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5.5 Charakteristika der ausgewählten Branchenkomplexe

Im Folgenden sollen nun die Charakteristika der drei ausgewählten Branchenkomplexe Kreativwirtschaft, Automobilwirtschaft und Gesundheitswirtschaft sowie ihr Bezug zum Clusterkonzept erläutert werden.

5.5.1 Kreativwirtschaft

Unter dem Begriff Kreativwirtschaft werden mehrere Branchen zusammengefasst, in denen der kreative Prozess im Zentrum der wirtschaftlichen Tätigkeit steht (vgl. Söndermann 2009: 3). Der Ursprung dieser Perspektive liegt in Großbritannien, wo seit den 1980er Jahren vermehrt die „Creative Industries“ ins Blickfeld des wirtschaftspolitischen Interesses geraten sind – zunächst auf lokaler Ebene, ab 1997 unter der neuen Labour-Regierung dann auch auf nationaler Ebene. Das Department for Culture, Media and Sports der britischen Regierung verfasste in der Folge einen Creative-Industries-Bericht, in denen der Branchenkomplex erstmals definiert wurde (vgl. DCMS 1998).

In den Folgejahren machte das Creative-Industries-Konzept auch in anderen Ländern Karriere, zum Teil jedoch unter leicht veränderter Begrifflichkeit. In den skandinavischen Ländern ist etwa der „Experience Industries“ gebräuchlich (vgl. Power 2009), in Deutschland wurde der Begriff überlagert vom bereits etablierten Begriff Kulturwirtschaft (vgl. Söndermann et al. 2009). Diese Variationen gehen auch einher mit jeweils unterschiedlichen Branchenzuschnitten, so dass die Einigung auf eine einheitliche Definition lange herausgezögert wurde.

Zusätzlich verstärkt wurde die Karriere des Kreativwirtschafts-Begriffs durch das Konzept der Kreativen Klasse, das der US-amerikanische Wirtschaftsgeograph Richard Florida 2002 in die Debatte einführte (vgl. im Folgenden Florida 2002), und das einen enormen Einfluss auf die lokale und regionale Wirtschaftsförderung hatte. Wissen und Kreativität sind nach Florida die entscheidenden Faktoren, die über den wirtschaftlichen Erfolg von Städten und Regionen entscheiden. Attraktive Standorte zögen danach gebildete und mobile Eliten an, deren Existenz vor Ort wiederum ein Grund für Unternehmen sei, sich dort anzusiedeln.

Mit der Initiative Kulturund Kreativwirtschaft verfolgt auch die deutsche Bundesregierung seit 2007 eine nationale Strategie zur Förderung dieses Wirtschaftsbereichs. Im Rahmen eines Forschungsgutachtens (vgl. Söndermann et al. 2009) wurden dabei auch erstmals die Branchen festgelegt, die die Kulturund Kreativwirtschaft in Deutschland umfasst: den Architekturmarkt, den Buchmarkt, die Designwirtschaft, die Filmwirtschaft, den Kunstmarkt, den Markt für darstellende Künste, die Musikwirtschaft, den Pressemarkt, die Rundfunkwirtschaft, die Software-/Games-Industrie und den Werbemarkt.

Auch bei der Europäischen Kommission ist seit 2009 verstärkt die Kreativwirtschaft ins Augenmerk des politischen Interesses gerückt. 2009 wurde so etwa als „Europäisches Jahr der Kreativität und Innovation“ festgelegt, mit zahlreichen Konferenzen und Initiativen auf europäischer und regionaler Ebene. Ebenso wurde im Herbst 2010 ein Grünbuch Kreativwirtschaft vorgestellt, Unlocking the potential of cultural and creative industries, mit dem die Grundzüge der zukünftigen Politik in diesem Bereich definiert wurden (Europäische Kommission 2010).

Die Kreativwirtschaft erlangt ihre Bedeutung durch die hohe Zahl der Beschäftigten in diesem Bereich und die Aussicht auf weiteres Wachstum (vgl. Europäische Kommission 2010: 2; Söndermann et al. 2009: 3). Ebenso erfordert die Tätigkeit in der Kreativwirtschaft häufig eine hohe Bildung und die Bereitschaft, permanent umzudenken. Die Kreativwirtschaft ist „durch einen vielschichtigen Mix von technologischen und nicht-technologischen Innovationen geprägt. Zum einen ist sie in starkem Masse [sic!] Nutznießer technologischer Innovationen. Zum anderen ist sie selbst ein wichtiger Akteur, der technologische Innovationen herausfordert und vorwärts treibt“ (vgl. Söndermann/Weckerle 2008: 8). Kritisch ist jedoch anzumerken, dass die Kreativwirtschaft ebenso einen „Hochrisikobereich mit extrem schwankendem Markterfolg“ (vgl. ebd.) bildet, da sie stark von Moden und schwer prognostizierbaren Trends abhängig ist. Zudem ist die Kreativwirtschaft vielfach durch prekäre Arbeitsbedingungen und kurzfristige, projektbezogene Arbeit geprägt, die Unsicherheit für Arbeitnehmer erzeugen.

Von der Wirtschaftsstruktur her ist die Kreativwirtschaft vor allem „durch kleinere und mittlere, oft eigentümergeführte Unternehmen geprägt und kleinräumig-urban verankert“ (Sailer et al. 2007: 1). Aufgrund dieser Struktur nehmen Netzwerke zwischen Firmen eine besondere Bedeutung für die Kreativwirtschaft ein, um komplementäre Kompetenzen zwischen den Firmen zu ergänzen und so größere Aufträge zu gewinnen, aber ebenso, um sich in einem häufig projektbasierten Geschäft als Dienstleister ins Gespräch zu bringen.

Selten verfügen diese Unternehmen über genügend eigenständige Ressourcen – und Erfahrungen – ein professionelles Kommunikationsmanagement mit internationaler Reichweite durchzuführen. Entsprechend groß sind die Probleme der kleinen Kreativunternehmen, sich in der öffentlichen Wahrnehmung als relevante Wirtschaftsakteure durchzusetzen. Gleichzeitig nimmt aber die Kreativwirtschaft einer Region eine bedeutende Schlüsselrolle in den globalen Veränderungen der Wirtschaftssysteme ein: Die Kreativwirtschaft wird zu einem elementaren Standortfaktor im Übergang zur Wissensund Informationsgesellschaft (vgl. ebd.). Dadurch wird es auch für die Politik interessant, Cluster der Kreativwirtschaft zu fördern, um sich als innovativer Standort zu positionieren.

Cluster der Kreativwirtschaft standen in der Vergangenheit zum Teil bereits im Fokus von wissenschaftlichen Untersuchungen, jedoch meist im Kontext von Medienclustern (vgl. Bathelt 2002; Krätke 2002; Pratt 2004; Huttenloher 2006). Bis auf Huttenloher, der eine Fallstudie des Multimedia-Clusters Berlin für die Untersuchung des Clusterkonzepts im Rahmen von Standortmarketing-Maßnahmen heranführt, spielte Kommunikation dabei jedoch so gut wie keine Rolle.

 
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