärker in der Rhetorik, den Human Relations und frühen Modellen der Organisationsund Managementtheorie verhaftet und integriert soziologische wie managementtheoretische Perspektiven (Management Communication, Mikropolitik, interpersonelle Beziehungen, Organisationskultur, Symbolismus, Macht und Einfluss, interorganisationale Netzwerke).“

In der deutschen Kommunikationswissenschaft wird Organisationskommunikation in diesem Sinne z.B. von Zerfaß (2004) oder – bezogen auf die rein interpersonale Kommunikation – von Weder (2010) verstanden.

Ein drittes Begriffsverständnis von Organisationskommunikation liegt schließlich darin, die Rolle von Kommunikation in unterschiedlichen Organisationskonzeptionen zu untersuchen, d.h. auch das Konstituieren einer Organisation durch Kommunikation (vgl. Wehmeier/Zerfaß/Rademacher 2013). Damit meint Organisationskommunikation alle „Kommunikationsprozesse, die wesentlich durch die Organisation als Einflussgröße geprägt sind“ (Theis-Berglmair 2003: 18). Dies kann auf einer Mikro-, Mesooder Makroebene geschehen: „Auf der Mikroebene steht die Kommunikation zwischen einzelnen Personen oder Abteilungen im Fokus der Betrachtung (…), auf der Mesoebene wird die Kommunikation zwischen einzelnen Abteilungen oder verschiedenen Organisationen zum Thema. Die Makroebene dagegen bezieht sich auf Kommunikationsprozesse zwischen Organisationen und ihrem gesellschaftlichen Umfeld“ (Theis-Berglmair 2003: 565).

Neben kommunikationswissenschaftlichen Arbeiten (vgl. Theis-Berglmaier 2003) sind hier auch Arbeiten aus der Organisationswissenschaft (vgl. Kieser 1998) verortet. In diesen Kontext lässt sich auch die Rezeption des amerikanischen „communication constitutes organization“-Ansatzes einordnen (vgl. Schoeneborn 2013), ebenso die Versuche, neoinstitutionalistische Ansätze aus der Organisationssoziologie für die Kommunikationswissenschaft fruchtbar zu machen (vgl. Sandhu 2012, 2013; Gregory/Invernizzi/Romanti 2013). Dieses Verständnis von Organisationskommunikation ist weiter von konkreten Praxisfragestellungen und Verwertungszusammenhängen entfernt und sucht eine theoretische „Anbindung der Kommunikationsforschung an die Organisationssoziologie und organisationsbezogene […] Betriebswirtschaftslehre“ (Wehmeier/Zerfaß/Rademacher 2013).

Im Folgenden soll zunächst ausführlicher das erste Begriffsverständnis behandelt werden, d.h. Organisationskommunikation als Kommunikation von und in Organisationen. Wesentliche Erkenntnisse, die für die Ziele dieser Arbeit jedoch aus dem zweiten und dritten Begriffsverständnis fruchtbar gemacht werden können, werden im Anschluss daran diskutiert.

  • [1] Vgl.dgpuk.de/fachgruppenad-hoc-gruppen/pr-und-organisationskommunikation/ selbstverstandnis, abgerufen am 20.3.2015
 
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