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Konzeptionelle Aspekte

Meuser und Nagel (1991) plädieren für die Anwendung eines offenen Interviewleitfadens, da die Forschenden hierdurch sowohl „dem thematisch begrenzten Interesse des Forschers an dem Experten wie auch dem Expertenstatus des Gegenübers“ (Meuser & Nagel 1991: 448) gerecht werden. Indem sich die Forschenden im Kontext der Erarbeitung des Leitfadens, der die Gestalt von Themenkomplexen oder von konkreten Fragestellungen einnehmen kann, mit den zu thematisierenden Inhalten vertraut machen müssen, wird der Gefahr, inkompetent zu erscheinen, entgegengewirkt. Eine flexible Handhabung des Leitfadens während der konkreten Interviewsituation gewährleistet eine Offenheit für die Relevanzsetzungen der Expertin/des Experten (vgl. Meuser & Nagel 1991: 448449).

Expertenbegriff und Expertenwissen

Nach Meuser und Nagel (1991) handelt es sich bei der Zuschreibung ,Expertin' bzw. ,Experte' um einen „relationalen Status“ (Meuser & Nagel 1991: 443). Die Zuschreibung ist vom jeweiligen Erkenntnisinteresse abhängig und wird von den Forschenden vorgenommen. Um einer Willkürlichkeit bei der Vergabe des Expertenstatus entgegenzuwirken, benennen Meuser und Nagel zwei Bedingungen für dessen Zuschreibung:

„Als Experte wird angesprochen, wer in irgendeiner Weise Verantwortung trägt für den Entwurf, die Implementierung oder die Kontrolle einer Problemlösung oder wer über einen privilegierten Zugang zu Informationen über Personengruppen oder Entscheidungsprozesse verfügt.“ (a.a.O.: 443)

Es wird also nicht, wie beispielsweise beim autobiografisch-narrativen Interview, die gesamte Biografie der interviewten Person fokussiert. Die Expertin bzw. der Experte in ihrer/seiner Funktion „innerhalb eines organisatorischen oder institutionellen Kontextes“ (Meuser & Nagel 1991: 442-444), die damit verbundenen Zuständigkeiten und Aufgaben sowie die daraus resultierenden spezifischen Wissensbestände „im Sinne von Erfahrungsregeln, die das Funktionieren von sozialen Systemen bestimmen“ (a.a.O.: 446) stehen im Fokus dieser Interviewform. Die Expertin bzw. der Experte „besitzt die Möglichkeit zur (zumindest partiellen) Durchsetzung seiner Orientierungen. Indem das Wissen des Experten praxiswirksam wird, strukturiert es die Handlungsbedingungen anderer Akteure in seinem Aktionsfeld in relevanter Weise“ (Bogner & Menz 2002: 46).

Die Überlegungen zum Expertenbegriff und damit verbunden zum Expertenwissen haben ihre Wurzeln in den wissenssoziologischen Arbeiten von Alfred Schütz (1972) [1] und Walter M. Sprondel (1979). Bei Schütz ist das Expertenwissen ein thematisch klar abgegrenztes, verfügbares Wissen. Es fußt auf einem System von auferlegten Relevanzen, die sich aus den fachspezifischen Problemen ergeben und die der Experte für sein Handeln und Denken als wesentlich anerkannt hat (vgl. Schütz 1972: 96). Sprondel definiert das Expertenwissen im Vergleich zum Laien als ein problembezogenes Sonderwissen, das an eine Berufsrolle gekoppelt ist (vgl. Sprondel 1979: 141). Sowohl bei Schütz als auch bei Sprondel ist das Sonderwissen den Expertinnen und Experten bewusst und als solches auch jederzeit abrufbereit. Meuser und Nagel (2010) erweitern dieses Verständnis von Expertenwissen, indem sie das implizite Expertenwissen als bedeutungsvoll charakterisieren. Dieses steht den Expertinnen und Experten nicht unbedingt reflexiv zur Verfügung, ist aber als subjektiv handlungsleitend zu betrachten und kann – wie bei Schützes und Sprondels Ausführungen zum reflexiv verfügbaren Sonderwissen – als auferlegte Relevanzen verstanden werden (vgl. Meuser & Nagel 2010: 463). Die beiden Autoren merken hierzu an:

„Wissenssoziologisch gesehen haben wir es hier mit implizitem Wissen zu tun, mit ungeschriebenen Gesetzen, mit einem Wissen im Sinne von funktionsbereichsspezifischen Regeln, die das beobachtbare Handeln erzeugen, ohne dass sie von den Akteurinnen explizit gemacht werden können.“ (a.a.O.: 463)

In der vorliegenden Studie kommt im Sinne der methodologischen Überlegungen von Meuser und Nagel sowie Bogner und Menz das theoriegenerierende Experteninterview zum Einsatz.

  • [1] In seinem Aufsatz „Der gut informierte Bürger“ (Schütz 1972) unterscheidet Schütz drei Idealtypen von Wissen: den Experten, den Mann auf der Straße und den gut informierten Bürger (vgl. Schütz 1972: 87). Es handelt sich hierbei um theoretische Konstruktionen, die keiner empirischen Überprüfung unterzogen wurden
 
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