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3.1.2 Clustertheoretische Ansätze

Im Werk von Michael Porter hat sich das Clusterkonzept im Laufe der Jahre weiterentwickelt. Während es in „The Competitive Advantage of Nations“ zunächst nur um die Frage der internationalen Wettbewerbsfähigkeit von Nationen ging und die räumliche Dimension der Cluster dabei noch eher diffus war und alles von einer Stadt bis zu einer Nation umfassen konnte (vgl. Thomi/Sternberg 2008: 73), wandte er sich in späteren Texten explizit den Regionen als Akteuren und Schauplätzen von Clustern zu (vgl. Porter 1996, 1998, 2000; auch Ketels 2006). Hier wird auch intermediären Organisationen (d.h. Clusterorganisationen) erstmals eine besondere Rolle zugewiesen, um den Aufbau von Clustern zu unterstützen. Damit wird auch die Resonanz des Clusterkonzepts in der Politik einbezogen: Das Clusterkonzept wurde schnell von Wirtschaft und Politik aufgegriffen, da es sich in neue Förderund Entwicklungsperspektiven überführen ließ, die für die zunehmende Öffnung der Märkte und grenzüberschreitende Vernetzungen der Wirtschaft geeignet schienen (vgl. Thomi/Sternberg 2008: 73).

Entsprechend sehen Kritiker von Porter wie Martin/Sunley (2003) den Grund für den Erfolg des Clusterkonzepts auch nicht in dessen theoretischer oder empirischer Fundiertheit. Tatsächlich kritisieren sie, dass Porters Ansatz regionaler Cluster deutliche konzeptionelle Schwächen habe. Der Erfolg des Konzepts in der Praxis beruhe danach vielmehr auf Porters Fokussierung auf politiknahe Aspekte, einer gewissen inhaltlichen Unbestimmtheit und der damit verbundenen leichten Anpassungsfähigkeit des Konzepts sowie letztendlich auch auf Porters Ansehen und der geschickten Vermarktung: „Clever positioning and marketing of the cluster idea have been extremely influential in selling it to policy makers the world over. In adopting the cluster idea, policy makers purchase the ‚Porter brand', and in doing so serve to reinforce the brand's prominence“ (Martin/Sunley 2003: 29).

Neben den Ansatz von Porter sind im Laufe der Zeit zahlreiche weitere Zugänge zum Konzept regionaler Wirtschaftscluster getreten, so dass sich heute eine vielstimmige Theoriediskussion entfaltet hat, die sich aus vielfältigen disziplinären Perspektiven speist. In der regionalisierten Variante wurde das Clusterkonzept seit Ende der 1990er Jahre verstärkt von anderen Autoren verschiedenster Disziplinen aufgegriffen (vgl. Thomi/Sternberg 2008: 73) – etwa aus der Wirtschaftsgeographie (vgl. Krugman 1994; Gordon/MacCann 2000; Kiese 2008a, 2008b), der Soziologie (vgl. Scheff 1999; Cooke 2002) oder der Politikwissenschaft (vgl. Bruch-Kumbein/Hochmuth 2000; Raines 2002). So ging die Rezeption des Clusterkonzepts auch mit einer verstärkten Wiederentdeckung der Agglomerationsökonomik und einer breiten Auseinandersetzung im Rahmen wirtschaftsgeographischer Theoriebildung einher. Bislang eigenständig diskutierte Theorien zu Innovation und Wissen mit Raumbezug wurden aufgrund der Karriere des Clusterbegriffs zunehmend in den Diskussionskontext des Clusterkonzepts gerückt (vgl. Thomi/Sternberg 2008: 73). Dadurch fand aber zugleich eine Öffnung des Konzepts statt, das aus seinem ursprünglichen Bedeutungszusammenhang genommen und um neue Ideen und Heuristiken der Sozialund Wirtschaftswissenschaften erweitert wurde. Als Ergebnis sind ursprünglich eigenständige Theorien näher zueinander gerückt. Eine exakte Abgrenzung zwischen ihnen ist daher im Rahmen der Clustertheorie heute kaum noch zu leisten (vgl. Thomi/Sternberg 2008: 74). Zum Teil ergänzen sich diese untereinander, zum Teil aber haben sie auch wenig gemeinsame Schnittmengen (siehe auch Abbildung 8). Schon der Begriff Cluster an sich ist in den verschiedenen Begründungslinien nicht einheitlich besetzt. Die unscharfe Abgrenzung und die Definitionsvielfalt des Phänomens Cluster erlaubt es, dieses in sehr verschiedenen Kontexten zu nutzen.

Abbildung 8: Konzeptionsvielfalt clustertheoretischer Ansätze

Bislang ist es nicht gelungen, die verschiedenen Theorien in einem einheitlichen interdisziplinären theoretischen Modell zu vereinigen. Weitgehender Konsens herrscht darüber, dass deutlich wahrnehmbare regionale Zusammenballungen von Unternehmen einer Branche existieren und dass sich Unternehmen eines Clusters durch einen gemeinsamen Bezug auf ein Themenfeld auszeichnen und untereinander verflochten sind (vgl. Thomi/Sternberg 2008: 74). Zudem ist ein Cluster immer mehr als eine Agglomeration einer einzelnen Industrie. Vielmehr geht es dabei immer um eine Verknüpfung mehrerer Industrien, die über Wertschöpfungsketten und Rahmenbedingungen miteinander verbunden sind (vgl. Lindqvist 2009: 14). Unterschiede gibt es vor allem darin, die Gründe für diese Zusammenballungen und Vernetzungen zu erklären.

Durch die vielfältigen beteiligten Disziplinen kann Clusterforschung heute auch nicht mehr als reine Fortsetzung der Theoriebildung von Porter verstanden werden, und die Mängel an seinem ursprünglichen Konzept können nicht mehr als Kritik von Clustern an sich dienen – zu breit ist die Clusterforschung inzwischen aufgestellt und durch neue Perspektiven ergänzt worden. Einen Überblick über die verschiedenen Ansätze bieten z.B. Gordon/McCann (2000), Martin/Sunley (2003), Kiese (2008a: 59), Thomi/Sternberg (2008) oder Lerch (2009).

Wie im vorherigen Kapitel dargestellt, konstituiert sich ein Organisationstyp maßgeblich durch Kommunikation (vgl. Kap. 2.3.6). Um also ein Verständnis davon zu gewinnen, was eine Clusterorganisation ist und welche Erwartungen an sie gestellt werden, ist eine Auseinandersetzung mit dem Diskurs zu Clustern angebracht. Dies kann im Rahmen dieser Arbeit nicht umfassend und erschöpfend stattfinden, da dafür eine extensive Diskursanalyse notwendig wäre. Stattdessen soll über die Diskussion unterschiedlicher clustertheoretischer Ansätze in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen eine Annäherung an den Clusterbegriff erreicht werden und gleichzeitig dessen Bedeutungsbreite deutlich werden. Dadurch wird auch die Vielfalt der Erwartungen umrissen, die unterschiedliche Stakeholder von Clusterorganisationen haben können.

Neben explizit clustertheoretischen Ansätzen werden dabei auch sozialwissenschaftliche Netzwerkansätze einbezogen, da es zwischen beiden eine große Deckungsgleichheit gibt und Netzwerkansätze im Kern des Clusterkonzepts stehen (vgl. Floeting/ZwickerSchwarm 2008; Gordon/MacCann 2000; Sternberg 1999).

Im Einzelnen werden im Folgenden Netzwerkansätze in der Betriebswirtschaft, in der Wirtschaftsgeographie und in der Politikwissenschaft gewürdigt. Implizit sind darüber die Perspektiven von Unternehmen, Wirtschaftsfördereinrichtungen, Politik und öffentlicher Verwaltung berücksichtigt. Allen Ansätzen ist gemein, dass sie die Bildung von Netzwerken zu erklären versuchen, in denen verschiedene Stakeholder miteinander verknüpft werden, wobei sich die Eigenlogik der Netzwerkbildung unterscheidet. Der Ausgangspunkt der theoretischen Beschäftigung mit diesen Konzentrationsprozessen ist dabei jeweils ein anderer – im Ergebnis aber werden die Erwartungen, die von unterschiedlicher Seite an Clusterorganisationen gerichtet werden, transparenter gemacht.

Betriebswirtschaftliche Netzwerkansätze

Die direkte Auseinandersetzung mit dem Clusterkonzept in der betriebswirtschaftlichen Management-Literatur ist relativ spärlich. Dies ist auf den ersten Blick verwunderlich, da es mit Michael Porter von einem äußerst renommierten Wirtschaftswissenschaftler aus dem Bereich des strategischen Managements stammt, dessen Arbeiten zu Wertschöpfungsketten aus den 1980er Jahren breit aufgegriffen wurden und heute zum Standard gehören (vgl. Porter 1985; Porter/Millar 1985). Lindqvist (2009: 42ff.) zeigt an einer Auswertung der drei wichtigsten US-amerikanischen Management-Journale, dass von den mehreren tausend Artikeln, die seit 1990 dort veröffentlicht wurden, lediglich acht auf das Clusterkonzept eingehen. Er erklärt dies damit, dass in den 1990er Jahren in der strategischen Management-Literatur v.a. der „resource-based view“ dominant war und damit die inneren Prozesse der Unternehmung im Zentrum standen. Dadurch sei das Clusterkonzept, das auf die Einbettung der Unternehmung in das regionale Umfeld abhebt, möglicherweise nicht zeitgemäß gewesen. Seit Ende der 1990er Jahre spiele jedoch mit dem „relational view of the firm“ auch das Unternehmensumfeld wieder eine größere Rolle im Rahmen der Management-Literatur, aufbauend auf der Erkenntnis, dass wesentliche Ressourcen auch außerhalb der Unternehmung verortet sein können, die jedoch in die Arbeit der Firma eingebettet würden (vgl. Dyer/Singh 1998). Neben Ressourcen, die firmenintern, und solchen, die auf dem Markt verfügbar sind, gebe es auch Ressourcen, die innerhalb einer Region vorkommen, aber außerhalb jeder einzelnen Firma – etwa spezialisierte Ausbildungsoder Forschungseinrichtungen (vgl. Enright 1998).

Entsprechend existieren heute einige Ansätze, die aus betriebswirtschaftlicher Sicht auf die Motivation von Unternehmen eingehen, sich in Netzwerken zu formieren, beispielsweise von Autoren wie Sydow/Windeler (1997), Sydow (2010), Beck (1998), Grandori (1999) oder Windeler (2001). Dabei wird nicht zwingend immer auf das Clusterkonzept Bezug genommen, da sich diese Ansätze in einer anderen Theorietradition befinden. Betriebswirtschaftliche Netzwerkansätze sind daher nicht als mit dem Clusterkonzept identisch zu sehen. Jedoch existiert eine bedeutende Schnittmenge zwischen beiden Diskursen hinsichtlich Motivation und Auswirkungen der Netzwerkbildung. Daher sollen über die betriebswirtschaftlichen Netzwerkansätze im Folgenden die Ansprüche, Erwartungen und Ziele von Unternehmen bei der Mitwirkung in Clusterorganisationen rekonstruiert werden.

In der wirtschaftswissenschaftlichen Netzwerkforschung werden Unternehmen nicht mehr als abgeschlossene Gebilde betrachtet, deren Organisations-Umwelt-Beziehungen scharf gezogen wären. Stattdessen würden Grenzen von Unternehmen zunehmend von interorganisationalen Beziehungen überwunden (vgl. Picot/Reichwald/Wigand 2003: 2). Für Sydow (2010: 375f.) sind Netzwerke eine weitere Form der Primärorganisation, die als komplementär zur funktionalen und divisionalen Organisation von Unternehmen sowie zur Prozessorganisation zu sehen sei. Die Form der Beziehungen, die sich über moderne Unternehmensnetzwerke gestalte, gehe über die klassischen Zulieferer-Abnehmer-Beziehungen hinaus und betreffe auch Bereiche wie Forschung und Entwicklung, Produktion oder Vertrieb (vgl. Beck 1998: 25).

Die wirtschaftswissenschaftliche Netzwerkforschung dreht sich daher um die Organisation und Logik von Netzwerken zwischen Unternehmen und anderen Organisationen und das Management dieser Beziehungen. Interorganisationale Netzwerke werden danach – dem Transaktionskostenansatz folgend – als eigenständige Koordinationsform im Spannungsfeld von Markt und Hierarchie angesiedelt (vgl. Powell 1990). Netzwerke sind in dieser Sichtweise eine eigenständige hybride Organisationsform, in der die einzelnen Akteure weder unabhängig wie in einer Marktsituation noch einseitig abhängig wie im Modell der bürokratischen Hierarchie sind. Stattdessen herrsche eine Teilautonomie, d.h. die Akteure befinden sich in wechselseitiger Abhängigkeit. Für Netzwerkmitglieder gelte es, eine Balance zwischen der Loyalität zur eigenen Organisation und zum übergreifenden Interessenverbund zu finden (vgl. Schubert 2008: 36).

Tabelle 2 illustriert die Logiken der Koordinationsformen Markt, Hierarchie und Netzwerk im Vergleich:

Tabelle 2: Markt, Hierarchie und Netzwerk als Koordinationsformen

Quelle: in Anlehnung an Nausner 2006: 133

Auslösendes Moment für die Netzwerkbildung aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht sind globale Veränderungen im Unternehmensumfeld: Die Umwelt von Unternehmen ist heute geprägt durch raschen Wandel sowohl im technologischen wie auch wirtschaftlichen, rechtlichen und gesellschaftlichen Bereich. Die globalisierte Wirtschaft und die beschleunigten Produktlebenszyklen führen zu einem zunehmenden Wettbewerbsdruck auf die Unternehmen und dem Bedarf nach mehr Flexibilität, um auf Änderungen schnell reagieren zu können. Eine Folge ist die Konzentration der Unternehmen auf ihre Kernkompetenzen. Als Folge dessen reichen organisationsinterne Ressourcen zur Bewältigung der Anforderungen häufig nicht mehr aus. Insbesondere kleinere und mittlere Unternehmen stehen dabei besonders unter Druck. Globalisierung bedeutet hier eine zunehmende Komplexität und Verdichtung der für die kleinen und mittleren Unternehmen relevanten Marktstrukturen bei gleichzeitiger Beschleunigung der Marktprozesse (vgl. Becker et al. 2007: 6). Kostensenkung und Verschlankung der Strukturen können nicht unbegrenzt fortgesetzt werden,

„[d]enn mit der Globalisierung der Wettbewerbsbedingungen beschleunigt sich auch der ökonomische und technologische Wandel, was beispielsweise in einer Verkürzung der Produktlebenszeiten erkennbar wird“ (Schubert 2008: 9). Netzwerke bieten Unternehmen die Möglichkeit, die wachsende Unsicherheit zu kompensieren und den gestiegenen Druck auf effiziente Art abzufangen, indem sie den Akteuren mehr Flexibilität ermöglichen. Die zusätzlichen benötigten Ressourcen werden auf das Netzwerk verlagert und bedarfsweise abgerufen. Dadurch können die komplexen Anforderungen bewältigt werden, die alle Unternehmen betreffen, aber die Ressourcen des einzelnen Unternehmens übersteigen (vgl. Sydow 2010). Lose und schnell veränderbare Organisationsstrukturen treten an die Stelle von klassischen Hierarchien. Netzwerke dienen damit der Minimierung des Risikos jeder einzelnen Unternehmung in einer zunehmend komplexer werdenden Umwelt. Die Beteiligten werden dadurch in die Lage versetzt, „variabel auf den Anstieg der Geschwindigkeit der Erneuerungszyklen des Wissens und Handelns zu reagieren“ (Schubert 2008: 12). Netzwerke zeichnen sich damit insbesondere durch ihre Anpassungsfähigkeit an schnellen Wandel aus.

Netzwerkbildung lässt sich gerade für kleine und mittlere Unternehmen als Äquivalent zur Fusion bei Großkonzernen begreifen (vgl. Becker et al. 2007: 6). Wo Großkonzerne ihre Handlungsspielräume und den Zugriff auf Wissen und andere benötigte Ressourcen durch Fusionen erweitern, müssen kleinere Unternehmen kooperieren. Kooperation wird auch hier zu einem strategischen Mittel, um die aktiven Beteiligungsmöglichkeiten der Beteiligten hinsichtlich ihrer Märkte zu vergrößern. „Die Organisationskooperation kann somit als Zusammenarbeit zwischen einer überschaubaren Anzahl selbständiger Organisationen zur Erzielung gemeinsamer Vorteile verstanden werden“ (Schubert 2008: 14).

Neben den erhofften positiven Effekten können Netzwerke jedoch auch eine Reihe von Kosten und Risiken verursachen, etwa die Einschränkung der Selbständigkeit, komplizierte Abstimmungsprozesse, den Abfluss von Wissen und die Erhöhung der Abhängigkeit von Partnern. Durch Netzwerke werden zudem die Handlungsoptionen des einzelnen Unternehmens komplexer: zwar erhöht sich die Anzahl zusätzlicher Wissensquellen, gleichzeitig steigt aber auch die Anzahl von Akteuren und Handlungsebenen, mit denen das Unternehmen konfrontiert ist. Für Unternehmen ist die Beteiligung an Netzwerken zunächst vor allem eine Investition – etwa durch zusätzlichen Zeitaufwand und weitere Kosten – deren positive Auswirkungen auf das eigene Unternehmen nicht greifbar sind. Gerade in der Aufbauphase eines Netzwerks sind die Aufwände hoch.

Die Anforderungen und Zielsetzungen unterscheiden sich je nach Art des Netzwerks. Netzwerke lassen sich etwa nach ihrer Steuerungsform, ihrer zeitlichen Stabilität, der räumlichen Ausdehnung, ihrer Formalität oder ihren Grenzen typisieren (vgl. Müller-Jentsch 2003: 123f.). Es kursieren zahlreiche Typologien von Netzwerken von verschiedenen Wissenschaftlern wie Balling (1998), Sydow (2010) oder Reiß (2000). Prinzipiell sind die Typisierungsmöglichkeiten nahezu grenzenlos. Sydow nennt mehr als 20 Typisierungsmöglichkeiten (Sydow 2010: 380). Auf dieser Basis schlägt er eine Typologie mit folgenden vier Arten von interorganisationalen Netzwerken vor:

Ÿ Strategische Netzwerke umfassen Unternehmen unterschiedlicher Größe, werden jedoch strategisch von Großunternehmen geführt und sind räumlich verteilt bis hin zu internationalen Netzwerken. Sie zeichnen sich durch stabile Interaktionsbeziehungen und eine eher intentionale Struktur aus.

Ÿ Regionale Netzwerke umfassen eher kleine und mittlere Unternehmen mit unterschiedlich ausgeprägter Kooperationsstruktur von emergent hin zu hierarchisch. Es existiert eine räumliche Konzentrierung.

Ÿ Projektbezogene Netzwerke umfassen Unternehmen und Institutionen unterschiedlicher Größe mit einer projektübergreifenden Struktur und einer eindeutigen Aufgabenverteilung bei engen Interaktionsbeziehungen. Derartige Netzwerke sind sowohl räumlich zentriert als auch dezentral denkbar.

Ÿ Virtuelle Unternehmungen sind eine durch das Internet unterstützte Organisationsform von Unternehmensnetzwerken. Die Unternehmen stehen über Informationsund Kommunikationstechnologien projektbasiert in Verbindung.

Für die Fragestellung dieser Arbeit interessieren uns die aufgeführten regionalen Netzwerke (vgl. im Folgenden Sydow 2010: 383f.). Ein regionales Netzwerk bietet Unternehmen aus betriebswirtschaftlicher Sicht mehrere Vorteile: Zum einen fällt das Auslagern von Unternehmensaufgaben leichter, da es zahlreiche andere Akteure entlang der Wertschöpfungskette im unmittelbaren räumlichen Umfeld gibt. Dadurch findet eine institutionelle Ausdifferenzierung von Produktionsketten statt und Netzwerkstrukturen der Unternehmenszusammenarbeit entstehen. Aus Unternehmensperspektive kann die Ansiedlung in einem Cluster daher betriebswirtschaftlich interessant sein, um spezifische Wertschöpfungsaktivitäten dort zu etablieren. Durch die Ko-Präsenz von Unternehmen einer Branche in einer Region sind die einzelnen Unternehmen über die Produktionsbedingungen und Produkte der Konkurrenz informiert. Lernund Verbesserungsprozesse werden in Gang gesetzt. Wirtschaftswissenschaftlich betrachtet verringern regionale Netzwerke so die Transaktionskosten (vgl. Scott 1998). Weitere Vorteile sind etwa ein Pool an qualifizierten Arbeitskräften und Benchmarking durch Konkurrenzbeobachtung. Ein besonders relevanter Vorteil von Clustern liegt jedoch in der ihnen zugeschriebenen Eigenschaft, die Entstehung von Innovationen zu befördern.

Unter den gegenwärtigen Bedingungen wettbewerbsorientierten Wirtschaftens wird von Unternehmen eine hohe Innovationsfähigkeit verlangt, um international konkurrenzfähig zu bleiben können (vgl. Baptista 1998). Insbesondere ist davon der High-Tech-Sektor betroffen, dem zwar großes Potential zugeschrieben wird, Wirtschaftswachstum voranzutreiben, der aber gleichzeitig auch stark forschungsintensiv ist (vgl. Castells/Hall 1994; Scott 1998). Fortwährenden Innovationen wird unter dem Eindruck des weltweiten Standortwettbewerbs allein noch die Möglichkeit zugeschrieben, Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum und Wohlstand in den alten Industrienationen zu sichern (vgl. z.B. Gerybadze 2004; Hauschildt 2004; Nordfors 2004; OECD 2000). Da die westlichen Industrienationen keine Kostenführerschaft über Schwellenländer mehr erzielen können, ist Wachstum lediglich durch die Möglichkeit, Innovationsführer zu bleiben, möglich.

Innovationen sind jedoch von gesteigerter Komplexität und häufig interdisziplinär angelegt, zudem haben sich die Innovationszyklen beschleunigt, so dass es einzelnen Akteuren schwer fallen mag, alle benötigten Kompetenzen in sich zu versammeln und die notwendigen Ressourcen bereitzustellen (Meier zu Köcker/Buhl 2008: 7). Gleichzeitig erfordern Innovationen eine hohe Spezialisierung und Tiefenwissen in Teilbereichen, so dass wesentliche Wissensbestände und Ressourcen abseits der Spezialisierung fehlen. Wo sich Unternehmen zusehends auf ihre Kernkompetenzen beschränken und Teile ihres bisherigen Geschäfts durch Outsourcing nach außen vergeben, existieren wesentliche Wissenslücken im Unternehmen. Die Spezialisierung erschwert auch die Kommunikation über die Fachgrenzen hinaus.

In der Management-Literatur hat sich in den letzten Jahren ein Paradigmenwechsel vollzogen, der zu einem neuen Innovationsverständnis geführt hat, beeinflusst v.a. durch die Arbeiten von Henry Chesbrough (vgl. Chesbrough 2003, Chesbrough/Vanhaverbeke/West 2006; Howaldt/Kopp/Beerheide 2011). Heutige Innovationsprozesse sind danach dadurch geprägt, dass sie nicht länger auf geniale Einzelleistungen – sei es durch Erfinder oder Unternehmer – zurückgehen, sondern auf ein Netzwerk von Zuträgern und Teilhabern aufbauen, das Unternehmensgrenzen transzendiert (vgl. Sternberg 1999). Innovationen sind dabei ein Ergebnis kollektiver Lernprozesse. Wo früher Innovation als ein Prozess gesehen wurde, der innerhalb eines Unternehmens in der F&EAbteilung von unternehmenseigenen Forschern und unter möglichst großer Abschottung zur Unternehmensumwelt abgewickelt wird, damit Wettbewerber nicht zu früh von aktuellen Forschungsvorhaben erfahren, wird stattdessen nun vorgeschlagen, einem Verständnis von Open Innovation zu folgen (vgl. Chesbrough 2003). Wo das alte Verständnis vor allem durch ein Kontroll-Paradigma geleitet wurde, steht die Teilhabe und gemeinsame Entwicklung im Netzwerk zentral im neuen Innovationsverständnis. Es folgt der grundlegenden Annahme, dass es heutzutage nicht mehr möglich sei, die besten Forscher und Experten für ein Unternehmen zu verpflichten und dieses nach außen abzuschotten. Daher müsse es dem neuen Innovationsverständnis folgend eine Zusammenarbeit von Experten von innerhalb und außerhalb des Unternehmens geben. Explizit ist damit auch die Einbindung von Kunden und Nutzern und selbst Konkurrenten gemeint. Dem Paradigma der Open Innovation zufolge ist nicht derjenige erfolgreich, der selber die besten Ideen hat, sondern vielmehr der, der eigene und fremde Ideen auf ideale Weise miteinander kombiniert und zu einem Markterfolg werden lässt. Systematische Kooperation und zielgerichtete Kommunikation mit verschiedensten Stakeholdern wird damit unverzichtbar (Zerfaß 2005: 22). Zusammenarbeit mit anderen Akteuren ist notwendig, um das benötigte Ausmaß an Kompetenzen zu versammeln – dies gilt insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Dies können sowohl Wettbewerber sein (etwa bei der Etablierung von neuen Standards) oder Anbieter mit komplementären Kenntnissen entlang der Wertschöpfungskette.

Regionale Netzwerke bieten also Rahmenbedingungen für Unternehmen, um die nötigen Kompetenzen für Innovationen zusammenzuführen (vgl. Meier zu Köcker/Buhl 2008: 15). Aus Perspektive des betriebsinternen Controllings ist es wesentlich, dass der durch die Mitwirkung des Unternehmens in einer Clusterorganisation erzielte Mehrwert für das Unternehmen höher als die getätigten Investitionen ist – seien sie personeller oder finanzieller Art. Mögliche Ausprägungen dieses Mehrwerts können etwa „zusätzliche Einnahmen, Lizenzeinnahmen, Kostenreduktion, verkürzte Entwicklungszeit, verringertes finanzielles Risiko etc.“ sein (BMWi 2013: 8). Das Ausweisen dieses Mehrwerts – insbesondere das Überführen in ein geeignetes Kennzahlensystem, das sowohl materielle als auch immaterielle Werte enthält, ist eine Herausforderung an das Controlling und wird von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich organisiert sein. In manchen Unternehmen mag es gar keine Erfassung oder nur eine Erfassung der materiellen Werte (Mitgliedsgebühr etc.) geben, in anderen mag das System ausgereifter sein. Entsprechend wird sich auch die Einschätzung des Wertes der Mitwirkung an einer Clusterorganisation von Unternehmen zu Unternehmen unterscheiden.

 
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